Allein auf Reisen – Die Sache mit der Einsamkeit

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Früh am morgen, wenn mein Kopf noch nicht zu Höchstleistungen fähig ist, stehe ich oft mit einer Tasse Kaffee am Fenster und hänge meinen Gedanken nach. Heute will mir ein Satz vom gestrigen Telefonat mit meinem Vater nicht mehr aus dem Kopf: „Da hatte ich schon drei Stunden des Tages herum!“, gestand er freudestrahlend und etwas verlegen mir über Facetime. Zwei Damen, natürlich viel älter als er, haben ihn auf dem Weg zum Friedhof zu einem Gespräch auf der Parkbank „verwickelt“. Ein Charmeur mit Humor ist mein Vater und ich kann mir richtig vorstellen, wie er die beiden älteren Damen umgarnt hat und alle drei einen netten Mittagsplausch zusammen verbracht haben. Es war ein guter Tag für meinen Vater. Damit auch ein guter Tag für mich. Aufgeweckt plauderte er abends via Facetime mit mir, wiederholt ständig seine Erlebnisse des Tages. Die Wiederholungen sind der Demenz geschuldet. Ich bin froh, dass er noch alleine klar kommt, eine eigene Wohnung hat – auch wenn das inzwischen für mich viel Zeit meines Lebens in Anspruch nimmt. Wer weiß, wie lange das noch so gehen kann?

So sehr ich mich freue, zu verreisen – ein klein wenig Schwermut ihn alleine zu lassen, schwingt bei mir immer mit. Nach dem Tod meiner Mutter bin ich so etwas wie ein Ersatzanker für ihn geworden – ein Stück Sicherheit im vergesslichem Trudel des Alltags. Ein Hoch auf die neuen Europahandytarife. Ich bin diejenige, die abends über Facetime immer ihren Papa anruft – trotz meiner inzwischen fast 45 Jahre auf dem Buckel ;-)
„Reise! Geh unter Menschen! Genieße das Leben.“, sagt er so oft wie er kann und versucht seine Einsamkeit vor mir zu verstecken.

Warum schreibe ich Euch das?

Ein Plädoye an das Alleinsein auf Reisen! Macht es. Es tut gut! Ich erinnere mich an eine Übung aus meiner Coachausbildung. Wir sollten in einem Kreisdiagramm aufmalen, wie unsere 24 Stunden aussehen. Emsig notierten wir unseren Tagesablauf: Aufstehen, waschen, anziehen, arbeiten, einkaufen und was uns sonst so einfiel, womit wir die 24 Stunden unseres Tages füllen. Der Kreis erhielt immer mehr „Kuchenstücke“, alles Zeiteinheiten unseres Tages. Aber Moment mal – wo war da Zeit für uns? Keiner von uns hatte das in seinem persönlichem Kuchen bedacht. Hier und da wurde ein Hobby eingetragen, meist aber doch effizient oder vernunftsorientiert. Was alle gemeinsam hatten: Es fehlte die Zeit für uns…

Ich-Zeit

Rheinland-Pfalz hat das Wort Ich-Zeit für mich entscheidend geprägt. Steht es dort primär für den Fokus Wellness und Gesundheit, setze ich es für mich für eine positive Konzentration auf sich selbst. Anders beschrieben: Bevor ich das erste Mal alleine auf Reisen war (und ich meine jetzt nicht Geschäftsreisen), war die Vorstellung daran für mich ein Horror. Nie und nimmer wollte ich das tun. So war meine Einstellung vor Jahren. Wie ich mich irren konnte! Ab und zu alleine zu verreisen ist himmlisch! Keine Absprachen, welche Ausflugsziele man erkunden will. Man selbst bestimmt den Rhythmus und die Erlebnisse. Keine Diskussionen über die Tagesgestaltung. Ich für meinen Teil muss mich keiner Laufgeschwindigkeit anpassen (als Übergewichtige doch eher langsam unterwegs), sondern ich bestimme den Takt. Ich halte an, wenn ich mag, ich pausiere so lange für ein Foto, wenn ich meine, jetzt habe ich den Moment für mich richtig eingefangen. Kein Getriebensein, sondern treiben lassen… Zeit für sich, ganz alleine, ganz einsam – und das tut gut, gibt Kraft. Meine nächste Reise allein geht nach Ostfriesland und ich freue mich schon sehr darauf.

Ich werde öfters gefragt, ob Alleinreisen nicht langweilig ist und einsam macht? Ganz klare Antwort: Nein. Im Gegenteil: Alleinreisend habe ich neben der Zeit für mich viel mehr Kontakte unterwegs geknüpft und vor allem Geschichten hinter den Menschen erfahren dürfen. Also solltet Ihr wie ich früher, noch nie alleine verreist sein, mein Tipp für Euch: Einfach mal die Handbremse ziehen, mit Ausflügen und Reisen, alleine für sich Zeit genießen, um dann wieder mit Elan und Schwung den ersten Gang einzulegen.

So stand ich heute morgen mit der leeren Kaffeetasse am Fenster und dachte über die zwei Seiten der Einsamkeit nach. Wie so oft, ist das Maß wohl entscheidend…

Wie sind Eure Erfahrungen zum Alleinreisen?

 

 

18 Kommentare

  1. Ich war mit Mitte zwanzig das erste Mal ganz alleine unterwegs: Last Minte Flug nach Florida gebucht, und 1 Woche mit dem Mietauto alleine unterwegs.
    Das war für mich eine große Herausforderung: 5-spurige Highways, mein Englisch nicht so gut, wenig bis gar keine Infos über Florida…
    Als ich am Strand irgendwo auf den Keys saß fühlt ich mich auf einmal sehr stark und war unheimlich stolz auf mich. Trotzdem fühlte ich mich manchmal einsam, und hätte mir einen Gesprächspartner (außer dem Barkeeper oder der Rezeptionistin) gewünscht! Alles in einem eine Erfahrung, die ich nie missen möchte!

  2. Ich reise meistens mit der Familie. Und wenn ich alleine reise, dann beruflich und ich nutze die Zeit, abends oder zwischen durch noch mehr zu arbeiten. Früher war ich viel alleine unterwegs, mit einem Buch und mir alleine zufrieden. Manchmal fehlt mir das heute, aber wenn ich mal einen Tag alleine war, dann fehlt mir die Familie wieder. Es liegt alles am zu findenden Gleichgewicht !

  3. Hallo Tanja,
    ich bin kein Mensch für Fernreisen, weil es in Deutschland und Europa noch so viel zu entdecken gibt, daher gilt das auch nur für diesen Bereich:
    ich reise nur noch alleine. Letztes Jahr habe ich eine Ausnahme gemacht, das war ein Fehler. Ich mag keine Rücksicht mehr nehmen. Ich will nur noch das anschauen, was ich wirklich sehen möchte, ich möchte eine Fototour machen, wenn’s mir danach ist und das langweilt jemanden, der nichts mit Fotografie am Hut hat. Ich – ich – ich…. ich merk’s schon. Macht aber nix, deswegen unternehme ich diese Dinge ja alleine :-)
    Mir fehlt beim Frühstück nix, einzig abends, wenn man den Tag Revue passieren lässt, wäre ein Gesprächspartner schön. Aber wirklich fehlen tut er mir nicht ;-)
    Liebe Grüße
    Gitta

  4. Es gibt Zeit fürs Alleinsein und Zeit für richtig viel Gesellschaft. Alles ist schön. Zum richtigen Zeitpunkt. Wenn man ständig unter Menschen ist, ständig berieselt wird von Meinungen, Wünschen und mehr, sehnt man sich wahrscheinlich mehr Ich-Zeit. Und umgekehrt. Ich habe waaaaahnsinnig gerne Zeit für mich. Auch zum Reisen. Aber die ist viel zu knapp bemessen. Manchmal wünsche ich mir, ich wäre eine ganze Woche lang nur für mich : ) Liebe Grüße, Jutta

  5. Liebe Tanja

    ich genieße seit 2007 mein Singledasein, eher mit zunehmender Tendenz. Wandern allein, wunderbar!
    Städtetripps allerdings, würde ich dann eher zusammen mit einer Freundin genießen, da überschwemmen mich dann eher Hemmungen, ebenso wie ein Abendessen so ganz alleine.

    Alles hat Vor- und Nachteile
    Einen lieben Singlegruß
    Elke

    • Liebe Elke, danke auch Dir für Deinen Kommentar. Es gab Zeiten, da habe ich auch alleine etwas unsicher am Tisch eines Restaurants gesessen. Verschämt mich etwas zur Seite umgeschaut und immer wieder gefragt, was die anderen wohl denken, dass ich hier so „einsam“ sitze.
      Vielleicht weil ich es oft genug gemacht habe: Dieses Gefühl ist weg. Was andere, fremde Menschen über mich denken ist mir inzwischen egal bzw. diese Frage kommt gar nicht mehr in meinem Kopf.
      Genieße Weiter, es macht so viel Spaß :-)

  6. Liebe Tanja,

    das ist wieder ein sehr offener und persönlicher Beitrag von Dir.
    Ich bin letztes Jahr – nach über 20 Jahren – zum ersten Mal wieder alleine auf Reise gegangen und habe es so genossen, das ich es dieses Jahr wieder machen werde. Es gibt in den Kommentaren zu diesem Post einige gute Sätze. Den von Ingo mit dem Egoisten zum Beispiel. Genau das ist auch mein Beweggrund, alleine zu verreisen. Aber genauso verstehe ich auch Chris. Und Janett. Und …

    Ich muss aber auch sehr ehrlich dazu sagen, das für mich das alleine Reisen so schön ist, weil ich meine Erlebnisse und meine Freude trotzdem mit meinem Partner teilen kann, und er sich für mich freut, wenn ich etwas schönes erlebt habe.

    Ein ganz toller Post, der wirklich sehr zum Nachdenken und Gedankenaustauschen angeregt hat. Vielen Dank dafür.

    Liebe Grüße, Heike

  7. Sagen wir mal so, ich habe mich in einigen Zeilen wiedererkannt, denn in den letzten Jahren war ich auch alleine unterwegs. Ich habe kein Problem damit, denn ich habe die Fäden so selber in der Hand, kann den Tag planen oder stundenlang wo rumstehen, weil ich genau da ein Foto benötige. Was manchmal fehlt ist die Lust im Restaurant zu sitzen, weil ich ungerne alleine auf mein Essen warte (Frühstück im Hotel ausgenommen, weil ich da eh noch halb schlafe ;-)), oder die Möglichkeit Abends den Tag nochmal Revue passieren zu lassen. Dafür gibt’s dann SocialMedia, wo ich „euch“ bis zum Schlafengehen vollquatsche :-). Vielleicht gründen wir irgendwann die Gruppe der zusammenreisenden Alleinreisenden :-).

    LG Michael

  8. Liebe Tanja,
    ich bin auch furchtbar gerne alleine auf Reisen. Früher mehr als heute … ;-) … ich habe damals aber auch ganz besonders Fernreisen alleine genossen. Ich habe – insbesondere in den USA – immer gute Erfahrungen gemacht und tolle Menschen kennengelernt (auch wenn ich mich hinterher manchmal erschrocken habe, in welche Situationen ich mich gebracht habe …) und möchte diese Zeit nicht missen. Ich musste mich nach niemanden richten und konnte all das machen, was ich wollte … ich habe daher bis heute auch keine Probleme alleine in ein Restaurant zu gehen …
    Viele Grüße
    Martina

  9. Liebe Tanja!

    Mir geht es da genau wie Dir. Ich geniesse das Alleinreisen sehr. Zuhause bin ich beruflich eng getaktet und habe viel um die Ohren. Ständig musst Du funktionieren und Dich um die Dinge kümmern, die so anfallen. Insofern geniesse ich die Zeit alleine auch. Machen können, was ich will, mir morgens so viel Zeit lassen, wie ich dann brauche um wach zu werden, Pausen machen, wenn mir danach ist. Herrlich!
    Und überhaupt tut mir die Zeit mit mir selbst auch gut. Ich komme immer total aufgeräumt wieder nach hause. Eine wirklich wertvolle Zeit!
    Liebe Grüße!

    Maike

  10. Allein zu Reisen ist toll! Ich habe noch nie so viele Menschen kennen gelernt oder neue Dinge entdeckt! Zu zweit ist man doch immer mehr auf den Partner fixiert.

    Ich find essen gehen am Abend allein nicht optimal, aber in jedem Fall machbar. Natürlich wünsche ich mir manchmal auch jemanden an meiner Seite, aber ich weiß, dass auch diese Zeit wieder kommen wird und solange genieße ich einfach den Luxus des allein Reisens.

  11. Tja Tanja …. interessanter Standpunkt.
    Du hast das sehr schön (und vor Deinem Hintergrund völlig nachvollziehbar) dargestellt.

    Für mich (und in meiner Situation) trifft das Gegenteil zu. Du scheinst zu genießen, was für mich lediglich bedeutet, aus der Not eine Tugend zu machen.
    Ich habe es genossen, gemeinsame Aktionen (oder auch Nicht-Aktionen) zu planen und zu verbringen. …. und wenn ich besonders glücklich oder auch nur zufrieden war, hatte ich immer das Bedürfnis, es nicht nur für mich zu haben, sondern es zu teilen ….

    Anyway … Du hast es wieder mal geschafft, mich für einen Augenblick zum Nachdenken zu bringen.

    Danke und ganz liebe Grüße!

    Chris

    • Danke für Deinen Kommentar, der mich wieder zum Nachdenken bringt ;-) Glückliche Momente zu teilen, ist wunderschön. Ein Punkt, warum ich das Social Web auf Reisen liebe, dort live poste und von meinen Erlebnissen berichte und natürlich im Nachgang hier im Blog schreibe. Ich krame in meinen Erinnerungen und ja, es gibt Momente, die besser zu zweit waren und wunderschön waren, dass man sie gemeinsam erlebt hat. Ich bin ein Mensch, der gern unter Menschen ist und das auch braucht. Allerdings sind die Ich-Zeiten, meine Auszeit ganz für mich allein in den letzten Jahren immer wichtiger geworden. Vielleicht eine Sache des Alters? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall genieße und freue ich mich sehr auf diese Momente des Alleinreisens. Je mehr ich über Deinen Kommentar nachdenke, glaube ich, dass der Blog und das soziale Netz wirklich diesen Punkt ein Stück kompensiert.

  12. Ich kenn das mit dem Alleinreisen. Bis vor 4 Jahren hab ich immer irgendwen bequatscht bekommen mit mir zu Reisen. Dann jedoch – als Frischsingle – wollt ich einfach mal meine Ruhe haben. Zeit für mich. Nur für mich. Und ich genieße es. Auch wenn es zwei drei Dinge gibt, die etwas doof sind. Frühstücken oder Essen gehen im Allgemeinen. Und Abends… Wenn man so viele Erlebnisse des Tages hat – und sie wieder nur der Facebooktimeline berichten kann.

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