Vom Häfn-Nigl mit Aussicht und Vergangenheit: Das Rauchstubenhaus

Schon mal was von Häfn-Nigel gehört? Gewusst, dass früher die Löffel nie gewaschen wurden? Das Hühner in der Wohnstube im Winter mehr Eier legen? Nicht? Dann unbedingt das Rauchstubenhaus in Anger erleben! Mein Tipp für eine fantastische Reise in die Vergangenheit und liebevolle Einblicke in das Leben von damals. Dazu gibt es noch beste steirische Küche und einen Schlemmergenuss aus einer Rauchkuchl nach Jahrhunderte alter Tradition.

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Anfahrt
Da hab das braun-weiße Hinweisschild zum Rauchstubenhaus glatt übersehen. Am Ortsausgang kurz gedreht und wieder zum Marktplatz von Anger gefahren, entdeckte ich das Schild bei der zweiten Durchfahrt sofort. Von hier aus geht es knapp 4 km nach Edelschachen, wo sich das Rauchstubenhaus befindet. Als ich schon fast denke, ich habe erneut eine Ausfahrt verpasst, bin ich auch schon da und fahre mitten in die Einfahrt.

Seele baumeln lassen mit leckerem Kuchen und Kaffee
Das Rauchstubenhaus gehört zum Gasthaus Almer. Es bleibt noch etwas Zeit bis zur Führung um 15 Uhr. Beste Zeit also als für einen Kaffee und Kuchen in der Sonne. Die Pfirsich-Topfen-Torte war köstlich – aber nicht das einzig gute Essen, wie ich später noch erfahren sollte. Mit Blick auf das Rauchstubenhaus genieße ich den Kaffee. Die Sonne scheint angenehm und eine leichte Brise Wind weht. Es riecht nach Heublumen und Kräuter. Beschaulich und ruhig ist es hier auf rund 800 Metern.

Steirische Heimatkunde auf besondere Art:
Brigitte, die Hausherrin gesellt sich zu mir und wir plauschen ein wenig. Ich bin heute die einzige, die das Rauchstubenhaus besichtigen möchte und so bekomme ich von ihr eine ganz tolle, individuelle Führung. Erstmalig ist das Bauernhaus 1440 erwähnt und so wie es heute dort steht ungefähr 200 – 300 Jahre alt. Brigitte öffnet die schwere Holztüre und eine Reise in die Vergangenheit beginnt…

Alte Bienenkörbe und wunderschöne Geranien zieren das alte Rauchstubenhaus

Alte Bienenkörbe und wunderschöne Geranien zieren das alte Rauchstubenhaus

Das Rauchstubenhaus macht seinem Namen alle Ehre: pechschwarz und rauchgeschwärzt ist die Decke der Stube. Schon am Eingang riecht es lecker nach Geräuchertem und Geselchtem. „Bis 1967 haben meine Großeltern hier noch gewohnt“ berichtet Brigitte mir. Als ich die Stube betrete, kann ich fast nicht glauben, dass dieses Haus inzwischen unbewohnt ist. Alles hat den Anschein, als ob die Hausbewohner jeden Moment wieder zur Tür herein kämen. Neben der gemütlichen Eckbank steht ein Kastenbett. Der Ofen nimmt großzügig Platz ein. Das Leben hat sich fast in einem Raum abgespielt.

Das Leben in einem Raum: Küche, Essplatz, Aufenthaltsraum und Schlafen in einem

Das Leben in einem Raum

Ich gehe zum Tisch und erfahre, dass auch Herr Lafer hier mit seiner Mutter für sein Kochbuch sich hat ablichten lassen, da das Rauchstubenhaus seinem Geburtshaus sehr ähnlich ist.rauchstubenhaus_vielweib

Ein Mann gesellt sich zu uns in die Stube. Erich ist Schulkamarad des Großvaters gewesen und kennt das Haus noch „lebendig“ und vor Museumszeiten. „Jeder hatte seinen eigenen Löffel.“, weiß Erich zu berichten, „und der wurde nie mit Wasser gewaschen, nur abgeleckt! Jeder hatte seinen festen Platz und“ – Erich tippt auf die Tischkante – „der Löffel wurde mit einem Lederriemen am Tisch fest gehalten.“

Brigitte und Erich lassen für mich die Geschichte wieder lebendig werden. Wie beschwerlich das Leben hier auf dem Berg gewesen sein muss. Brigitte zeigt mir eine Wassertrage, mit der das Wasser für alle Hausbewohner und für alle Tiere auf dem Hof jeden Tag geholt werden musste. Wie viele beschwerliche Wege dafür wohl bei Wind und Wetter nötig waren…

Hühnerstall im Wohnbereich

Hühnerstall im Wohnbereich

Erich zeigt auf einen Holzstall unter der Bank. „Hier wurden ein paar Hühner im Winter gehalten. Im Winter ist es zu kalt für die Hühner zum Eierlegen, so dass hier Drinnen mit etwas Wärme noch ein paar Eier möglich waren.“ klärt er mich auf.

Mich fasziniert der große Ofen in der Stube des Rauchstubenhauses. Fast wirkt er wie ein Gesamtkunstwerk auf mich. Es gibt sogar innerhalb des Kochareals einen Backofen und einen Brotbackofen. Alles wurde mit offenem Feuer bedient. „Und selbst der Kamin ist aus Holz.“, berichtet Brigitte. Ich wundere mich, dass das Haus nicht abgebrannt ist. Der Russ hängt heute noch 40 Zemtimeter tief von der Decke. Hier wurde Fleisch geräuchert und unter die Decke gehängt, während sich darunter das normale Bauernleben abspielte. Auch heute noch hängen manchmal unter der pechschwarzen Decke gebeizte Fleischstücke zum Selchen. Für mich eine komplett andere Welt. Es fasziniert mich.

Die Jahrhunderte alte Rauchkuchl

Die Jahrhunderte alte Rauchkuchl

Gespannt lasse ich mich in den nächsten Raum führen und entdecke ein weiteres Kastenbett: Tagsüber optisch wie eine Truhe, abends mit ausgezogenen Schubladen zwei Schlafmöglichkeiten auf verschiedenen Etagen. „Aufstehen mit der Sonne, schlafen gehen mit Sonnenuntergang.“ berichtet Erich und ich glaube, ich erkenne da ein verschmitztes Zwinkern in seinen Augen. Brigitte zeigt mir einen Kienspan. Falls man doch mal Licht im Dunkeln brauchte, war das die Lampe der vergangenen Zeiten.

Bucklkraxe, Waschtröge und vieles mehr schaue ich mir im Rauchstubenhaus und zu jedem Relikt der Vergangenheit höre ich spannende Geschichten aus alten Zeiten. Ich bin begeistert und kann Euch einen Besuch im Rauchstubenhaus in Anger nur wärmstens ans Herz legen. Es ist ursprünglich hier, kein „Showact“ – und genau deshalb ein Kleinod und absolutes Highlight als Ausflugsziel im Almenland und Apfelland der Steiermark.

Häfn Nigl Zubereitung

Häfn Nigl Zubereitung

Etwas ganz Besonderes im Rauchstubenhaus: Der Häfn-Nigl
„Nigl“ ist eine alte Bezeichnung für Kuchen. Ein Häfn-Nigl ist mit Hefe und schmalzausgebackener Kuchen, der in einem Topf gefertigt wird. Im Rauchstubenhaus kann man diese Kost aus Großmutterszeit genießen. Ganz stilecht wird der Häfn-Nigl im heute noch auf dem Jahrhunderte alten Ofen vom Rauchstubenwirt persönlich – und nach Großmamas Rezept – gebacken. Bei einer Gruppe von 6 – 8 Personen mit Vorbestellung ist dieses Schlemmerhighlight möglich. Serviert wird dieser besondere Kuchen mit Staubzucker (Puderzucker) oder mit Preiselbeeren. Neben dieser Nachtischvariante kann man den Häfn-Nigl auch wie ursprünglich als Hauptspeise und Salat verkosten. Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten: Mit Käse, Speck, Schinken, Pinienkernen usw. – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.
In einem großen bauchigen, gusseisernen Topf wird Schmalz auf offenem Feuer erhitzt. Die erste Teigschicht wird in den Topf gelassen, wenn die Unterseite braun geworden ist, wird gewendet und die nächste Schicht aufgetragen. Der Häfn-Nigl nimmt die Form des Topfes an und bekommt die Form eines Balls. Das alles in uriger, historischer Atmosphäre zu genießen, ist ein besonderes Erlebnis.

Das Rezept mit Detailanleitung und weitere Hintergrundinformationen findet Ihr übrigens auch im Apfel-Land-Kochbuch (Amazonpartnerlink). Das Buch ist eine Mischung aus Kochbuch steirischer Küche und Ausflugsführer, da neben steirischen Restaurants des Apfellandes auch immer wieder besonders schöne Lokalitäten und Erlebnisse wie das Häfl-Nigel-Kochen beschrieben werden.
Leider war ich alleine mit meinem Rauchstubenhaus und konnte nicht den Häfl-Nigl probieren, dafür aber das schöne Kochbuch erstehen. Den Nigl werde ich ein anderes Mal ausgiebig testen ;-)

Gasthof Almer
Nach dem Rundgang durchs Rauchstubenhaus sitzen Erich, Brigitte und ich noch auf einen Gespritzten (Wein mit Sprudel/Selter) in der Sonne zusammen. Auch hier kann ich Euch ein Einkehren zum Essen sehr empfehlen. Brigitte und ihr Mann zaubern steirische, gut bürgerliche Küche nach Großmutters Rezepten. Erdapfelwurst mit Schweinsbraten und Sauerkraut oder original Geselchtes aus dem Rauchstubenhaus sind wahre Gaumenfeuden.

Gemütlich ist es auch im Gasthof Almer

Gemütlich ist es auch im Gasthof Almer

Während der Wind leicht weht, wir den Blick auf das Rauchstubenhaus im Schatten genießen, schaut Erich verträumt in die Landschaft. „Alm is holt Alm… – und die Leut san sooo gemütlich!“, sagt er. Und er hat so recht, denke ich mir, proste ihm zu, schaue in den blauen Himmel und lasse meinen Blick und Gedanken über den Berg schweifen…

Links und Informationen in Kürze:

  • Rauchstubenhaus
  • Preis Museumsbesuch: 3,50 € Erwachsene, 2,50 € für Kinder von 6 bis 15 Jahre – mit der Genusscard ist der Besuch kostenfrei.
  • Öffnungszeiten: ganzjährig geöffnet von Donnerstag bis Sonntag
  • Führungen täglich um 10:00, 11:00, 15:00, 16:00 und 17:00 Uhr
  • Anmeldung für Häfn Nigl: Tel.: +43 (0)3175/24 60)
  • Wer lieber wandern statt fahren möchte: In circa drei Stunden läuft man vom Marktplatz in Anger 8 km (als Rundweg mit Rückweg über die Burgruine Waxenegg, ausgeschilderte Wanderwege 60 und 61)

 

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2 Kommentare

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