Reise ins Mittelalter – Kurztrip Tübingen

Eine der schönsten Städte in Deutschland befindet sich in Baden-Württemberg: Tübingen, eine Stadt wie im Bilderbuch! Die mittelalterliche Universitätsstadt hat einen ganz besonderen Charme. Direkt am Neckar gelegen, verzaubert sie und zog mich gleich in ihren Bann.

 

Altstadtspaziergang
Ausgangspunkt der abendlichen Stadterkundung war die Neckarbrücke, direkt vor den Toren der Altstadt. Während wir auf unseren Städteführer warten, genießen wir bei einem lauen Altweibersommerabend den Blick auf den Neckar und dahinter liegender Altstadt. Ein paar Tretboote strampeln der Sonne entgegen. Kleine Holzkähne bewegen sich sanft mit der Strömung Richtung Sonnenuntergang. Was es mit den Holzböötchen auf sich hat, werde ich später am Abend noch erfahren. Bevor wir den malerlischen Blick auf den Neckar verlassen, schweifen unsere Blicke auf die tollen Villen am Ufer, die sich den ganzen Berg hoch ziehen. Studentische Verbindungshäuser, wie ich von unserem Guide erfahre. Imposant prägen sie das Stadtbild auf dem Österberg und bilden mit ihrer Unterschiedlichkeit jedes für sich eine architektonische Besonderheit: Da gibt es beispielsweise das Preußenhaus Borussia oder das Haus Schottland, welches wie eine Burg gebaut ist.

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Tübingen erhielt im 12. Jahrhundert Stadtrechte und das spürt und sieht man noch in jedem Winkel der Altstadt. Wir laufen vorbei an vielen, schönen alten Häusern. Fast hat es den Eindruck, die Zeit ist über Jahrhunderte hinweg in Tübingen stehen geblieben. Ich als Langsamgeherin muss etwas schneller die kleinen Gassen mit meinen Mitläufern ansteuern. Es geht auf und ab, nicht unanstrengend für mich Flachlandtiroler – aber wunderschön!

Während wir die Tübinger Altstadt erkunden, erfahren wir eine Menge interessanter und kurioser Dinge aus der Stadtgeschichte. Im Nonnenhaus am Ammerkanal wohnte beispielsweise Leonhard Fuchs, nach dem später die Fuchsie benannt wurde. Er kultivierte eine Reihe von Arzeneipflanzen und bildete den Grundstock für den ersten botanischen Garten in Deutschland. Weitaus spannender finde ich das Mini-Fachwerkhaus, welches quasi als „verlängerter Arm“wie eine Brücke aus dem Nonnenhaus zum Bach herüber reicht. „Das war eine Geigenwerkstatt“, erfahre ich, „dessen Hausvorbau damals als Abort diente mit Entsorgung direkt in den Ammerkanal.“ Und da sag einer, im Mittelalter kannte man noch keine modernen Toiletten ;-)

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Am Marktplatz mit Neptunbrunnen, direkt gegenüber dem historischen Rathaus, macht uns unser Stadtführer auf die Fensterrahmen eines Hauses aufmerksam. „Sehen Sie da etwas Besonderes?“ Wir starren alle in die Richtung des weißen Hauses. Irgendwie passt ein Fenster mit weißem Rahmen nicht wirklich zum Bild. „Das ist das Hungerfenster“, informiert uns unser Guide. „Für Brot wurde das Zimmer an den Hausbesitzer des rechten Hauses verkauft. Damit die Besitzverhältnisse auch nach außen sichtbar waren, wurden die Fensterrahmen weiß, wie im Nachbarhaus angestrichen.“

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Tübingen ist wie ein großes Freichlichtmuseum. Wir laufen an der Heckenhauer’sche Buchhandlung vorbei, der Ausbildungsstätte von Hermann Hesse. Wir entdecken das traumhaft angemalte Rathaus von 1435 und bestaunen die astronomische Uhr. 300 Jahre tagte hier das württembergische Hofgericht. Wir entdecken einige der von mehr als 50 Dichterhäusern in Tübingen. Am prägnantesten ist sicherlich der Hölderlinturm direkt am Neckar gelegen, in dem Friedrich Hölderlin von 1807-1843 wohnte. In Tübingen kann man nicht nur studieren, sondern auch Geschichte atmen.

 

Mal auf dem Neckar stochern:

In der Dunkelheit laufen wir zur Platanenallee am Neckar. Die Luft ist noch lau und für Oktober unglaublich warm. Es macht sich Sommerfeeling in uns breit. Auf den Stufen zum Ufer sind Teelichter in Papiertüten aufgestellt und schimmern uns heimelig entgegen. Auf den Bänken sitzen Tübinger bei einer Flasche Wein zusammen, in einer anderen Nische am Ufer lässt man sich mit Buch und Taschenlampe nieder. Die Stadt hat definitiv einen einmaligen Flair!

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Leider setzt die Dunkelheit ein (und meine Fotoqualität wird zusehends schlechter, sorry!).

Einmalig sind in Tübingen auch Stocherkahnfahrten.  Auf hölzernen Flachbooten schippert man auf dem Neckar und schiebt sich mit einer Holzstange gegen die sanfte Strömung (vielmehr: wir lassen uns schieben). Das hat definitiv etwas von Urlaubsfeeling! Meine erste und bisher auch einzige Stocherkahnfahrt war auf der Klassenfahrt nach Cambridge  mit punten auf der Cam. Aber das ist so ewig her, dass ich mich kaum mehr erinnere. Eine Stocherkahnfahrt in Tübingen ist ein echtes Erlebnis und solltet Ihr Euch bei einem Besuch nicht entgehen lassen – auch wenn Ihr wie ich mit wenig Zeit im Dunkeln fahrt. Wir gleiten in der Dunkelheit vorbei an der schönen Altstadtkulisse von Tübingen. Während wir leckeren Glühwein genießen, ziehen wir unsere Jacken aus und genießen das sommerliche Plätschern des Flusses. Die Ufer sind alle hell erläuchtet, so dass wir auch mit dem Mond über uns die schöne Stadt bewundern können.

 

Schwäbische Gastfreundschaft: Ab in den Keller der Wurstküche

Nach Altstadtrundgang und Kahnstocherfahrt meldet sich am späten Abend das Hungergefühl. Vom Neckarufer laufen wir wieder in die Altstadt. Auch wenn noch Semesterferien sind, sind die Straßen, Cafés und Kneipen angenehm mit Menschen gefüllt. Sicherlich wird es zu Unizeiten rappelvoll sein. Von hier und da drang gute Livemusik auf die Straße, lockte mit einem relaxten Musikabend. Wir hatten in einem der ältesten Gasthäuser Tübingens schon reserviert: Die Wurstküche blickt auf 200 Jahre Gastronomie zurück. Wir speisen zünftig im Keller und genießen hausgebrautes Schönbuchbier.

 

Weitere Tipps für Euren Städtetrip nach Tübingen:

 

Übernachtungstipp:

Da ich dienstlich in Reutlingen zu tun hatte, habe ich auch dort übernachtet. Einen Hoteltipp direkt in Tübingen kann ich Euch also nicht geben. Dafür aber einen Tipp für das benachbarte Reutlingen: Achalm ist der Hausberg von Reutlingen. Von hier aus hat man einen wunderschönen Blick auf umliegende Natur und ins Tal auf Reutllingen.

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Genau hier liegt auch das gleichnamige Achalm Hotel, welches erst seit Anfang Oktober eröffnet hat. Ich selbst habe hier nicht übernachtet, konnte es mir aber nicht nehmen lassen, kurz vor Abreise für einen Spaziergang auf die Achalm zu fahren. Das Hotel ist geschmackvoll eingerichtet. Der Service bei meinem Besucherkaffee war sehr freundlich. Es gibt neben Wellness auch einen tollen Außenpool mit Blick auf das Tal.

 

Ich hatte leider nur ein paar Stunden am Abend Zeit, Tübingen zu erkunden. Das reicht natürlich nicht, um diese traumhafte Stadt und Region zu erleben, allerdings reicht es, ein wenig „Tübinger-Flair“ zu atmen und fest den Entschluss zu fassen: Ich komme wieder!

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10 Kommentare

  1. Stocherkahnfahren im Sommer ist schon Tübingen at its best. :-) Oder beim Neckarmüller draußen sitzen. Unser Lieblingslokal war allerdings die Kelter. Und wenn du gerne Burgen magst, gibt es ja die legendäre Hohenzollern (mit Biergarten), könnte aber sehr trubelig werden. ;-) LG, Elke

  2. Pingback: Meine Ausflugs- und Reisehighlights 2014 (Teil 2) - vielweib on tour

  3. Wie schön, mal wieder über meine alte Studentenheimat zu lesen. Die Stadt ist in so Vielerlei Hinsicht lebenswert. Mich haben damals gleich die Kleinigkeiten – der „Letzte Sockenladen vor dem Marktplatz“ oder das Schild (Pardon) „Hier kotzte Goethe“ in den Bann gezogen – und die Faszination ist seitdem ungebrochen. Ein Tipp für das nächste Mal – der Neckarmüller mit herrlicher Sicht auf den Neckar und so leckere Flammkuchen…

  4. Schande: Ich war noch nie in Tübingen! Das Galgenmacher-Haus ist ja interessant. Der Mann hatte sicher gut zu tun, wenn er sich ein Steinhaus leisten konnte : ) Auf ein bisschen Stochern im Neckar hätte ich übrigens auch Lust! Sonnige Grüße, Jutta

  5. Danke für den tollen Bericht über die Stadt die auch mich in ihren Bann gezogen hat. Seit 30 Jahren nenne ich sie meine Heimat und bin auch immer wieder neu verliebt.

    Grüße Bliro aka Heiko

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