Stuttgart Weinmuseum: Eine Großstadt zwischen Wald und Reben

Weinmuseum Stuttgart

Mosel, Rhein, Rheingau, Ahr – all das sind Orte, die man schnell mit deutschen Weinen in Verbindung bringt. Aber Stuttgart? Stuttgart ist eine Weinstadt mit Tradition? Das war mir neu. Das Stuttgarter Weinbaumuseum in Uhlbach macht diese Geschichte von nahezu 40 Jahren erlebbar.

Was bestellt man als erstes im Weinmuseum? Richtig, einen halben Liter Wasser! Erschöpft lasse ich mich in der angeschlossenen Vinothek des Weinmuseums nieder. Die Räume sind angenehm klimatisiert. Leichte Kühle tut gut. Es sind gefühlte 40 Grad. Ein Bummel durch Stuttgart City mit Gepäck hätte ich bei der Hitze besser ein anderes Mal unternehmen sollen. Durch die Kessellage heizt sich Stuttgart mächtig auf. Kaum verlässt man den Stadtkern umgibt einen ländliches Flair – und mich heute eine kleine frische Brise.

Weinmuseum Stuttgart

Das Stuttgarter Weinmuseum am Uhlplatz – außerhalb der City

Weinmuseum Stuttgart

Der Uhlplatz hat dörflichen Charme

Ich bin überrascht, wie groß und weitläufig die Metropolregion Stuttgart ist. Eine gute halbe Stunde war ich vom Hauptbahnhof Stuttgart unterwegs und stehe hier in auf dem Uhlplatz vor dem Weinmuseum, sehe eine kleine Kirche und ein schönes Fachwerkhaus. Das hat für mich mehr mit Dorf statt mit Metropole zu tun – das ist wunderschön. Überhaupt lerne ich an meinem Wochenende in Stuttgart, dass die Stadt eine Menge zu bieten hat und mit einem riesigen Umland über 20 Bezirke zählt. Stuttgart ist die fünftgrößte Stadt Deutschlands – reichlich Abnehmer für den heimischen Wein. So war es auch früher, berichtet mir der Weinsommelier Wolfgang Mack. Bis in die 80ziger Jahre war der Württemberger Wein kaum über die Grenze hinaus gekommen.

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In der Vinothek gibt es Freitags eine Weinprobe für jeden

Das ist heute anders. Aus einstigen Genossenschaften entwickeln sich immer mehr hoch qualifizierte Winzer mit eigenen Gütern und Manufakturen. Inzwischen zählt der Verband der Prädikatsweingüter (VPW) allein aus Stuttgart fünf Weingüter. Der Stuttgarter Wein ist vielfach ausgezeichnet worden. Zu Spitzenweingütern aus der Region zählen vor allem Schnaitmann, Aldinger und Wöhrwag, erfahre ich von Wolfgang Mack. Das macht neugierig, den Wein zu probieren – auch wenn draußen unerträglich heiß ist. Man muss schließlich Opfer für seine Leser bringen. Doch bevor ich den Stuttgarter Wein verkoste, starte ich meine Museumstour in dem historischen Fachwerkbau „Alter Kelter“.
2.000 Jahre Weingeschichte sind in einem Rundgang durch das Museum ist in 12 Themengebiete eingeteilt. Es geht um Geschmack, Bodenbeschaffenheiten, natürlich um die Weinstadt Stuttgart und um ihre Besenwirtschaften, Weinwanderwege und aktuelle Entwicklungen.

Weinmuseum Stuttgart

In der historischen Scheune des Stuttgarter Weinmuseums gibt es 2.000 Jahre Weingeschichte

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Wein ist nicht gleich Wein. Viele Aspekte tragen zum guten Geschmack bei.

Wie schmeckt der Wein?

Die Verkostung des Weines beginnt schon bevor der edle Tropfen im Glas ist. Ist er zu kalt? Oder zu warm? Ist der rote Wein richtig dekantiert? Die Degustation beginnt mit dem richtigen Umgang des Weins. Dann wird der Wein mit allen Sinnen geprüft: Wie riecht er, wie schmeckt er, wie sieht er aus? Was sich so einfach anhört, ist im Detail gar nicht so leicht. In Bingen am Rhein habe ich an einer Weinverkostung teilgenommen und gelernt, wie man den genauen Geschmack und den Duft eines Weines beschreibt. Ein „komplexer Duft“ kann alles und nichts bedeuten. Wie würdet Ihr beispielsweise einen guten Riesling im Geschmack beschreiben? In Stuttgart bezeichnet man diesen als eine Mischung aus Grapefruit, Weinbergpfirsich, Apfel, Rosenblüte, Honig, frisches Gras. Ein Silvaner dagegen soll mehr nach Birne, Stachelbeere, Heu, Artischocke, Minze und Rauch schmecken und sich vom Kerner mit Apfel, Birne, Honig und exotischen Früchten abheben. – Alles klar soweit? Jetzt wisst Ihr, genau den Geschmacksunterschied und könnt es auf der Zunge spüren?
Ich persönlich bin zwiegespalten bei solchen Beschreibungen. Wenn ich den Wein trinke und sie höre, kann ich es verstehen und denke: „Treffende Beschreibung!“. Wenn ich es lese fehlt mir jede Art von Geschmacksvorstellung. Ein Sommelier ist also an mir nicht verloren gegangen. Dagegen kann ich sehr gut sagen: Schmeckt mir oder schmeckt mir nicht!
Ein Aromarad im Weinmuseum hilft, der Geschmacksbeschreibung auf die Spur zu gehen.

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Wie ist der Geschmack des Weines? In einer Art Ratespiel und Glücksrad gibt das Weinmuseum Aufschluss

Historische Zeitzeugen

Neben Infotafeln sind im Weinmuseum altes Werkzeug und historische Arbeitsmittel der Winzer ausgestellt. Weinbauer war kein leichter Job. Schon gar nicht, wenn man die Berge von Stuttgart in Betracht zieht.

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Weinanbau war damals harte Arbeit

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Gigantisch groß und doch alt

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Ein Hilfsmittel der modernen Art

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Aufwändig wurden damals die großen Weinfässer verziert

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Weinfass XXL – auf das er sich niemals leere…

Stuttgarter Stäffele und Weinberge

Man sieht sie überall: Die Stuttgarter Stäffele durchziehen die ganze Stadt. Gemeint sind damit die Treppenanlagen durch die Weinberge, die einst in der ganzen Stadt angesiedelt waren. Nicht mehr so üppig und zahlreich wie einst, doch auch heute ist der Weinanbau in Stuttgart überall präsent. Selbst im Herzen der Stadt, wenige Meter neben dem Hauptbahnhof stehen Rebstöcke. Auf den sogenannten Stäffeles kann man ganze Wanderungen unternehmen. Aber Vorsicht: Es ist steil und nicht gerade unanstrengend.

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Stäffeles, Weinbergwege gibt es im gesamten Stuttgarter Stadtgebiet

Allein in Stuttgart gibt es 430 Hektar Weinanbaufläche auf denen 60 bis 80 Hektoliter pro Hektar erwirtschaftet werden, berichtet mit der Weinsommelier, der mit Herzblut und Leidenschaft seinen regionalen Wein liebt. Im Mittelalter um 1500 umfasste das Gebiet 1200 Hektar. Im Laufe der Zeit mussten die vielen Rebflächen der Bevölkerung und Industrieansiedlung weichen – immerhin beträgt sie dennoch im Stadtgebiet noch zwei Prozent.
Die Bodenbeschaffenheit in und um Stuttgart sorgt für die guten Weine. Neben Muschelkalk ist der Gipskeuper etwas ganz Besonderes. Er ist mineralhaltiger als Muschelkalk und verschafft den Stuttgarter Weinen ein außergewöhnliches Aroma. Das Aroma stand vor Hunderten von Jahren nicht beim Weinanbau im Fokus. Der Boden war eher karg und wenig zur Landwirtschaft zu gebrauchen. Viele Bauern sattelten von der Landwirtschaft daher auf Weinbau um. Das ging so weit, dass Anfang des 14. Jahrhunderts die Ausweitung von Rebflächen verboten wurden, damit noch ausreichend Nahrungsmittel für die Bevölkerung angebaut werden konnte. Wein war zur damaligen Zeit im Überfluss vorhanden – mehr als Wasser. Stellt Euch vor, dass 1386 in Württemberg – so in der Stadtchronik festgehalten – Wein statt Wasser zum Hausbau beim Anrühren des Mörtels verwendet wurde.

„Wenn man in Stuttgart nicht einsamelete den Wein, würde die Stadt bald in Wein ersäufet sein“

schrieb ein mittelalterlicher Chronist. Damals hat man oft tief ins Glas geschaut und ordentlich gebechert. Bei der Hochzeit von Herzog Ulrich mir Prinzessin Sabina von Bayern soll aus einem Brunnen innerhalb von zwei Tagen und Nächten vier Millionen Liter Wein geflossen sein. Die ganze Bevölkerung konnte sich bedienen und war somit sicherlich im Vollrausch.
Stuttgarter Wein war bis zum Hofe in Wien sehr beliebt. 
Im 16. Jahrhundert war Württemberg mit Stuttgart eines der bedeutendsten Weinanbaugebiete im Römischen Reich Deutscher Nationen.
Auf einem Schild im Weinmuseum wird Friedrich Schiller zitiert, um zu verdeutlichen wie nah Wein und Stuttgart verwoben sind:

„Der Name Wirtemberg
schreibt sich von Wirt am Berg.
Ein Wirtemberger ohne Wein,
kann der ein Wirtemberger sein?“

Der Wein formte nicht nur die Landschaft, sondern prägte über Jahrhunderte Menschen und Kultur. Und genau davon will ich mich jetzt selbst überzeugen und kehre zurück in die Vinothek.

Weinprobe in der Vinothek

Jeden Freitag kann man ohne Voranmeldung eine Weinverkostung mit etwas Käse und Brot erleben. Dabei helfen die freundlichen Mitarbeiter des Weinmuseums den Geschmack zu erkunden und berichten zu Traditionen und zum aktuellen Weinanbau – wissenswerte Geschichten inklusive.

Weinmuseum Stuttgart

Zu jeder Weinprobe gibt es Geschichten und Anekdoten

Ich starte mit einem Rosé aus dem Hause Wöhrwag, einem Cuvée aus 2016. Der Wein ist bestens temperiert. Das Glas beschlägt gleich und perlt bei der Hitze am Glas. Das sieht nicht nur erfrischend aus, sondern der Wein mit seiner fruchtigen, spritzigen Note ist der perfekte Sommerwein. Bei der Wahl hätte ich gleich bleiben können, teste aber natürlich einen weiteren Wein.

Weinmuseum Stuttgart

Käse und Brot gehören für mich bei jeder Weinprobe dazu

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Ein Sauvignon Blanc aus dem hause Weinfaktum erfreut sich in der Region an großer Beliebtheit

Vom Gut Weinfaktum teste ich einen Sauvignon Blanc – auch er ist frisch und passt zum heißen Sommertag. Keine 15 Uhr und ich habe schon einen keinen Schwips. Dennoch wage ich mich an einen kleinen Schluck des dritten Weins heran: Ein Riesling vom Weingut Rux. Im Museum habe ich gelernt, wie Profis den Geschmack eines Rieslings beschreiben und schmecke tatsächlich die Mischung aus Grapefruit, Weinbergpfirsich und Apfel heraus.

Weinmuseum Stuttgart

Ruxwein aus Cannstadt aus den Steilhanglagen

Nach Verköstigung der leckeren Weine, stellt sich für mich die Frage, warum der Wein erst in den letzten Jahren wieder so bekannt wird? Auch darauf weiß Wolfgang Mack für mich eine Antwort: Damals war Quantität besser als Qualität. Heute setzt der Stuttgarter Weinbau auf hohe Qualität. Die Erträge sind reduziert, dafür die Kellertechnik verfeinert. Junge Winzer bringen frische Ideen in den Anbau.
Auf die Frage welchen Wein mein heutiger Privat-Sommelier am liebsten trinkt, antwortet er weise mit einem Lächeln: „Für mich liegt die Harmonie im Ganzen.“

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Informationen zum Weinmuseum Stuttgart-Uhlbach

 Website des Weinbaumuseums

Adresse: Uhlbacher Platz 4, 70329 Stuttgart

Öffnungszeiten: Das Museum und die Vinothek haben im Sommer an vier Tagen geöffnet, im Winter an drei Tagen. Von November bis Februar ist ganz geschlossen. Genaue Zeiten findet Ihr hier.

Mit der Stuttcard ist der Eintritt frei, sonst beträgt der Eintritt für Erwachsene 3€, Kinder bis 14 Jahre sind frei. Darüber hinaus gibt es Gruppentarife.

Die Vinothek bietet rund 90 Sitzplätze. In der Scheune können bis zu 120 Personen Platz finden.

Lust auf noch mehr Wein in Stuttgart? Hier weiterführende Links für Euren „weinreichen“ Besuch:

Offenlegung: Meine Reise wurde unterstützt von der Stuttgart-Marketing GmbH und der Tourismus-Marketing Baden-Württemberg. Meine Meinung im Blogbericht bleibt davon unbeeinflusst. Für den Post wurde ich nicht bezahlt.

 

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6 Kommentare

  1. Schön beschrieben. Ich lebe zwar jetzt schon fast fünf Jahre hier, war aber bisher noch nicht in der Vinothek. Sollte ich mal nachholen. Und viele Württemberger Weine sind tatsächlich in den letzten Jahren immer besser geworden. Komm doch mal zum Stuttgarter Weindorf im September, da kannst du dir einen guten Überblick verschaffen.

  2. Danke Tanja. Den Geschmack von Württemberger Wein kenne ich aus den Zeiten in der alten Heimat zu genüge, jetzt habe ich auch noch etwas Hintergrund dazu :-)
    LG Simone

  3. Sehr interessanter Artikel. Vielen Dank dafür!

    Vor etlichen Jahren durfte ich bei einer Stadtführung in Stuttgart folgendes interessantes Detail erfahren, das sich mir eingebrannt hat: Bis in die letzten Jahre des 19 Jahrhunderts haben in Stuttgart selbst Kinder Wein zu trinken bekommen. Schuld war die miserable Qualität des Wassers, das oft mit Keimen versetzt und daher ungesund war. Beim Wein mit seinem leichten Alkoholgehalt überwog der positive Effekt den Umstand, dass auch die Jüngsten Alkohol bekamen. Man sagt, es habe ihnen nicht geschadet.

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