Art Zoo Museum Amsterdam: das wildeste Grachtenhaus steht auf der TIME-Liste

Art Zoo Museum Amsterdam, Tanja Neumann, vielweib.de

2026 setzte das TIME Magazine ein Amsterdamer Grachtenhaus auf die Liste der World’s Greatest Places, als erstes niederländisches Museum überhaupt. Drinnen hängt ein vier Meter langes Krokodil unter der Decke. Und die Besucher stehen im Käfig.

Ein Krokodil über dem Marmor

Der erste Blick geht nach oben. Und bleibt dort beeindruckt hängen. Ein riesiges Krokodil hängt unter der Decke der Marmordiele, Bauch nach unten, die Beine abgespreizt, als ziehe es gerade über die Köpfe hinweg. Zwei Schritte weiter hängen Dutzende antiker Vogelkäfige. Mehr als 20 Papageien sitzen darauf. Außen. Die Türen bleiben zu.

Wer das Art Zoo Museum Amsterdam am Kanal betritt, braucht ein paar Sekunden. So lange dauert es, bis sich das Ensemble sortiert. Federn fangen das Licht. Muskeln stehen unter Spannung. Die Augen sitzen so, dass sie mitgehen, wenn man weitergeht. Präparierte Tiere, arrangiert wie Figuren auf einem Gemälde aus dem 17. Jahrhundert.
Im März 2026 setzte das amerikanische TIME Magazine dieses Haus auf seine Liste der World’s Greatest Places. Kein niederländisches Museum stand dort je zuvor. Das Art Zoo Museum hatte im Juni 2025 eröffnet, gut neun Monate vorher.

„Es ist weder Zoo noch naturhistorisches Museum. Es ist ein Art-Zoo. Unser wichtigstes Ziel ist es, den Leuten den Mund offen stehen zu lassen.“ aus dem Museumsfilm „The Making of Art Zoo Museum“

Vom Bibelmuseum zum Art-Zoo

Das Haus zählt zu den Cromhouthuizen. Philips Vingboons baute sie zwischen 1660 und 1662 für den Kaufmann Jacob Cromhout, und Vingboons galt schon damals als einer der bekanntesten Architekten. Heute gehört das Gebäude der Denkmalstiftung Stadsherstel.

Im Mittelpunkt des malerischen Grachtenhauses windet sich eine Treppe nach oben, oval, blau gefasst, Rokoko. Über zwei Räumen verteilt erstrahlen Deckengemälde von Jacob de Wit: „Jupiter und die Götter“ und „Apollo und die vier Jahreszeiten“. Sein erstes Deckengemälde und sein letztes, im selben Haus. Vorher war in diesem Haus ein Bibelmuseum untergebracht. Wo früher die schweren Bibelbände lagen, steht heute eine Büste von Charles Darwin. In einer Ecke springt ein Gepard von einem antiken Schrein. Einen Raum weiter steht ein seltener Persischer Leopard, zwei Vögel gesellen sich zu ihm.

Peter van Duinen leitet die Vrije Academie for Art & Culture, die das Museum gemeinsam mit dem Künstlerduo betreibt. Er nennt das Gebäude die Leinwand der beiden, den Hintergrund, vor dem ihre Arbeit erst funktioniert. Kunsthistorisch hat das einen Namen: Wunderkammer.

„Was ist eine Wunderkammer? Eine Art Urknall des Museums. Der große Unterschied zu den traditionellen Wunderkammern ist: Normalerweise ist das eine Sammlung zusammengetragener Dinge. Das hier ist eine Sammlung, die wir selbst gemacht haben.“
So beschreiben die Künstler Jaap Sinke und Ferry van Tongeren ihr Projekt im Museumsfilm „The Making of Art Zoo Museum“.

Wo Schatten fliegen und Saurier wohnen

Eine weiß lackierte Flügeltür steht offen. Dahinter beginnt Gitter. Schwarze Eisenstäbe steigen vom Boden auf und schließen sich oben zu einem Gewölbe, an dem geschmiedete Schnecken sitzen. Hinter den Stäben stehen die Tiere. Ein Tukan mit gelbem Schnabel, Vögel auf Regalböden, Schädel unter Glasstürzen, dazwischen eine helle Nische. Sie stehen frei. Wer sie ansehen will, sieht sie durch Gitter. Es ist ein Perspektivwechsel, der sich durch alle Ausstellungen im Haus zieht.

Die Käfige hängen an Ketten von den dunklen Deckenbalken, dicht zu einer Traube aneinandergeschoben. Es sind antike, rund gewölbte Metallkäfige. Die Türen sind fest verschlossen. Die Papageien sitzen auf der Außenseite. Ein Ara hat die Flügel weit aufgestellt, leuchtendes Blau über Grün und Rot, während er sich an den Gitterstäben festkrallt. Andere hocken auf den Kuppeln, darunter grüne Amazonen mit gelben Nackenflecken.

Dann dreht sich die Traube langsam. Die Vögel ziehen vorüber, jeder verharrend in seiner ganz eigenen Pose. Für einen kurzen Moment sieht es aus, als setzten sie alle gleichzeitig zum Flug an. Auf dem Parkett darunter zeichnet ein Strahler das ganze Ensemble ein zweites Mal nach. Gitterstäbe, Ketten und aufgestellte Schwanzfedern verbinden sich zu einem Schattengitter, das lautlos mitwandert. Über den Dielen des Grachtenhauses aus dem 17. Jahrhundert liegt so ein bewegtes Muster wie von lautlosen Flügelschlägen.

In einem der Salons des 17. Jahrhunderts steht T. rex Stan, lebensgroße Replik des bekannten Originalfossils. Der Raum wurde als Wohnraum für einen Amsterdamer Kaufmann gebaut, für Gäste, Gespräche, Geschäfte. Jetzt füllt ihn ein Raubsaurier.

„Ich finde die Natur ziemlich grausam. Und was wir hier eigentlich machen, ist, die Natur so zu zeigen, wie wir sie gern hätten“, bringen es die Künstler Jaap Sinke und Ferry van Tongeren auf den Punkt.

Zwei Präparatoren und ein Atelier

Jaap Sinke und Ferry van Tongeren präparieren seit 2011 Tiere. Van Tongeren übernimmt das Dreidimensionale, also die eigentliche Präparation, während Sinke an der Gesamtkomposition arbeitet. Die Künstler betonen, dass keiner von beiden diese Werke allein erschaffen könnte. Keiner gibt Ruhe, bevor das Gegenüber vollkommen zufrieden ist. Die eigenen Ansprüche überschneiden sich, die handwerklichen Fähigkeiten ergänzen sich perfekt.

Ihre künstlerische Idee entspringt dem Goldenen Zeitalter. In der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts sei etwas Entscheidendes passiert: Die Darstellungen wurden deutlich theatralischer, naturgetreuer und dreidimensionaler. Genau diesen Effekt übertragen die beiden Künstler auf präparierte Tiere. Meister wie D’Hondecoeter, Asselijn, Weenix und Snijders dienen dabei als historische Vorbilder. Was sie an diesen Werken schätzen, beschreiben sie präzise und technisch: die Führung des Lichts, die Stimmigkeit der Proportionen, die im Bild liegenden Führungslinien und die enorme Zeit und Leidenschaft, die in jedes Werk geflossen ist.

Für die Posen wählen sie eine Bewegung mit eigener Erzählkraft und frieren diese im perfekten Moment ein. Es entsteht ein Standbild mitten im Ablauf, inszeniert mit größtmöglicher Eleganz. Sie vermenschlichen die Tiere dabei ganz bewusst und arrangieren sie wie Fotomodelle. Wer im Museum vor einem Schwan steht, betrachtet folglich keine nüchterne biologische Darstellung, sondern eine kunstvoll posierende Figur.

„Es ist Monk-Arbeit! Ja, wir sind moderne Monks.“ – Jaap Sinke und Ferry van Tongeren

Diese außergewöhnliche Arbeit blieb in der Kunstwelt nicht lange unbemerkt. Bereits 2015 kaufte der britische Künstler Damien Hirst einen Großteil ihrer damaligen Werke für seine private Sammlung. Weitere Arbeiten befinden sich heute im Stedelijk Museum Amsterdam, im Allard Pierson, im Naturkundemuseum Naturalis sowie im Teylers Museum. Für das Modelabel G-Star erschufen sie sogar einen vier Meter hohen Gorilla komplett aus Denim. Einen klassischen, weißen Galerieraum haben die beiden Künstler dennoch bewusst ausgeschlossen. Stattdessen wählten sie ein historisches Grachtenhaus, dessen eigene Geschichte in einem ständigen Dialog mit den Exponaten steht.

Die Frage, die jeder stellt: Woher die Tiere kommen

Kaum ist die Gruppe im ersten Raum angekommen, fällt sie auch schon, diese eine Frage. Meist dauert es keine zehn Minuten, bis jemand mit gesenkter Stimme wissen will, was hier alle umtreibt: Woher stammen diese Tiere? Die Antwort nimmt die Beklemmung sofort aus der Luft. Kein einziges Tier dieser Sammlung hat je den freien Himmel oder seine wilde Heimat für eine Vitrine eintauschen müssen. Nicht eines von ihnen wurde gejagt oder gar für ein Museum getötet. Sie alle haben ihr Leben in der Obhut von Zoos oder Parks verbracht und verstarben dort aus ganz natürlichen Gründen. Erst danach begann für sie in den Händen der Präparatoren dieses zweite, kunstvolle Leben.

Sonderausstellungen: Samt, Stahl, versteinerter Knochen

Ein Triceratops-Schädel hängt an Ketten von der Decke. Das Nackenschild breit wie ein Wagenrad. Metallbänder halten ihn über Nasenhorn und Schädelrand, die beiden Stirnhörner ragen fast unversehrt nach vorn. 67 Millionen Jahre. Unter dem geöffneten Kiefer steht ein Sockel mit geschwungenen Füßen, darauf ein weißer Korallenstock, aus dem rote Äste aufsteigen. In den Sockelfuß ist der Name des Tieres geschrieben. Über allem liegt die Kassettendecke mit dem Gemälde von Jacob de Wit. Eine Gesamtkomposition, die ihresgleichen sucht.

Ihm gegenüber steht der Basilosaurus. Von der Urwalart, 45 Millionen Jahre alt und 15 Meter lang, ist ein Rundbau geblieben: Die Wirbel stehen als Säulen im Kreis, aus ihnen schwingen die Rippen nach oben, dazwischen hält ein Stahlgerüst die Kiefer aufrecht. Die Zahnreihe zeigt zur Decke. Ein Kranz heller Kugeln umläuft den Sockel auf dem Fischgrätparkett.

Geborgen und präpariert hat die Fossilien das Paläontologieinstitut ZOIC unter der fachlichen Begleitung des Sammlungskurators Iacopo Briano. Bei der Inszenierung ließen sie den beiden Künstlern völlig freie Hand. Das Ergebnis ist seit April 2026 zu sehen. Es ist die erste Wechselausstellung des Art Zoo Museums in Amsterdam. RELICS ist noch bis Ende November zu sehen.

„Wir haben sie als Symbole geschaffen, als Monumente, statt als Rekonstruktion eines ausgestorbenen Tieres. Es geht nicht ums Wiederholen. Es geht um Bewunderung.“ – Jaap Sinke und Ferry van Tongeren

Der Garten hinter dem Haus

Am Ende des Rundgangs öffnet sich der Innenhof. Hinter der Fassade des Grachtenhauses erstreckt sich ein angelegter Garten. Niedrige Buchshecken zeichnen die Beete nach und lassen dazwischen lauschige Plätze entstehen, in denen man Platz nehmen kann. Der Muschelkies knirscht unter den Schritten, leises Wasserplätschern begleitet die Stille. Dazu gibt es einen Koffie verkeerd. Wer lieber drinnen verweilen möchte, kehrt in der Museumsbar ein. Auch hier wird die Einrichtung zur Kunst: Aufwendig gestaltete Muschel-Mosaike zieren den Raum.

Zurück in der Diele hängt das Krokodil noch immer unverändert unter der Decke. Beim Ausgang, direkt ihm gegenüber, steht wie ein Wächter ein vier Meter hoher Gorilla zum Abschied. Nur eines hat sich auf dem Weg durch die Räume verändert: die Frage, wer hier eigentlich wen betrachtet.

Wissenswertes für deinen Besuch im Art Zoo Museum Amsterdam

  • Adresse: Herengracht 368, 1016 CH Amsterdam
  • Web: artzoo.com
  • Öffnungszeiten: täglich 10 bis 17 Uhr, letzter Einlass 16.30 Uhr. Geschlossen am 25. Dezember, 1. Januar und 27. April.
  • Eintritt: Erwachsene ab 18 Jahren 17,50 €, Kinder von 6 bis 17 Jahren 12,50 €, Kinder unter 6 Jahren frei, Familienticket für zwei Erwachsene und zwei Kinder 50 €. Mit der I amsterdam City Card gibt es auf den Eintritt 25 % Rabatt.
  • Besuchsdauer: mindestens 45 Minuten
  • Audioguide: kostenlos, 30 Minuten, auch auf Deutsch
  • Wechselausstellung: RELICS, noch bis 30. November 2026, im regulären Ticket enthalten
  • Barrierefreiheit: nicht rollstuhlgerecht. Kurze Treppen führen zum Haupteingang und zwischen den Ausstellungsräumen, auch zur Bar Vasari.

Die I amsterdam City Card

Im Art Zoo Museum: Mit der I amsterdam City Card gibt es beim Besuch des Art Zoo Museums 25 % Rabatt.

Was die Karte sonst leistet:

  • Zugang zu über 70 Museen, Attraktionen und Erlebnissen in Amsterdam
  • Öffentlicher Nahverkehr im gesamten Stadtgebiet mit Metro, Tram, Bus und Fähre, inklusive Nachtbus
  • Eine Grachtenfahrt bei allen großen Anbietern, ohne Vorbuchung
  • Fahrradverleih für einen ganzen Tag
  • Rabatte in Restaurants, bei Attraktionen und Konzerten

Zwei Varianten: Total Experience gibt unbegrenzten Zugang zum kompletten Angebot inklusive Nahverkehr. Explorer umfasst drei, fünf oder sieben frei wählbare Aktivitäten, ohne Nahverkehr.

So funktioniert sie: online bestellen, dann aktivieren. Die physische Karte aktiviert sich bei der ersten Nutzung in Amsterdam, die digitale über die I amsterdam City Card App. An den Standorten wird die Karte am Eingang vorgezeigt, im Nahverkehr beim Ein- und Aussteigen gescannt. Digitale Karten lassen sich in der App an Mitreisende übertragen. Für einige Häuser ist vorab ein Zeitfenster zu buchen.

Web: iamsterdam.com/de

Offenlegung: Dies ist ein journalistischer Artikel, der teilweise durch die Unterstützung mit amsterdam&partners und artzoo.com entstanden ist. Die Unterstützung hat jedoch keinen Einfluss auf den Inhalt und spiegelt meine eigene Meinung wider. Für den Beitrag habe ich kein Honorar erhalten.

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