Am Fuß des Gradierwerks bleibt man unwillkürlich stehen. Über Wände aus Schwarzdornreisig rinnt Sole nach unten, ein feiner Nebel hängt in der Luft, und es schmeckt nach Meer, mitten in Westfalen. Wer den Kopf in den Nacken legt, entdeckt etwas, das hier zunächst niemand vermutet. Auf sieben Metern Höhe, unter dem Dach, lagern Eichenfässer. Darin reift Whisky.
Das Salz hat Bad Sassendorf von Anfang an geprägt: Erst war es ein Sälzerdorf, in dem die Menschen seit dem Mittelalter Sole zu Salz siedeten. Bad Sassendorf ist seit 1906 ein Sole-Heilbad und seit 1975 ein Sole- und Moorheilbad. Das weiße Korn steckt heute in der Therme, im Museum, in der Luft und sogar in einem besonderen Whisky.
Schwerelos in der Börde Therme
Eines der Erlebnisse, für die man wiederkommt, liegt im Saunagarten der Börde Therme. Das Schwebebecken führt 12 bis 15 Prozent Salz, etwa so viel wie das Tote Meer. Man steigt die Stufen hinab, das Wasser streichelt warm die Haut, dann hebt man die Füße vom Boden, und der Körper macht etwas, an das er im Wasser nicht gewöhnt ist. Er bleibt einfach oben. Bei 33 Grad treibe ich auf der Oberfläche, unter Wasser klingt Musik. Ich tauche die Ohren unter Wasser, lasse mich treiben. Ein Gefühl von Geborgenheit umgibt mich.
Wer trockenen Fußes ans Meer will, geht in die Meersalzgrotte. Wände und Boden sind mit Salz ausgekleidet, ein feiner Solenebel zieht durch den abgedunkelten Raum, dazu gedämpfte Musik. Eine Sitzung dauert knapp eine Stunde. Man legt sich in einen Liegestuhl, zieht die Decke hoch und atmet die salzige Luft. Manche nicken kurz ein, das ist ausdrücklich erlaubt. Meer tut immer gut.
Rundherum hat die Therme neun Saunen. Das Dampfbad heißt Bördenebel, die Siedehütte erinnert von außen an eine Kirche und trägt unter der Decke die Kleidungskörbe früherer Bergleute. Zum Aufguss läutet dort eine Glocke namens Alfons. In der Börde-Destille zischt der Aufguss aus kupfernen Kesseln, und der Raum duftet nach Streuobstwiese. Wem das zu heiß wird, zieht sich ins Café Sole zurück, im Bademantel, versteht sich. Plant ruhig den ganzen Tag ein. Die Anlage ist groß genug und perfekt für eine gemütliche Auszeit.




Das Gradierwerk und ein besonderer Whisky
Das Erlebnisgradierwerk steht seit 2019 im Kurpark gleich neben der Therme und ist mit seinen über 70 Metern beeindruckend. Anders als ältere Bauten dieser Art kann man hier hinein und hinauf, über Wandelgänge, drei Ebenen und einen Aufzug bis zur Aussichtsplattform. Unten rinnt die Sole über den Schwarzdorn und zerstäubt zu feinem Salznebel. Die Luft ähnelt der an der Nordsee, was vor allem Menschen mit empfindlichen Bronchien merken. Ein Besuch ist kostenfrei.
In den obersten Etagen birgt das Gradierwerk ein Geheimnis für Genussliebhaber eines edlen Tropfens. Etwas versteckt unter dem Dach gelegen liegen Whiskyfässer der Sauerländer Edelbrennerei aus Rüthen-Kallenhardt. Seit Oktober 2020 reift hier Single Malt in der salzhaltigen Luft. Die ersten zwei Fässer machten den Anfang, weitere kamen 2021, 2022 und 2024 dazu. Die Idee stammt von der Küste. An Meeresluft gereifte Whiskys aus Schottland und Irland bekommen eine salzige Note, und genau die soll auch hier entstehen. Nach drei Jahren wird abgefüllt, das Ergebnis heißt Salty Raven, Edition Bad Sassendorf. Wer eine Flasche möchte, sichert sich vorab ein Zertifikat im Haus des Gastes. Pro Fass gibt es nur 300 davon, ältere Jahrgänge sind oft vergriffen. Unser Tasting bei strahlender Sonne im kühlen Schatten: hervorragend!










Westfälische Salzwelten: das weiße Korn zum Anfassen
Das Gehöft Haulle steht seit rund 600 Jahren zwischen Kolk und Rosenau, denkmalgeschützt, und beherbergt seit 2015 die Westfälischen Salzwelten. In den alten Bau haben die Architekten einen gläsernen Würfel gesetzt, einen überdimensionalen Salzkristall. Eine Erinnerung daran, womit diese Gegend ihr Geld verdiente.
Auf über 900 Quadratmetern führt die Ausstellung zu Kristallen, die vor mehr als 250 Millionen Jahren entstanden, lässt unter Salzmikroskopen die Gitterstruktur betrachten und zeigt, wie aus Sole Salz wird. Die Ausstellung ist interaktiv und animiert zum Mitmachen. Zum Abschluss darf man gern auf den Salzthron für ein Erinnerungs-Selfie Platz nehmen.
Wer tiefer in die Salzgeschichte eintauchen möchte, folgt den Sassendorfer Salzspuren durch den Ort. Würfel im Boden markieren die alten Standorte der Salzindustrie, samstags um 11 Uhr startet eine Führung an den Salzwelten.




Salz und Seife, selbst gemacht
In den Salzwelten endet der Tag nicht beim Zuschauen. An einem langen Tisch werden die Ärmel hochgekrempelt. Zwei Workshops stehen zur Wahl, der eine dreht sich um Gewürz- und Kräutersalze, der andere um Seife. Neugierig steige ich in den Seifen-Workshop ein. Wir stürzen uns auf die Duftöle und nach dem Schnuppern am fünften Duftfläschchen entscheiden wir uns mehr nach Optik statt Aroma. Die warme Masse zieht zäh vom Löffel, sie will geführt werden, langsam, sonst läuft sie über den Rand der Form. Ich rühre, gieße, und dann heißt es warten. Seife hat es nicht eilig. Viele Wochen geduldiges Warten mit der abgefüllten Masse muss man einplanen.
Beide Kurse dauern rund anderthalb Stunden und lassen sich für kleine Gruppen buchen. Wer zur Kur hier ist und nach Becken und Liege noch etwas mit den Händen tun möchte, sollte sich einen Platz reservieren. Am Ende trägt man ein Stück Bad Sassendorf nach Hause, fest in der Hand, und es riecht nach einer schönen Reise.







Offenlegung: Dies ist ein journalistischer Artikel, der teilweise durch die Unterstützung der Tagungs- und Kongresszentrum Bad Sassendorf GmbH entstanden. Die Unterstützung hat jedoch keinen Einfluss auf den Inhalt und spiegelt meine eigene Meinung wider. Für den Beitrag habe ich kein Honorar erhalten.
