Mit einem vorsichtigen Tritt wechselt der Untergrund von massivem Stahl zu knarrendem Holz. Hinter der Reling liegen 120 Meter des Versorgungskreuzfahrtschiffs. Unten auf den seichten Wellen wiegt sich ein traditionelles Boot mit Ausleger. Ein Einheimischer hält es an der Leiter fest, bis alle Platz genommen haben. Sechs Passagiere, ein Guide, ein Außenborder. Dann dreht das Boot ab, die Aranui 5 wird kleiner, und der Ausleger zieht eine dünne Linie über das Wasser.
Das Geheimnis der Lagune: Bora Boras versunkene Vulkanwelt
Der schmale Holzausleger federt auf den Wellen mit und hält das Boot auf Kurs. Zwei Querhölzer verbinden den langen Schwimmer mit dem Hauptboot. Diese uralte Konstruktion aus der Südsee macht das schmale Gefährt kippsicher und stabil, sodass es selbst über seichteste Riffkanten hinweggleiten kann.
Ein Einheimischer sitzt am Steuer und hält das Boot sicher auf der glatten Innenseite des Riffs, während es einmal rund um Bora Bora fährt. Was von der Wasserlinie aus wie eine geschlossene Berginsel wirkt, ist die Ruine eines uralten Vulkans. Das Zentrum sackte vor Jahrmillionen im Meer ab, nur die verwitterten Felswände des Kraterrandes ragen noch in die Luft. Um dieses Becken schließt sich der Korallengürtel mit seinen flachen Sandinseln, den sogenannten Motu. Durch enge Rinnen schiebt die Tide das Ozeanwasser hinein und wieder hinaus. Der Mont Otemanu ragt 727 Meter, der Mont Pahia 661 Meter in die Höhe. Die Hauptinsel erstreckt sich über neun Kilometer in der Länge und ist an der breitesten Stelle fünf Kilometer breit. Für größere Schiffe führt hinaus auf die offene See nur ein einziges Nadelöhr: die Passe Teavanui direkt vor dem Hauptort Vaitape.
Unter dem Boot zeichnet das Wasser klare Bahnen in Schattierungen, die ich kaum fassen kann, ein Farbenspiel aus unfassbaren Blau- und Türkistönen. Strahlendes Türkis über den seichten Sandbänken, fast transparentes Mintgrün über den Seegraswiesen und tiefes Tintenblau über den Korallenriffen. Was in Reiseprospekten oft übertrieben wirkt, liegt hier ungeschminkt vor dem Bug. Die viel zitierte Postkartenidylle der Südsee wird auf einmal malerische Realität.



Hai-light: Begegnung im seichten Sand
Am ersten Stopp verstummt der Außenborder und die Tiere sind da, noch bevor einer von uns die Leiter erreicht hat. Das Manöver hat System: An diesen festen Punkten im Riff wird regelmäßig gefüttert. Dieser eingeübte Ablauf der Tourenanbieter erklärt, warum die Rochen ohne jede Scheu direkt an die Bordwand drängen.
Während unter der Wasseroberfläche der feine Sand glitzert, ziehen darüber die Stachelrochen ihre lautlosen Bahnen. Die Tiere schätzen die flachen Sandbänke ohnehin als Revier und haben sich an die zweibeinigen Besucher gewöhnt. Ein Rochen gleitet so dicht an mir vorbei, dass ich seine Bewegung eher spüre als sehe. Ein weicher Sog, fast wie ein Streicheln, an meinen Schienbeinen, dann zieht der dunkle Schatten gemächlich weiter. Dazwischen patrouillieren Schwarzspitzen-Riffhaie, die meist ein bis zwei Meter lang sind. Sie sind die mit Abstand häufigste Haiart in der Lagune und gelten bei umsichtigem Verhalten als friedlich. Wer den ersten Respekt vor den Flossen abgelegt hat, nimmt bald auch die vielen kleinen Details wahr: silbrige und bunte Fischschwärme, die sich vor der Taucherbrille wie ein Blockbuster einer Tierdokumentation der Extraklasse präsentieren, nur bin ich live und mittendrin dabei. Bei einer Wassertemperatur von 28 Grad kommt Badewannenfeeling auf. Für mich hätte dieser fantastische Schnorchelgang noch ewig andauern können.
Über dem Riff
Beim zweiten Stopp öffnet sich die Lagune in die Tiefe. Ich ziehe die Taucherbrille zurecht, lasse mich ein paar Meter vom Boot wegtreiben und senke den Kopf unter die Wasseroberfläche. Die Arme liegen entspannt im warmen Wasser, die Beine stellen jede Bewegung ein. Der Blick reicht glasklar bis auf den Grund. Unter meinem Körper ziehen dichte Fischschwärme hindurch, lauter Arten, die ich bis zu diesem Tag nur aus Aquarien oder Naturfilmen kannte. Tief zwischen den Korallenstöcken sitzen Muscheln, deren Lippen im einfallenden Sonnenlicht in feinstem Türkis erstrahlen. Die Strahlen der Mittagssonne zeichnen ein feines Netz aus tanzenden Lichtlinien auf das Riff. Im Rhythmus der sanften Wellen wandert das Muster über das Gestein und erzeugt für Sekunden die Illusion, die verästelten Korallen würden selbst atmen. Aus den Felsspalten schimmern zartes Rosa und leuchtendes Gelb hervor.
Wer bewegungslos an der Oberfläche treibt, verschmilzt nach wenigen Atemzügen mit der Umgebung. Die Meeresbewohner nehmen keine Notiz mehr von mir. Sie gleiten gemächlich durch ihr Labyrinth, tauchen in dunklen Ritzen ab und tauchen Sekunden später an einer völlig anderen Stelle wieder im Licht auf.

Vierzig Zentimeter Paradies
Zum Finale der Inselumrundung steuert der Bootsführer eine einsame Sandbank mitten in der weitläufigen Lagune an. Das Wasser steht hier nur etwa vierzig Zentimeter hoch. Eine Leiter braucht niemand, man setzt einfach einen Fuß über Bord und steht mit beiden Beinen fest im warmen Meer. An einer Ecke des Rumpfes stellt der Bootsführer kühle Erfrischungen, süße Minibananen und frisch aufgeschnittene Früchte bereit. Der weiße Korallensand fühlt sich samtweich an. Fast automatisch greift man nach unten, nimmt eine Handvoll Sand und verreibt die feinen Körner auf Armen und Schultern. Peeling mal anders.
Danach bleibt nur noch eins: sitzen. Das Meer hat exakt dieselbe Temperatur wie die Tropenluft, sodass der Übergang zwischen Wasser und Himmel fast vollständig verschwimmt. Vor der Sandbank fächert sich das Türkis in schier endlosen Schattierungen auf und im Hintergrund zeichnet sich die schroffe Felskante des Mont Otemanu im Sonnenlicht ab. Bis zu dieser Kreuzfahrt kannte ich die Südsee nur von Hochglanzfotos. Jetzt sitze ich mittendrin, mit Sand auf der Haut und einer Banane in der Hand, und begreife, dass kein einziges Bild jemals übertrieben hat. Willkommen im Paradies!





Motu Tapu: Barbecue auf Bora Boras Privatinsel
Schon auf dem Wasser wird man von Musik empfangen. Melodien polynesischer Gitarren und warmer Gesang begleiten das sanfte Anlegen am Schiffsanleger. Am Beginn des Stegs spielt die Crew der Aranui 5 für jeden Gast, der die Holzbohlen betritt.
Die kleine Insel Motu Tapu lässt sich in zehn Minuten umrunden. Übersetzt bedeutet ihr Name „heiliges Inselchen“. Früher war das Stück Land allein der königlichen Familie vorbehalten. Heute befindet sie sich im Besitz des Perlenzüchters Robert Wan und steht exklusiv den Reisenden der Aranui offen.
Unter schattenspendenden Palmen stehen lange Holztische. Die Küchenmannschaft der Aranui hat ein reichhaltiges Buffet aufgebaut. Es gibt frisches Poisson cru, den polynesischen Klassiker aus rohem Thunfisch in Kokosmilch und Limettensaft. Dazu gibt es Gegrilltes direkt vom Rost und aufgeschnittene Tropenfrüchte. Gegessen wird barfuß mit den Füßen im warmen Sand.
Letzter Landgang in Vaitape
Der Abschied von diesem Inselparadies fällt mir schwer. Doch bevor die Reise zurück nach Tahiti führt und die Kreuzfahrt endet, steht noch ein letzter Bummel über den Markt an. Am Nachmittag pendeln die Barges im Dreieck zwischen der Aranui 5, dem Motu und Vaitape, dem Hauptort von Bora Bora. Da das Hafenbecken nur für kleine Boote ausreicht, ankern größere Schiffe draußen in der tiefen Lagune und setzen ihre Passagiere mit Beibooten an Land. Auf dieser Fahrt bin ich der einzige Passagier. Zusammen mit der Crew mache ich es mir auf den Bänken der Barge gemütlich. Aus der Musikbox schallt entspannter Reggae über das Wasser. Der Bootsführer bemerkt, wie sehr ich jede Sekunde der Fahrt auskoste, und dreht kurzerhand eine Extrarunde durch die Lagune, einen kleinen Umweg, den wir alle gemeinsam in vollen Zügen genießen.
Hinter dem Bootsanleger bleibt die Szenerie überschaubar: Marktstände unter freiem Himmel, kleine Boutiquen mit Perlen für jedes Budget, dazwischen bunte Pareos und geschnitztes Kunsthandwerk. Im Mittelpunkt stehen die berühmten Tahitiperlen. Gezüchtet in der Schwarzlippigen Perlmuschel, schimmern ihre Oberflächen in Nuancen von feinem Silbergrau über sattes Pfauengrün bis hin zu tiefem Aubergine. Am Ende entscheide ich mich für zwei Ketten, ein Armband und passende Ohrringe. Wer weiß schon, wann ich noch einmal in dieses Inselparadies kommen werde? Es sind Souvenirs für daheim, die das Gefühl dieser besonderen Kreuzfahrt und den Tag auf Bora Bora noch lange lebendig halten werden.





Unterwegs mit der Aranui 5
Die Aranui 5 verbindet Frachtfahrten mit dem Komfort einer Kreuzfahrt. Ihre Hauptaufgabe ist nach wie vor die Versorgung abgelegener Inseln mit Nahrungsmitteln, Baustoffen und Maschinen. Der Rhythmus an Bord richtet sich nach der Frachtarbeit: Sobald diese abgeschlossen ist, lichtet das Schiff den Anker. Während am Bug die Containerkräne schwingen, frühstücken die Gäste am Heck.
Die Passagiere und die Schiffsbesatzung haben die Insel für sich allein. Man legt sich in den Schatten, schwimmt ein paar Züge im glasklaren Wasser und kehrt dann zurück, um sich wieder niederzulassen. Während ich das kühle Wasser einer frisch geöffneten Kokosnuss trinke und ein paar Stücke reife Mango probiere, ruht mein Blick auf der Lagune. Ich höre die seichten Wellen am Ufer, spüre die wärmende Sonne auf der Haut und frage mich, ob man mich hier nicht einfach vergessen könnte.
Die technischen Daten: 126 Meter Schiffslänge, Platz für maximal 230 Reisende in 103 Kabinen aller Kategorien, vom Mehrbettzimmer bis zur Suite. Zur Ausstattung zählen ein Restaurant mit französisch-polynesischen Gerichten, drei gemütliche Bars, ein Außendeck mit Pool, Sportangebote sowie ein Tätowierer. Das Fehlen von Stabilisatoren sorgt für ein unverfälschtes Seefahrtserlebnis. Der Transfer an Land erfolgt mit den bordeigenen Barges.
Einen umfassenden Überblick über das Bordleben, die Kabinenausstattung und den Alltag zwischen Fracht und Reiseerlebnis bietet das ausführliche Porträt der Aranui 5.
Offenlegung: Dies ist ein journalistischer Artikel, der teilweise durch die Unterstützung von Aranui Cruises ermöglicht wurde. Die Unterstützung hat jedoch keinen Einfluss auf den Inhalt und spiegelt meine eigene Meinung wider. Für den Beitrag habe ich kein Honorar erhalten.






























Gut, dass du bei der Begegnung mit den Rochen auch erklärst, dass an diesen Stellen regelmäßig gefüttert wird. Das ist ein wichtiger Unterschied zu einer zufälligen Tierbeobachtung. Gab es bei der Auswahl des Ausflugs auch eine Schnorchelvariante ohne Fütterungsstopp? Viele Grüße, Mark von HN Insider
Wird es sicher geben. Bei meinem Ausflug war es anders.