Ein Plätzchen im Gepäck ist bei mir stets reserviert, notfalls eingeklemmt zwischen Technik und Kosmetikbeutel. Schließlich gehört gute Lektüre zu jeder Reise dazu, sei es beim Flug, während der Bahnfahrt, am Wasser oder zur Entspannung im Hotelbett. Hier kommen meine neuen Lesetipps für unterwegs: Geschichten, die fesseln, starke Persönlichkeiten zum Mitreisen und schöne Sätze, die selbst nach der letzten Seite im Kopf bleiben.
Die Briefträgerin – Francesca Giannone
Warum ich es empfehle
Ich habe den Roman auf meiner letzten Reise nach Apulien gekauft, schlicht weil er dort spielt. Solche Käufe gehen oft daneben. Dieser jedoch nicht. Der Schauplatz ist Lizzanello im Salento, ein Dorf, in dem jeder jeden kennt und eigene Regeln gelten. Die Hauptfigur Anna basiert auf der Urgroßmutter der Autorin, deren Spur diese aufnahm, als sie im Haus ihrer Eltern eine Schublade mit alten Fotos, Postkarten, Briefen und Dokumenten öffnete. Was mich festhält, ist diese Frau. Wie sie sich behauptet, wie wenig das Dorf ihr zugesteht und wie selbstverständlich sie trotzdem ihren Weg geht. Dazu kommt der Blick auf die Zeit. Man liest mit, wie eng der Rahmen für Frauen damals war, und merkt beim Umblättern, wie viel sich seither verschoben hat.
Worum es geht
Im Jahr 1934 treffen die frisch vermählten Anna und Carlo mit dem Bus aus dem Norden in Carlos Heimatdorf Lizzanello ein. Carlo ist froh, zurückzusein. Anna fragt sich, was sie als Norditalienerin in diesem Ort erwartet. Sie ist Lehrerin, findet jedoch zunächst keine Arbeit und bewirbt sich schließlich als Briefträgerin*. Über zwanzig Jahre lang trägt sie die Post aus, erst zu Fuß, später mit dem Fahrrad: Ansichtskarten von Emigranten, Briefe von Soldaten an der Front und Mitteilungen heimlicher Liebhaber. Irgendwann stellt sich für sie die Frage, wie lange sie ihre Gefühle noch verbergen kann, die seit Jahren dem Bruder ihres Mannes gelten. Der Roman spannt den Bogen vom Sommer 1934 bis in den August 1961.
Mein persönlicher Lese-Moment
Ich bin erst bei der Hälfte des Buchs, empfehle es aber trotzdem schon. Mit 512 Seiten ist es zwar kein Leichtgewicht fürs Handgepäck, dafür hält es aber eine lange Bahnfahrt oder einen Strandtag durch. Wer das Buch in Italien liest, hat einen zusätzlichen Gewinn, denn die Wege, die Hitze und die Dorfhierarchien sind vor Ort einfach noch authentischer. Wer Tempo sucht, ist hier falsch. Der Roman nimmt sich Zeit, springt über Jahrzehnte und verteilt seine Aufmerksamkeit auf viele Figuren. Ob mich das Ende überzeugen wird, kann ich noch nicht sagen. Bis zur Hälfte hat mich bisher jedes Kapitel weitergetragen.

Die Briefträgerin
Pi mal Daumen – Alina Bronsky
Warum ich es empfehle
Ein Roman über ein Mathematikstudium klang für mich zunächst nach einem Buch, das ich höflich weiterreiche. Es kam anders. Pi mal Daumen* hat mich vom ersten Kapitel an fasziniert, und ich musste beim Lesen immer wieder schmunzeln. Das Buch fällt aus dem Rahmen dessen, was gerade auf den Empfehlungstischen liegt. Am längsten bleiben die Figuren hängen: Moni Kosinsky mit knalligem Lippenstift, hohen Absätzen, drei Enkeln und mehreren Nebenjobs. Daneben Oscar, 16 Jahre alt, hochbegabt, mit Adelstitel und ohne jede Erfahrung mit der U-Bahn. Alina Bronsky nimmt beide ernst, ohne sie vorzuführen. Der Roman wurde 2024 als Lieblingsbuch der Unabhängigen ausgezeichnet.
Worum es geht
Moni Kosinsky erfüllt sich spät einen Wunsch und schreibt sich heimlich für Mathematik ein. Im Hörsaal hält man sie anfangs für die Putzfrau. Neben ihr sitzt Oscar, menschenscheu, mathematisch weit voraus und im Alltag oft überfordert. Aus der Not heraus helfen sich die beiden Außenseiter und begreifen bald, dass sie nur gemeinsam weiterkommen. Erzählt wird die Geschichte aus Oscars Sicht, was den Blick auf Moni und ihre Familie besonders macht. Es geht um Rechenwege, vor allem aber um Zutrauen, Herkunft und die Frage, wer wem etwas beibringt.
Mein persönlicher Lese-Moment
Für die Reisetasche ist das Buch perfekt geeignet, weil die kurzen Kapitel mit eigenen Überschriften den Lesefluss wunderbar gliedern. Nach jeder kleinen Pause findet man augenblicklich wieder den Faden, sei es bei einem Umstieg im Zug oder spät abends im Hotelbett. Das größte Lesevergnügen bereiten die Momente, in denen Oscar die Welt mit staubtrockener Sachlichkeit analysiert und meilenweit an der Wirklichkeit vorbeirauscht, während Moni die Situation schon längst mit gesundem Menschenverstand durchschaut hat. Genau dieser Kontrast trägt den Roman mühelos über alle 272 Seiten.

Pi mal Daumen
Frankie – Jochen Gutsch & Maxim Leo
Warum ich es empfehle
Für meine Reise nach Südafrika war ich lesetechnisch eigentlich bestens gerüstet: ein sorgfältig ausgewählter Bücherstapel, perfekt abgestimmt auf das Handgepäck. Doch dann kam dieser eine Moment am Flughafen, in dem eine Buchhändlerin mit wenigen Worten alle Pläne über den Haufen warf: „Kleines Buch, leicht zu lesen, bleibt im Kopf.“ Genau mein Beuteschema.
Ehrlich gesagt hätte ich Frankie rein nach der Optik wohl ignoriert. Ich gehöre zu den Menschen, die Bücher nach dem Umschlag kaufen: Springt mich die Gestaltung nicht sofort an, nehme ich den Band meist gar nicht erst in die Hand. Hier war der Tipp der Verkäuferin schlicht klüger als mein erster Impuls. Zum großen Glück.
Was Christine Westermann über das Buch schreibt, bringt den Kern perfekt auf den Punkt. Sie beschreibt die Geschichte als eine Gratwanderung zwischen Lebensfreude und Todessehnsucht, zwischen unbeschwert und tieftraurig. Der Roman meistert diesen schmalen Grat erstaunlich leichtfüßig und bewahrt sich dabei stets einen wunderbaren Humor.
Worum es geht
Richard Gold hat einen Plan für seinen letzten Tag. Dann sitzt plötzlich ein dürrer Kater vor dem Fenster, schaut rein, bleibt. Frankie* bringt Gold aus dem Konzept, zieht ein (aus sehr praktischen Gründen: Bett, Fernseher, regelmäßiges Essen), und aus diesem Zufall entsteht eine ungewöhnliche Freundschaft. Erzählt wird das Ganze mit trockenem Witz und einem Blick auf Trauer, Einsamkeit und den Weg zurück in den Alltag, der sich wieder nach Leben anfühlt.
Mein persönlicher Lese-Moment
Das ist so ein Buch, das man „nur kurz“ aufschlägt und dann merkt, dass schon wieder zwanzig Seiten weg sind. Perfekt zwischen zwei Etappen. Frankie schafft das Kunststück, gleichzeitig komisch und klug zu sein, ohne dass man sich dabei belehrt fühlt. Und obwohl ich normalerweise eher Team „Hund auf dem Sofa“ bin: Dieser Kater gewinnt schnell Herzen.
Wer Action sucht, landet hier eher bei Pointen, schrägen Beobachtungen und leisen (pardon: unaufgeregten) Stichworten, die trotzdem treffen.
Frankie
Der Trafikant – Robert Seethaler
Warum ich es empfehle
Mich hat an diesem Buch zunächst ein prominenter Name gelockt: Sigmund Freud, das Wien des Jahres 1937 und die spürbare Spannung zwischen vertrauter Kaffeehauskultur und heraufziehender politischer Bedrohung. Freud übernimmt dabei keineswegs die Hauptrolle, und genau das erweist sich als Glücksfall. Er fungiert vielmehr als ruhiger Fixstern am Rand, als weiser Gesprächspartner, der dem jungen Franz Huchel Gehör schenkt, während dessen eigenes Erwachsenwerden an Tempo gewinnt.
Robert Seethaler fängt die Stimmung dieser Epoche meisterhaft ein: der Alltag in der Trafik, das Wiener Stadtleben, die Gerüche und festen Rituale. Mittendrin steht ein siebzehn Jahre alter Bursche mit ganz zeitlosen Sehnsüchten nach Arbeit, Zugehörigkeit, Liebe und innerem Halt. Das Buch besitzt eine große Tiefe, liest sich dabei herrlich unaufgeregt und entfaltet einen ganz leisen, unaufhaltsamen Sog.
Worum es geht
Österreich im Jahr 1937: Der junge Franz Huchel verlässt sein vertrautes Heimatdorf und zieht nach Wien, um in einer traditionellen Trafik in die Lehre zu gehen. In dem kleinen Laden für Tabak und Zeitungen begegnet er den unterschiedlichsten Stammgästen, lauscht den Gesprächen der Großstadt, begreift die Macht geschriebener Worte und lernt schließlich sogar Sigmund Freud kennen. Zwischen Ladentheke, tiefsinnigen Unterhaltungen und dem Taumel der ersten großen Liebe wächst Franz in ein neues Leben hinein, das mit der heraufziehenden politischen Lage schlagartig gefährlich wird.
Mein persönlicher Lese-Moment
Die wahre Stärke von Robert Seethalers Roman „Der Trafikant„* zeigt sich in den alltäglichen Momenten. Wenn Franz über einem Brief brütet oder ein folgenschweres Gespräch führt, wird greifbar, wie ein junger Mensch hier im Eiltempo reifen muss. Die Begegnungen mit Freunden verleihen dem Text eine kluge Leichtigkeit, ohne die eigentliche Erzählung zu überlagern. Für die Reise ist das Werk wie geschaffen. Der Einstieg gelingt mühelos, der Lesefluss trägt einen von Seite zu Seite und am Ende bleibt ein spürbarer Nachhall. Zudem liest sich das schmale Buch wunderbar leicht.
Wer allerdings ein turbulentes Spektakel mit schnellen Schnitten erwartet, wird überrascht sein. Diese Geschichte lebt von leisen Tönen, feiner Psychologie und einem genauen Blick für Stimmungen.
Der Trafikant
Gebt mir etwas Zeit – Hape Kerkeling
Warum ich es empfehle
Ich liebe die Bücher und Filme von Hape Kerkeling, und „Gebt mir etwas Zeit”* ist da keine Ausnahme. Das Buch ist berührend und bietet an den richtigen Stellen Humor. Kerkeling schreibt über entscheidende Stationen seines Lebens und verknüpft sie mit der Geschichte seiner Familie und seiner Vorfahren.
Worum es geht
„Gebt mir etwas Zeit“ ist eine autobiografische Chronik, die mehrere Ebenen zusammenführt. Kindheit im Ruhrgebiet der 1970er Jahre, eine große Liebe im Amsterdam der 1980er Jahre und Einblicke in die Welt der TV-Unterhaltung – inklusive Glanz und Schatten. Parallel dazu begibt sich Kerkeling auf Spurensuche in der eigenen Familiengeschichte und erzählt von den Menschen, die vor ihm da waren.
Mein persönlicher Lese-Moment
Für unterwegs ist das Buch gut geeignet, da man es in Etappen lesen kann. Die Kapitel funktionieren wie einzelne Erinnerungsräume und trotzdem entsteht ein roter Faden. Ich schmunzele über kleine Beobachtungen. Als Ruhrgebietskind kommt mir einiges bekannt vor. Das Buch hat Tiefe, ist nicht schwer und schenkt mir ab und zu Erinnerungen an meine Eltern und meine Familie.
Ein kleiner Haken: Wer eine durchkomponierte „Eine-Geschichte-von-A-bis-Z“-Dramaturgie erwartet, muss sich auf den Chronik-Charme einlassen. Das Leben ist in Abschnitten, mit Sprüngen und Nebenwegen.
Gebt mir etwas Zeit
Bücher, die es leider nicht auf meine Empfehlungsliste geschafft haben
Unser Tag ist heute – Virginie Grimaldi*
Dieses Buch steht seit Wochen auf den Bestsellerlisten und die vielen Empfehlungen haben mich neugierig gemacht. Die Autorin erzählt die Geschichte von drei Menschen, die aus sehr unterschiedlichen Gründen in derselben Pariser Wohnung landen: Jeanne ist 74 Jahre alt, frisch verwitwet und steht unter finanziellem Druck. Iris ist 33 Jahre alt, schwanger und gerade aus einer toxischen Beziehung geflohen. Théo ist 18 Jahre alt, Konditorlehrling und hat keinen festen Wohnsitz. Aus einer Zweckgemeinschaft wird langsam eine Wohngemeinschaft, in der Zusammenhalt entsteht.
Ich habe dem Roman wirklich eine Chance gegeben. Er ist nicht schlecht geschrieben – die kurzen Kapitel enden oft mit kleinen Wendungen, die zum Weiterlesen animieren sollen. Bei mir hat das trotzdem nicht funktioniert. Die Hauptfiguren blieben mir zu wenig greifbar. Vielleicht lag es auch am Zeitpunkt, denn manchmal trifft einen ein Buch einfach nicht. Ich habe das Buch nach der Hälfte erst einmal beiseitegelegt, weil ich gemerkt habe, dass ich mich abends immer weniger aufs Weiterlesen gefreut habe. Habt ihr es gelesen? Sollte ich dem Buch eine zweite Chance geben?
Horror-Date – Sebastian Fitzek*
Fitzek ohne Thriller – das hat mich neugierig gemacht. „Horror-Date” ist sein dritter Roman jenseits der Psychothriller. Die Ausgangslage: „The Walking Date” ist keine gewöhnliche Dating-Plattform. Hier können sich Menschen, die nicht mehr lange zu leben haben, ein letztes Mal verlieben. Dort meldet sich der unheilbar kranke Raphael an, und zwischen ihm und der ebenfalls erkrankten Nala funkt es. Bislang kennen sich beide nur über Nicknames und sind vor allem durch ihre Liebe zur Literatur verbunden. Am Tag ihres ersten Blind Dates verschlechtert sich Raphaels Zustand jedoch dramatisch. Also überredet er seinen besten Freund Julius, an seiner Stelle zu dem Treffen zu gehen. Julius ist kerngesund, sportbegeistert und wird in wenigen Tagen heiraten. Widerwillig spielt er nun den Schwerkranken.
Sebastian Fitzek beherrscht die Kunst der Spannung, das steht außer Frage. Sein Humor verlor für mich allerdings schnell an Reiz. Der Roman zielt auf den Ton der Alltagskomödien von Tommy Jaud ab, erreicht diesen Ton bei mir aber selten. Die Situationen reihen sich aneinander und sind so unwahrscheinlich konstruiert, dass ich ihnen kaum noch folgen konnte. Nach wenigen Seiten kam mir vieles bereits vertraut vor. Bei der Hälfte des Buches habe ich aufgegeben. Die Grundidee finde ich nach wie vor gut, doch die Umsetzung hat mich nicht überzeugt.
Welche Bücher haben dich zuletzt wirklich gepackt – und was sollte ich als Nächstes lesen? Schreib mir deine Empfehlungen gern in die Kommentare.
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Herzlichen Dank für die gut begründeten Empfehlungen … und die ebenso gut begründeten Ablehnungen!
Mit herzlichem Gruß
Manfred
Ach wie schön, wieder von Dir zu lesen! Ich hoffe, es geht Dir gut!!!
Ganz lieben Dank für Deinen Kommentar. Beste Grüße, Tanja