Das ich einen Blick in die Kloake alter Jahrhunderte werfe, hatte ich nicht bei meinem Besuch des Europäischem Hansemuseum erwartet, vielmehr eine nüchterne Darstellung von Wirtschaftsmächten. Aber stattdessen erfahre ich Geschichte mit beeindruckenden Szenen von Reichtum, Prunk, Aufstieg und Verfall. Der Mythos der Hanse erwacht in Lübeck wieder zum Leben:

Entworfen wurde der Museumsbau von Andreas Heller Architects & Designers aus Hamburg – optisch passend zur Hansestadt Lübeck
Mit gläsernem Fahrstuhl in die Unterwelt
Die Fahrstuhltür schließt sich mit einem sanften, kaum hörbarem Klang. Wir fahren hinab. Dorthin, wo alles begann… Als sich die Türen wieder öffnen, umgibt uns Stille und Dunkelheit. Abwasserrohre und alte Mauerreste werden selektiv in Licht getaucht – ansonsten Dunkelheit. Ein besonderes Flair zum Start eines Museumsbesuchs wird uns geboten. Während ich mich frage, was dieses Entree mit dem Hansemuseum auf sich hat, höre ich den Pressesprecher Meino Hauschildt erklären, dass es sich um archäologische Funde handelt, die bei den Ausgrabungen wieder zu Tage befördert wurden. Das Hansemuseum wurde auf dem Burghügel in Lübeck errichtet. Eine exponierte Lage seit dem 12. Jahrhundert. So wurden über 800 Jahre Stadtgeschichte beim Museumsbau durch Archäologen Schicht für Schicht frei gelegt und in das heutige Museum integriert.
Mit einem Ausflug in die Unterwelt hatte ich vor meinem Besuch des Hansemuseums nicht gerechnet. Um so spannender finde ich diesen Ausstellungsbereich. Fast geheimnisvoll inszeniert laufen wir an alten Abwasserrohren, Kellermauern aus dem 14. Jahrhundert, Brunnen und Burgbefestigungen vorbei.

Start des Museumsrundgangs beginnt in der Unterwelt

Archäologische Funde beim Bau des Europäischen Hansemuseums
Mit modernem E-Ticket eine eigene Museumswelt schaffen
Wir haben Glück, dass uns Meino auf unserem Rundgang begleitet. Anfang Juni hatte das Museum erst wenige Tage geöffnet und aktuell werden noch keine Führungen angeboten. Wer in die Hansewelt eintauchen mag, muss dies zunächst noch auf eigene Faust tun. Bald stehen Führungen in verschiedenen Sprachen zur Verfügung. Mehr noch: Der Museumsbesuch kann bald individualisiert werden. Das lässt mich aufhorchen. So etwas trifft meinen Geschmack. Die Eintrittskarte enthält einen RFID-Chip, den ich im Eingang auf meine Muttersprache mit einem Klick eingestellt habe. Darüber erhalte ich jetzt an kommenden Audiostationen vielfältige Informationen zur Hansegeschichte. Bald lässt sich beim Checkin noch erweitern, aus welcher Stadt man zusätzlich noch mehr erfahren möchte. Dadurch können dann alle multimedialen Stationen der Zeitreise durch die Hansegeschichte individuell mit anderen Städten ergänzt werden und man kann so erfahren, wie es zur jeweiligen Zeit in seiner persönlich ausgewählten Stadt war.
Die Bühne der Hanse: Erlebnisräume statt langweilige Ausstellung
Wir verlassen die archäologischen Ausgrabungen und gelangen durch eine schwere Tür in den nächsten Raum. Wieder Dunkelheit, dazu umgibt uns eine dumpfe Geräuschkulisse. Fast wie im Nebel liegen vor uns Koggen. Die alten Schiffe liegen brach und Tücher verschleiern sie. Ich bleibe stehen und lasse beeindruckt das Ambiente auf mich wirken. Wären nicht vor mir hochmoderne Infoschalter mit Kopfhörern, hätte ich fast das Gefühl einer Zeitreise.

Nowgerod 1193: Handelsschiffe steuern auf den Nordwesten Russlands zu – Multimediale Inszenierung der Hansegeschichte
Hier haben nicht Künstler eine geschichtliche Inszenierung umgesetzt, hier waren Wissenschaftler beteiligt, berichtet uns Meino. Forscher haben als Basis für diesen Museumsraum alte Baupläne von Koggen auf der Ostsee gefunden und detailgetreu nachgebaut: Kein Freizeitparkfeeling, sondern echte Geschichte zum Nacherleben. Dieser Schauraum fasziniert mich jetzt noch mehr. Das Konzept des Museums ist so aufgebaut, dass auf einen „Szenenraum“ ein „Grundraum“ folgt. Im letzteren sind Ausstellungsstücke, wie für ein Museum üblich, ausgestellt. Im Szenenraum haben Forscher und Wissenschaftler eine Epoche und Thema geschichtsgetreu aufbereitet und bieten damit ausgefallene Erlebnisse.
Raum für Raum eine neue Welt
Unser nächster Gang führt uns in einen eher üblichen Museumsraum. Ausstellungsstücke der frühen Hansetage reihen sich in Glaskästen mit ausführlichen Beschreibungen aneinander. Mich drängt es einen Raum weiter, doch Heiko ist heute mit mir unterwegs und lässt sich ausgiebig Zeit, die Exponate samt Beschreibungen zu studieren. Hätte er mich nicht dazu animiert, hätte ich viele interessante Details zur Hansegeschichte verpasst. Auch der klassische Museumsteil lohnt. So erfahre ich viel Wissenswertes zu alten Listen, teilweise auf Birke notiert, sehe echte Kerbhölzer und erfahre, warum so manch junger Handelsgenosse einen Dolch unter seinem Wams trug.

Da hat jemand etwas auf dem Kerbholz
Wie ein Kind freue ich mich schon auf den nächsten Raum, weiß ich nicht genau, was mich erwartet. Als ich die nächste Tür öffne, stehe ich mitten auf einem Markplatz in Brügge 1361. Das Museum gibt mir das Gefühl, wirklich auf einer Zeitreise zu sein. Markplatzstimmengewirr umgibt mich und wunderschöne Tücher liegen vor mir. Selbst die Farben der Tücher sind historisch nachempfunden und nicht einfach mit Färbemittel der heutigen Zeit „auf alt gemacht“. Vorsichtig streiche ich mit den Fingern über die Tuchware und stelle mir vor, mein Ritter würde mir die edlen Tuche für ein neues Gewand spendieren. Fernhändler aus aller Welt sind im damaligen Brügge zu Hause. Neben Waren wird auch deutlich präsentiert, wie die Hansekaufleute über Ihre Verkäufe ordentlich Buch geführt haben.

Tuchhändlermarkt in Brügge

Markplatz 1361 in Brügge perfekt im Europäischen Hansemuseum nachempfunden

Nichts geht über eine ordentliche Buchführung der Hansekaufleute
1367 erreicht die große Pestwelle Lübeck. Angst wird zum ständigen Begleiter und führt letztlich zur Wirtschaftskrise. Auch hier stimmt das Museums uns mit erschreckenden Szenerien auf diese Zeit der Geschichte ein. Pest, tote Ratten, Armut aber auch Reichtum, Piraten, Kaufleute und Stadtentwicklung – alles nah beieinander im Hansemuseum und ein interessantes Stück europäischer Geschichte.

Auch die Pestwelle erreichte die Hansestadt Lübeck, brachte Tod und führte in eine Wirtschaftskrise
Vielschichtiges Museumsareal
Als wir den Rundgang durch das Haupthaus beenden, ist unser Museumsbesuch noch nicht vorbei. Oben auf dem Backsteingebäude lassen wir zunächst unsere Eindrücke etwas sacken. Genießen dabei den Blick auf den Fluss. Der gesamte Museumsbereich reicht von der Kuppe des Burghügels bis zu Straße der Untertrave und umfasst insgesamt 7.405 Quadratmeter.

Blick vom Museumsdach des Haupthauses

Auf dem Dach des Haupthauses kann man etwas pausieren, um dann den Museumsbesuch im Kloster fortzusetzen
Burgkloster – leider für uns nur auf die Schnelle
Mit Blick auf die Uhr können wir auf der Dachterrasse nicht weiter träumen und setzen unseren Museumsbesuch zum Burgkloster fort. Es ist eines der bedeutendsten mittelalterlichen Klosteranlagen Norddeutschlands. Es wird bis heute noch restauriert und beherbergt als Baudenkmal weitere Teile des Hansemuseums. Mit strengem Blick werden wir von Hansekaufleuten begrüßt, um dann in den finalen Museumsteil weiterzugehen. Hier ist noch nicht alles fertig.

Reiche Hansekaufleute mit prüfendem Blick

Wer errät, was das ist? ;-)
Wir haben die Zeit vergessen und fliegen fast nur so durch die Räume. Um 18 Uhr wird das Museum geschlossen und wir haben für das Kloster nur eine halbe Stunde Zeit. Viel zu wenig, um dem alten Gemäuer gerecht zu werden. 1229 wurde das Lübecker Burgkloster gegründet und war bis 1531 Sitz eines Dominikanerkonvents. Heute ist das Baudenkmal ein Ort der Erinnerung an die Geschichte dieses Bettelordens.
„Die Sakristei hat einen aus dem 15. Jahrhundert verlegten Schmuckfussboden, der allerdings nicht mehr zugänglich ist.“, berichtet uns der Museumswärter, als er uns kurz vor Schließung aufgabelt. Er hat Erbarmen mit uns Museumsbummlern und führt uns schnellen Schrittes zu den uns noch verborgenen Schätzen des Klosters: So entdecken wir Wandbemalungen, alte Backsteingotik und ganz besondere Schlusssteine.

Sanierung und Restaurierung im Burgkloster ist noch im vollen Gang

Verzierung im Burgkloster

Wundervolle und einmalige Schlusssteine im Klosterteil des Museums

Unbedingt mehr Zeit für den Klosterbesuch einplanen

Lichtspiele mit besonderer Atmosphäre
Mein Fazit
Der Museumsbesuch ist anders und bietet viel Anschauliches. Man merkt bei unserem Besuch Anfang Juni, dass das Haus erst 10 Tage zuvor eröffnet wurde. Noch funktionieren nicht alle Bildschirme und Audiostationen. Führungen werden erst in Kürze buchbar sein. Dennoch war ich beeindruckt und habe mehr mitgenommen, als ich erwartet habe. Das Museum gibt Einblicke in die europäische Zeitgeschichte und es gibt keinen anderen Ort, wo die Geschichte der Hanse so perfekt erklärt und näher gebracht wird, wie hier. Neben der Hanse fand ich den Klosterteil sehr interessant und finde die Kombination zum eigentlichen Museum gelungen. Zeitbedarf für Besuch des Haupthauses und Kloster würde ich mit drei bis vier Stunden einplanen und reichlich Zeit mitbringen.
- Gericht im Hansemuseum
- Wer erratet was das ist? ;-)
- Sanierung und Restaurierung im Burgkloster noch im vollen Gang
Offenlegung: Mir wurden zwei Freikarten vom Europäischem Hansemuseum zur Verfügung gestellt. Lieben Dank dafür. Meine Meinung bleibt wie immer die eigene.
[…] Extratipp zur Hanse: Sehr anschaulich ist die gesamte Hansegeschichte im Hansemuseum in Lübeck nachzuerleben. […]
Danke für den informativen Rundgang und die anschauliche Bebilderung. Ich habe mich besonders gefreut, dass Andreas Heller damals den Zuschlag für die architektonische Umsetzung bekommen hat. Er hat schon einige Kulissen für Historienfilme mit verantwortet und hier im Europäischen Hansemuseum erkennt man deutlich seine Talent, vergangene Welten in Szene zu setzten.
Den Hintergrund zu Andreas Heller und Filmen kannte ich bisher nicht. Danke für Deine Ergänzungen. Daher hat der kubistische Bau vielleicht auch seine Art des Storytellings in sich.