Nancy statt Paris: Eine Reise zum Ursprung des französischen Jugendstils

Nancy, Frankreich, Jugendstil.

Nancy gilt als französische Hauptstadt des Jugendstils. Nicht Paris. Dass ausgerechnet eine lothringische Provinzstadt diesen Titel trägt, hat mit einem verlorenen Krieg zu tun, mit einer Stadt, die sich mehr als verdoppelte, und mit einem Botaniker, der beschloss, dass Kunst nicht den Reichen gehört.

Im Pflaster von Nancy sind goldene Ginkgo-Blätter eingelassen. Diese 5,5 Kilometer lange Route führt durch Straßen, Alleen und Fußgängerzonen und vorbei an zwanzig Stationen. Man braucht zweieinhalb Stunden bei zügigem Schritt. Wer flaniert und sich Zeit nimmt, macht daraus einen ganzen Tag voller Entdeckungen auf den Spuren des Jugendstils in Nancy.

Nancy gilt als die französische Hauptstadt des Jugendstils. Diese Aussage überrascht jeden, der bei Frankreich zuerst an Paris denkt, an die geschwungenen Métro-Eingänge von Hector Guimard oder die Salons der Belle Époque. Was um 1900 in Nancy entstand, war jedoch größer und vor allem bodenständiger als der Pomp der Hauptstadt. Es war keine bloße Mode einzelner Maler. Es war eine echte Bewegung mit Programm, Statuten, Verband und vielen Akteuren: die École de Nancy.
Der Grund dafür ist allerdings eine Niederlage.

Nancy verdoppelt sich

1871 endet der Deutsch-Französische Krieg mit dem Frankfurter Frieden. Das Deutsche Reich annektiert das Elsass und einen Teil Lothringens. Wer in den abgetretenen Gebieten lebt, muss sich entscheiden: bleiben und deutsch werden oder gehen und Franzose bleiben.

Viele von ihnen kommen nach Nancy. Es ist die nächste größere Stadt auf der französischen Seite. In wenigen Jahrzehnten wächst die Einwohnerzahl von 50.000 auf 120.000. Es kommen Unternehmer, Kaufleute, Ärzte, Anwälte, Menschen mit Kapital, Bildung und einem gekränkten Nationalgefühl.

Diese Mischung ergibt eine seltene Konstellation. Es gibt Geld, es gibt Bauplätze, es gibt Auftraggeber, die etwas erschaffen wollen, und es gibt Handwerker, die etwas können. Nancy wird innerhalb von zwanzig Jahren zu einem der wichtigsten Zentren der dekorativen Künste in Frankreich. Die Stadt baut sich neu, und sie tut es in einer Sprache des Designs, die es vorher nicht gab.

Ein Botaniker macht Programm

Kopf und Antrieb der Bewegung ist Émile Gallé, Jahrgang 1846, geboren in Nancy. Er ist ausgebildeter Botaniker. Im Jahr 1877 übernimmt er die Kristall- und Keramikhandlung seines Vaters. Anstatt Ornamente aus Musterbüchern zu kopieren, geht er in den Wald vor der Stadt. Dort findet er Inspiration für seine Entwürfe, die er direkt von den Pflanzen Lothringens ableitet: Doldenblüten, Disteln, Kiefernzapfen und Silberblatt. Pflanzen faszinieren ihn zutiefst, weshalb er 1901 gemeinsam mit den Gartenbauern Victor Lemoine und Félix Crousse die Zentrale Gartenbaugesellschaft von Nancy gründet.

1889 gewinnt er auf der Pariser Weltausstellung den Großen Preis für seine Gläser, Gold für seine Keramiken und Silber für seine Möbel. Um ihn versammeln sich der Möbelfabrikant Louis Majorelle, der Glasfabrikant Antonin Daum, der Glasmaler Jacques Gruber und der Kunsttischler Eugène Vallin, die 1901 einen Verband gründen, dessen Name das Programm verrät: „Alliance Provinciale des Industries d’Art“. Kunstgewerbe, ausdrücklich.

Ein Grundsatz bringt den Kern dieser Epoche auf den Punkt: „Kunst für alle, Kunst in allem“. Um 1900 galt die Industrie unter Gebildeten noch als Feind der Kunst. In Nancy schlossen die Künstler jedoch Verträge mit ihr, produzierten in Auflage und lieferten an Warenhäuser. Deshalb blieb der Jugendstil hier nicht in den Salons. Er ist im Boden einer Apotheke an der Rue des Dominicains zu finden, in der bis heute Hustensaft verkauft wird. Das Blatt im Mosaik ist ein Ginkgo.

Ein Glasdach über dem Bankschalter

Der Ginkgo-Parcours beginnt zwischen dem Place Stanislas und dem Bahnhof, was keineswegs dem Zufall geschuldet ist. Genau hier schlug um 1900 das wirtschaftliche Herz der Stadt mit all seinen Banken, Zeitungen, Kaufhäusern und Brauereien. Für sie war der neue Stil die perfekte Visitenkarte. Wer modern baute, bewies Weitblick und zeigte selbstbewusst, dass er dazugehörte.

Im Crédit Lyonnais spannt sich ein prächtiges Glasdach von Jacques Gruber über 250 Quadratmeter. In der ehemaligen Banque Renauld, der heutigen BNP Paribas, verbinden sich die Schmiedearbeiten und Möbel von Majorelle mit den Fenstern von Gruber, alles nach dem Motiv einer Münze gestaltet.

Auch in der Industrie- und Handelskammer begegnen sich die beiden Künstler: Hier hängen fünf Glasfenster von Gruber direkt hinter den filigranen Schmiedearbeiten von Majorelle, zu sehen ganz einfach während der regulären Öffnungszeiten. Und in der Brasserie Excelsior lässt sich diese Kunst bis heute bei einem guten Essen erleben, umgeben von Fenstern von Gruber sowie Werken aus den Werkstätten von Majorelle und Daum.

Wo der Efeu die Treppe hinaufwächst

Weiter südlich, an der heutigen Rue Louis Majorelle, befindet sich das bekannteste Jugendstilhaus der Stadt. Louis Majorelle ließ die Villa Majorelle 1901/02 als Wohnhaus und Beweis für die Fähigkeiten seiner Werkstatt errichten. Den Entwurf lieferte der damals 25-jährige Pariser Henri Sauvage, den Majorelle 1898 engagierte. Über seinen Auftraggeber schrieb Sauvage später, dieser habe ihm eine „unerhörte Freiheit“ gelassen und ihm nie ein Budget vorgeschrieben.

In der Haustür wächst Silberblatt aus Holz und Glas, eine Pflanze mit flachen, münzrunden Fruchtständen, altes Zeichen für Wohlstand. Dahinter klettert am Treppengeländer Efeu nach oben, das Laub wird von Stufe zu Stufe dünner, bis nur die geschwungenen Stäbe übrig sind.
Drinnen wirkt alles so, als seien die Bewohner gerade vor die Tür gegangen und kämen gleich um die Ecke zurück, um nach dem Rechten zu sehen. Ich stehe mittendrin und fühle mich um hundert Jahre zurückversetzt.

Im Esszimmer teilt ein Kamin aus geflammtem Steingut von Alexandre Bigot den Raum. An den Fenstern legt sich das Motiv des Bitterapfels ins Licht, an den Türklinken sitzen feine Doldenblüten und an der Wand zieht sich ein gemalter Fries mit Bauerntieren von Francis Jourdain entlang. Kein Detail wiederholt sich. Dennoch fügt sich alles zu einem einzigen Entwurf, vom großen Möbelstück bis zur Klinke.

Der Kiefernzapfen war das Leitmotiv im Salon: Er zierte Möbel, den Kamin und das Glas. Grubers berühmtes Kiefernfenster ist nicht erhalten. Es zerbrach im Jahr 1916, als im Ersten Weltkrieg Bomben auf die Stadt fielen und auch die Villa trafen. Was 1871 begonnen hatte, endete in diesem Krieg. Eine Spur davon steht hier im Salon.
Einziehen könnte ich trotzdem sofort. Vielleicht bin ich selbst ein wenig aus der Zeit gefallen. Das Haus hätte sicher nichts dagegen.

Was im Museum auf einen wartet

Rund 600 Meter weiter, in der Rue du Sergent Blandan, lebte Eugène Corbin, ein Kaufmann und Förderer der Bewegung. Im Jahr 1935 schenkte er seine Sammlung der Stadt Nancy. Sein Haus ist heute das Musée de l’École de Nancy und weltweit das einzige Museum, das ausschließlich der École de Nancy gewidmet ist.

Gleich am Anfang der Ausstellung steht Gallés Bett. Es heißt „Aube et Crépuscule“, Morgendämmerung und Abenddämmerung, und wurde 1904, im Jahr seines Todes, angefertigt. Auf dem dunklen Holz sitzen Falter aus eingelegtem Perlmutt und getönten Hölzern, die Flügel ausgebreitet. Wer darin schlief, legte sich unter den Abend und stand unter dem Morgen auf.

Weiter geht es zu Majorelles Schreibtischen aus den Jahren 1900 bis 1902, deren Beschläge und Beine mit Wasserrosen verziert sind, die sich bis in die Kante der Platte ziehen. Bei einer Lampe von Majorelle und Daum wächst der Fuß als Kaktus nach oben und der Schirm stellt die Blüte dar. Dort steht auch ein Flügel, der von Majorelle gebaut und von Victor Prouvé bemalt wurde. Und dann das Esszimmer, das Eugène Vallin 1904 für Corbins Schwager Charles Masson fertigte. Tisch, Stühle, Vertäfelung, Decke. Es ist ein Raum, in den man hineingeht und sich wie in einer Wohnung umschaut.

Man kann das Museum in zwanzig Minuten erkunden. Meine Empfehlung: Nehmt euch Zeit und lasst es auf euch wirken. Denn das Wesentliche liegt in den Details, die man erst erkennt, wenn man nah herangeht. Die Ranke am Beschlag, das Blatt an der Schublade, die Maserung zweier Hölzer, die so nebeneinandergelegt sind, dass sie einen Schatten werfen.

Nichts davon musste sein. Ein Schreibtisch funktioniert auch ohne Wasserrosen an der Kante. Und genau darum geht es hier. Diese Männer haben Gebrauchsmöbel gebaut: Betten, Tische, Schränke, Lampen, Dinge für den Alltag. Und dann haben sie Wochen damit verbracht, jedes Stück so schön wie möglich zu machen. Jede Einlegearbeit wurde von Hand geschnitten und jedes Blatt einzeln eingepasst. Wenn man davorsteht, fühlt man sich in eine andere Zeit versetzt, in die Werkstatt von 1902, in der jemand über ein Furnier gebeugt sitzt und nach dem entscheidenden Millimeter sucht. Diese Leidenschaft steckt in jedem einzelnen Werkstück und wirkt bis heute nach.

Was danach kam

1904 stirbt Gallé. 1909 richtet die École de Nancy im Parc Sainte-Marie ihre letzte große Ausstellung aus, die Internationale Ausstellung Ostfrankreichs. Dann kommt der Erste Weltkrieg, und danach ist die Bewegung Geschichte. Die Werkstätten schließen nacheinander: Gallé 1931, Majorelle 1956, Vallin 1961.

Was aus dem Stil wurde, lässt sich im Parc de Saurupt im Südwesten entdecken. Der Architekt Jules Villard entwarf dort im Jahr 1901 eine Gartenstadt. Gebaut wurden am Ende sechs Häuser, von denen fünf bis heute stehen. An ihren Fassaden lässt sich der fließende Übergang vom Jugendstil zum Art déco ablesen, der Wandel von der geschwungenen, organischen Linie hin zur strengen Geometrie.

Vom 21. Oktober 2026 bis zum 27. Februar 2027 zeigt das Musée des Beaux-Arts am Place Stanislas eine umfassende Ausstellung, die ganz dem Meister gewidmet ist: „Der seltsame Fall des Herrn Gallé“. Im selben Gebäude befindet sich die Daum-Sammlung mit über 900 Glasobjekten, von denen etwa 300 dauerhaft in den Räumen ausgestellt sind.

Abends steht die Sonne flach in der Rue des Dominicains und die goldenen Ornamente im Pflaster werfen kleine Schatten. Die meisten Passanten gehen darüber hinweg, ohne aufzublicken. Es sind die Blätter eines Baums, der seit 200 Millionen Jahren auf dieser Erde existiert und sich in all der Zeit kaum verändert hat. Gallé wusste das ganz genau. Er war schließlich Botaniker.

Praktisches für dein Jugendstil-Erlebnis in Nancy

Jugendstil-Parcours: 5,5 Kilometer, zwanzig Stationen, etwa zweieinhalb Stunden. Markiert durch goldene Nägel mit Ginkgoblatt im Boden. Audioführung in elf Sprachen, auch auf Deutsch, kostenloser Download (mit dem Handy) oder Leihgerät im Tourismusbüro für 10 €.
visitnancy.orpheo.app

Villa Majorelle, 1 Rue Louis Majorelle. Eintritt 6 €, ermäßigt 4 €. Einzelbesuch Mittwoch bis Sonntag, 14 bis 18 Uhr, Reservierung erforderlich. Führungen samstags und sonntags um 11 Uhr. Taschen bleiben an der Garderobe, im Haus werden Überschuhe getragen. Kostenlose Tour-App auch auf Deutsch.
musee-ecole-de-nancy.nancy.fr/la-villa-majorelle

Musée de l’École de Nancy, 36-38 Rue du Sergent Blandan. Eintritt 6 €, ermäßigt 4 €. Mittwoch bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr. Garten frei zugänglich. Kombiticket mit der Villa Majorelle 9 €. Bus 11 Richtung Heillecourt bis Nancy Thermal.
musee-ecole-de-nancy.nancy.fr

Nancy CityPass: ab 20 € für 24 Stunden, ab 30 € für 48 Stunden, ab 35 € für 72 Stunden. Enthält alle Museen, Nahverkehr und eine Führung.
nancy-tourisme.fr

Ohne Eintritt zu sehen: Glasdach Crédit Lyonnais, Industrie- und Handelskammer während der Öffnungszeiten, Brasserie Excelsior, Pharmacie du Ginkgo an der Rue des Dominicains.
destination-nancy.com

Ausstellung „Der seltsame Fall des Herrn Gallé“, Musée des Beaux-Arts am Place Stanislas, 21. Oktober 2026 bis 27. Februar 2027.
musee-des-beaux-arts.nancy.fr


Offenlegung: Dies ist ein journalistischer Artikel, der teilweise durch die Unterstützung mit Destination Nancy entstand. Die Unterstützung hat jedoch keinen Einfluss auf den Inhalt und spiegelt meine eigene Meinung wider. Für den Beitrag habe ich kein Honorar erhalten.

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