Kaffeezeit in Venlo: Um elf kommt der Vlaai

Lamers, Venlo, Vlai, Joe LamersDer Meister und sein Klassiker: Konditor Jos Lamers mit ofenfrischem Vlaai.

(enthält Werbung) Duftender Kaffee aus eigener Röstung, cremige Reistorte unter einer zarten Haube aus Eischnee und feinste Pralinen in einer denkmalgeschützten Tankstelle von 1933: In Venlo beginnt der süße Genuss schon am Vormittag. Die niederländische Nachbarstadt liebt ihr Gebäck und serviert das erste Stück Kuchen mit Vorliebe bereits um elf Uhr. Vier wunderbare Adressen für einen einzigen Vormittag und eine Kaffeekultur, die uns in Sachen Gemütlichkeit um ein paar Stunden voraus ist.

Entschleunigung an der Rösttrommel im historischem Anwesen

Das feine Kaffeearoma weist mir den Weg, noch ehe ich das gesamte Anwesen überblicke. Die kleine Rösterei hat ihren Platz in einem historischen Gehöft direkt neben der seit 1631 bestehenden „Kepelke van Genuuje“ gefunden. Draußen zieht der bekannte Fernwanderweg Pieterpad am Gebäude vorbei, und keine hundert Meter weiter fließt die Maas gemächlich dahin.

Drinnen dreht sich die Trommel mit leisem Surren. Patrick de Winkel, der fünfundvierzigjährige Café-Leiter, beobachtet aufmerksam den Farbwechsel der Kaffeebohnen. Auf dem Holztisch vor ihm liegt der direkte Vergleich: Auf der einen Seite liegen die blassen Rohbohnen, gleich daneben die fertig veredelten Röstungen. In den Trichter kommt ganz bewusst nur eine einzige Sorte. Die feine Hausmischung trägt den Namen „Mooder Merie” (Mutter Maria) und vereint erlesene Arabica-Bohnen aus Brasilien, Nicaragua, Costa Rica und Kolumbien. Sie wird hell und blond geröstet, sodass kaum Öl an die Oberfläche tritt. Eine dunklere Röstung stand ebenfalls auf dem Plan, doch die Gäste empfanden sie als zu herb. Also blieb es bei der milderen Variante. Eine Charge fasst sechzig Kilo, geröstet wird etwa alle vier Wochen, immer erst dann, wenn die Vorratsbehälter leer sind.

Patrick de Winkel hat sich das Handwerk durch stetiges Fragen, genaues Hinhören und viel praktisches Ausprobieren selbst angeeignet. Beim Röstprozess komme es ohnehin weit weniger auf die Hitze als auf das richtige Abkühlen an, erklärt er lächelnd. Nur so bleibt das wertvolle Aroma genau dort, wo es hingehört. Manufakturen dieser Art sind in den Niederlanden rar gesät, de Winkel kennt im ganzen Land nur eine Handvoll vergleichbarer Betriebe.

Hinter diesen Kaffeebohnen steckt weit mehr als nur Genuss. Die Genuujerie gehört zu Rendiz, einem niederländischen Sozialunternehmen, das neben Cafés und einer Bäckerei weitere Betriebe führt und Menschen beschäftigt, die auf dem regulären Arbeitsmarkt nur schwer Fuß fassen können, darunter viele mit einer geistigen Beeinträchtigung. Unterstützt wird Rendiz dabei von der Stiftung Dichterbij, einer Einrichtung, die Menschen mit Behinderung in der Region betreut. In der Rösterei, in der Küche und im Service übernehmen sie Aufgaben, vom Mahlen bis zum Servieren. Wer an den Tischen Platz nimmt, kann daher manchmal ein paar Minuten länger auf den Kaffee warten. Das gehört dazu und gibt den Beschäftigten Sicherheit in dem, was sie können.

Die Koffieschenkerij Genuujerie liegt vor den Toren der Innenstadt und ist ein beliebter Startpunkt für einen Einkaufsbummel durch Venlo oder für die Genussradtour „Happen en Trappen”. Wanderer auf dem Pieterpad finden in der Herberge nebenan ein gemütliches Gästehaus. Im kleinen Hofladen reihen sich Kerzen und Marienstatuen neben liebevoll platzierten Kaffeepäckchen. Den traditionellen Vlaai auf der Karte backen Patrick de Winkel und sein Team allerdings nicht selbst. Der köstliche Kuchen stammt aus der Venloer Backstube Lamers, einem echten Traditionsunternehmen, dem ich auf meiner süßen Entdeckungsreise durch Venlo noch öfter begegnen werde.

Wo der Reiskuchen Tradition hat: Das Geheimnis des echten Reisvlaai

Für mich öffnet sich heute eine Tür, die Kunden für gewöhnlich verschlossen bleibt. Der Backraum liegt hinter dem Verkaufsbereich. Die Hitze steht bereits im Raum, lange bevor die schwere Ofentür aufgeht. Jos Lamers rührt in den großen Schüsseln mit einer Ruhe, als spüre er die warme Luft nicht. Seit 1988 führt er den Familienbetrieb gemeinsam mit seiner Frau und seiner Schwester. Am Vormittag entstehen zuerst die Macarons, die kleinen als Friandise zum Kaffee, die größeren mit Himbeere. Zunächst steht der Eischnee steif wie eine weiße Skulptur, dann rührt Lamers ihn behutsam zurück, bis die Masse in einem seidigen Band vom Löffel fließt. „Macaronieren” nennt er das, doch es sieht leichter aus, als es ist.

Danach folgt das kulinarische Highlight des Hauses, der echte Limburger Reisvlaai. Die Zutaten des Reiskuchens sind unkompliziert: spezieller Rundkornreis, der viel Flüssigkeit bindet, Milch, eine Vanilleschote, etwas Zucker und ein dünner Boden aus Hefeteig. „Dünn im Boden, üppig in der Füllung”, so bringen die Limburger ihren Vlaai auf den Punkt. Der weich gekochte Reis wird mit Eigelb gebunden. Darüber kommt heute ausnahmsweise eine dicke Decke aus Eischnee. Im Ofen plustert sich die Füllung auf und sinkt beim Abkühlen wieder in sich zusammen.

Was die echte Limburgse Vlaai ausmacht, ist ganz einfach: Sobald der Kuchen den Ofen verlässt, ist er fertig. Er wird danach weder garniert noch verziert. Natürlich gibt es dennoch leckere Ausnahmen und Varianten. Seit Anfang 2024 wacht sogar Brüssel darüber. Der Limburgse Vlaai ist eine geschützte geografische Angabe, quasi in einer Reihe mit Aceto Balsamico aus Modena oder Serrano-Schinken. Den Namen dürfen nur Bäcker aus dem niederländischen und dem belgischen Limburg führen. Gebacken wird nach festen Vorgaben. Unter der Woche gehen 50 bis 60 Stück über die Theke der Konditorei Lamers. Angeschnitten riecht der Vlaai nach Anis, den Lamers in die Schlagsahne gibt. Die meisten Gäste wollen genau diesen Klecks Sahne. Nach den Regeln heißt der Kuchen dann streng genommen nicht mehr Limburgse Vlaai, doch in Venlo sieht man über diesen Genuss großzügig hinweg. Gleich nebenan verführen hausgemachte Schokoladenkreationen, darunter die beliebten Köpkes und Vötjes. Hinter den Köpkes verbirgt sich eine echte Besonderheit der Stadt. Das Vorbild findet sich in der Keizerstraat an einem berühmten Zaun, auf dem bronzene Figuren alte Venloer Redensarten lebendig halten. Jos Lamers gießt einige dieser Charaktere detailgetreu in zarte Schokolade, sodass man hier im wahrsten Sinne des Wortes ein Stück gelebte Stadtgeschichte von Venlo vernaschen kann.

Süße Handwerkskunst in historischem Gemäuer: Zwischen Eiscreme und Kakaoträumen

Githa zieht mit der Airbrush einen hauchzarten Farbschleier über eine Praline. Auf meine Frage, wo sie diese Kunstfertigkeit erlernt hat, lächelt sie: „In Brügge.” Nach ihrer Ausbildung zur Konditorin widmete sie sich dort ein ganzes Jahr lang ausschließlich der Schokolade. Heute stellt sie in Venlo zwar sowohl Eis als auch Pralinen her, doch man spürt sofort, dass ihr Herz ganz besonders für die Kakaobohne schlägt.

Als Basis dient bei IJsco Fantastico beste Callebaut-Schokolade und das samtige Karamell kocht Githa früh am Morgen selbst im Kessel, da es viel Zeit zum Festwerden braucht. Die Variante mit Meersalz ist der unangefochtene Bestseller, dicht gefolgt von aufregenden Kombinationen wie Tonka mit Cassis oder Whisky mit fruchtiger Blutorange. Auf der Arbeitsplatte ruhen die vollendeten Pralinen, nach Nuancen arrangiert wie in einer bunten Schatulle. Jede Sorte erhält ihre ganz eigene Handschrift, sei es der feine Farbnebel der Sprühpistole, ein zarter Pinselstrich oder die klassische Gießform. Für Unternehmen prägt Githa Firmenlogos in kleine Schokoladenwürfel und zum Muttertag entstehen filigrane Schokoherzen. Über den Onlineshop lässt sich die persönliche Lieblingsmischung samt Grußkarte zusammenstellen und ein beachtlicher Teil der Pakete reist direkt nach Deutschland.

Für die kühlen Genüsse ist derweil Eismacher Emiel Zeevenhoven verantwortlich. Aus seiner Hand stammen vierunddreißig Sorten, die durch monatlich wechselnde Neukreationen ergänzt werden. Sowohl das Eis als auch das Konfekt werden in den Hallen einer historischen Schokoladenfabrik am Rande der Venloer Innenstadt hergestellt, in der bereits vor über hundert Jahren süße Köstlichkeiten produziert wurden. Frisch aus der Manufaktur gelangen die süßen Kreationen Tag für Tag direkt in die Innenstadt. In der Vleesstraat residiert der Schokoladenladen im historischen Anwesen „Den Gouden Appel”, einem einstigen Kaufmannshaus aus dem Mittelalter mit geschütztem Denkmalstatus. Zwischen den historischen Mauern werden edle Pralinenschachteln und kunstvoll verpackte Schokoladengeschenke präsentiert. Nur wenige Schritte entfernt, am Keulsepoort, liegt die Eisdiele „ut Tankstation” in einem ganz besonderen Denkmal: Das Gebäude aus dem Jahr 1933 gilt als die älteste erhaltene Tankstelle der Niederlande. Vor dem Zweiten Weltkrieg bejubelte hier die halbe Stadt die Teilnehmer der legendären Rallye Monte Carlo. Wo einst Kraftstoff floss, gibt es heute cremiges Eis und leckeren Kaffee, direkt neben dem Limburgs Museum.

Kaffee und Kunst im alten Postamt: Das helle Museumscafé Reina

Das Museumscafé Reina ist im historischen Hauptpostamt am Keulsepoort gelegen, im lichten Erdgeschoss des Museums van Bommel van Dam. Der Name ist eine Verbeugung vor der Stifterin Reina van Bommel van Dam, die der Stadt Venlo gemeinsam mit ihrem Ehemann eine bedeutende Kunstsammlung hinterließ. Hohe Wände, eine gewisse Schlichtheit und üppige Pflanzen schaffen ein frisches Ambiente. Scheint die Sonne, zieht es die Gäste auf die Außenterrasse zur Einkaufsstraße.

Die gute Seele des Hauses ist die 56-jährige Bianca Wennekes, die das Café seit zweieinhalb Jahren mit viel Schwung führt. Ihre Übernahme war ein echter Kraftakt: Als die Vorgängerin ging, sprang Bianca spontan ein und verwandelte den Betrieb mit ihrer Routine aus drei Jahrzehnten Catering innerhalb von 24 Stunden in ihren eigenen Laden. Ihr Rüstzeug holte sie sich an der höheren Hotelfachschule und bei ihrer fünfundzwanzigjährigen Tätigkeit in einem Fischhandel in der Nähe der bekannten „Die zwei Brüder”.

Ihre Philosophie für das „Reina” lautet: Frische und Vielfalt. Auf den Tisch kommt ausschließlich Hausgemachtes: fantasievolle Gerichte für Vegetarier und Veganer ebenso wie klassische Fleischspezialitäten. Beim Kuchen dominiert echte Handwerkskunst: Neben der traditionellen Reisvlaai lockt die weiße Vlaai sowie saftige Kirsch- und Aprikosenstücke aus der Backstube Lamers. Manche Gäste, so berichtet Bianca schmunzelnd, schauen zwei bis drei Mal pro Woche einzig wegen dieses Kuchens vorbei. Für den herzhaften Hunger serviert die Küche das legendäre Venloer Zuurvlees, ein aromatisches Schmorfleisch, das durch die Zugabe von dunklem Bier und einer feinen Süße seinen unverwechselbaren Charakter erhält.

Das frische Gemüse wird von einem zertifizierten Biohof aus der Region geliefert. Der Hof verzichtet konsequent auf Kunstdünger. Auch die übrigen Zutaten stammen aus regionaler Produktion. Die Backstube liegt nur wenige Straßen entfernt an der Parade. Für Bianca ist das ein klares Bekenntnis zu echter Nachhaltigkeit und Ausdruck eines gelebten Miteinanders, das mich in den Niederlanden immer wieder begeistert. Das Publikum ist bunt gemischt: Neben Kunstinteressierten finden sich viele Einheimische, Bahnreisende aus dem nahen Deutschland und treue Stammgäste unter den Besuchern. Das Museumspublikum macht heute nur noch ein Drittel der Besucher aus, die Mehrheit kommt gezielt wegen der Atmosphäre und der Speisekarte ins Reina.

Derzeit im Trend liegt bei Reina auch aromatischer Matcha Latte in den Nuancen Grün und Erdbeere. Lokalkolorit im Glas verspricht der „Speculoos Koffie”, dessen würziges Aroma an traditionelles Festtagsgebäck erinnert und dem Milchschaum eine herrlich winterliche Note verleiht. Ich entscheide mich für einen Latte Macchiato mit Speculoos und Karamell, der so reichhaltig serviert wird, dass er beinahe über den Becherrand schwappt. Ein wunderbar süßer Abschluss mit einem köstlichen Stück Vlaai.

Koffietijd in Venlo: Wo die süße Tradition schon am Vormittag beginnt

Die Einladung zur niederländischen „Koffietijd” erfordert eine Umstellung des Terminkalenders. Kaffee und Kuchen werden hier nämlich ganz traditionell um 11 Uhr serviert, also nach dem Frühstück und noch vor dem Mittagessen, anstatt wie bei uns daheim erst um drei oder vier Uhr am Nachmittag. Trifft man sich später am Tag, spricht man von der Theetijd, wobei die Tassen gerne mit Kaffee gefüllt bleiben.

Die Unterschiede zeigen sich auch beim Kuchengenuss. Während in Deutschland oft üppige Tortenplatten für den ganzen Tag bereitstehen, zelebriert man hier die persönliche Auswahl von genau einem Stück pro Gast. Dazu passt ein cremiger „Koffie verkeerd” mit viel aufgeschäumter Milch und einem kleineren Anteil Kaffee, der im hohen Glas serviert wird. Anstelle von Donauwelle oder Käsekuchen serviert man in Venlo und der gesamten Region Limburg den echten Vlaai. In Arnheim oder Amsterdam wird man damit jedoch nicht fündig, denn das Gebäck bleibt das stolze Wahrzeichen des Südens. Wie tief verwurzelt dieses liebgewonnene Ritual im Alltag ist, zeigt sich besonders bei Familienfesten. Anstatt ein Fest am Nachmittag bei Torte ausklingen zu lassen, bildet die Kaffeetafel in Limburg den glanzvollen Auftakt.

Infobox: Adressen und Öffnungszeiten

Koffieschenkerij Genuujerie
Sint Urbanusweg 77, 5914 CA Venlo. Täglich 10 bis 17 Uhr.
Hausröstung Mooder Merie als ganze Bohne oder gemahlen, Kaffee-Geschenkpakete, Limburgse Vlaai und High Tea, Bedevaartsoep (Suppe) und broodje van Maria. Cadeaushop im Haus, direkt am Pieterpad.
genuujerie.nl

Banketbakkerij Lamers
Parade 48, 5911 CD Venlo.
Limburgse Vlaai und Reisvlaai, Macarons, Venloer Schokolade „De Verleiding“, Vötjes und Köpkes, roomboterwafels und roomboterspeculaas. Backworkshops mit Jos Lamers.
lamersbanket.nl

IJsco Fantastico · ut Tankstation
Keulsepoort 3, 5911 BX Venlo. Eisküche: Nieuwe Poort 6.
Rund 34 Eissorten mit wechselnder Monatssorte, vegane und milchfreie Varianten, Waffeln und Coupes, rund 25 gekühlte Pralinensorten mit Salted Caramel als Bestseller. Geschenkbox zum Selbstzusammenstellen im Webshop.
ijscofantastico.nl

Museumcafé Reina
Keulsepoort 1, 5911 BX Venlo, im Museum van Bommel van Dam. Dienstag bis Sonntag 10:30 bis 17:30 Uhr, montags geschlossen.
Latte mit Speculoos und Karamell, Speculoos-Koffie, Matcha Latte, weiße Vlaai und Reisvlaai, Venloer zuurvlees und Borrelhapjes. Zutaten regional und in Bio-Qualität.
museumcafereina.nl

Weiterlesen auf invenlo.de

invenlo.de ist das offizielle Besucherportal der Stadt Venlo, verfügbar auf Deutsch, Niederländisch und Englisch. Dort bündelt die Stadt ihre Tipps rund um Gastronomie und Einkaufen, Kultur und Museen, Veranstaltungen sowie Rad- und Wanderrouten, für Venlo selbst und die umliegenden Orte wie Arcen, Steyl und Tegelen. Wer einen Tag oder ein Wochenende plant, findet dort Adressen, Öffnungszeiten und Ausflugsideen, von der Kaffeezeit, über schöne Café-Terrassen mit Aussicht, bis zum Abendprogramm. Mehr zu Kaffee, Vlaai und Genuss in Venlo findet ihr also auch auf invenlo.de.

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