Locorotondo – Der weiße Kreis im Herzen Apuliens

Locorotondo liegt auf einem Hügelrücken in Apulien, mittendrin im Valle d’Itria. Die Altstadt ist rund gebaut, die Gassen eng geführt, die Häuser schneeweiß. Die runde Form wirkt ungewöhnlich, fast konstruiert – und ist doch das Ergebnis jahrhundertealter Logik.

Ein klarer Grundriss, kein Zufall

Wer sich durch die Altstadt von Locorotondo bewegt, merkt schnell: Nichts ist zufällig gewachsen. Die Wege folgen einem inneren Plan. Die Straßen ziehen sich in sanften Ringen um den Ortskern, wie Jahresringe eines Baumes. Schon im Mittelalter legte man Orte auf Hügeln so an: Die runde Form bot Schutz, sicherte den Überblick und hielt die Wege kurz. In Locorotondo blieb dieser Stadtplan bis heute erhalten. Nicht, weil man ihn konservierte, sondern weil er funktionierte. Der Ort wuchs langsam, ohne Expansionsdruck und große Umbrüche. Der Name Locorotondo, stammt aus dem Lateinischen „Locus Rotundus” und tauchte erstmals im Jahr 1195 in einer Urkunde auf. Der Name ist bis heute erhalten geblieben und passt immer noch – wie ein Kleidungsstück, das nie zu eng wurde.
Die Gassen sind eng, aber luftig. Weiße Mauern reflektieren das Licht und an den Fenstern hängen Läden aus dunklem und farbigem Holz. Man trifft auf geschlossene Türen, geöffnete Fenster und ein gemütliches Leben.

Bauen, wie es passt

Auffällig sind die Häuser: Sie sind schmal, hochgezogen und haben einen spitzen Giebel. Die Cummerse nennt man sie hier. Sie stehen dicht, aber nicht gedrängt. Ihre Dächer bestehen aus flachen Kalkplatten, die sauber geschichtet sind. In anderen Orten der Region tauchen sie vereinzelt auf, hier jedoch fügen sie sich zu einem durchgehenden Stadtbild zusammen. Es ist diese Dichte, die auffällt, ein Bautypus, der zur Stadtform geworden ist. Dieses Hausschema unterscheidet sich deutlich von den nahegelegenen Trulli mit ihren runden Grundrissen und Kegeldächern. Und doch teilen sie etwas Grundlegendes. Beide nutzen den Kalkstein der Umgebung – geschichtet, gehauen und an das Vorhandene angepasst.
Es gibt keine großen Plätze und keine inszenierten Sichtachsen. Aber es gibt kleine Winkel, Treppen und Mauervorsprünge. Orte, an denen man bleibt, ohne es geplant zu haben. Wer durch die Gassen schlendert, kann sich leicht verlaufen und findet sich meist ganz beiläufig wieder – irgendwo zwischen zwei bekannten Ecken.

Auffällig und typisch: Die Cummerse-Häuser mit ihrem spitzen Giebel prägen das Stadtbild.
Auffällig und typisch: Die Cummerse-Häuser mit ihrem spitzen Giebel prägen das Stadtbild.
Die Farben des Südens – gefasst in Ton und Glasur.
Die Farben des Südens – gefasst in Ton und Glasur.

Zwei Kirchen, zwei Blickwinkel

Die eine steht im Zentrum und wirkt größer, als sie ist. Die andere liegt am Rand, ist älter, leiser und trägt die kunsthistorisch bedeutenderen Spuren.
Die Chiesa Madre San Giorgio steht im Zentrum der Altstadt. Ihre Fassade zieren barocke Ornamente, oben ist der Heilige Georg im Kampf mit dem Drachen zu sehen. Im Inneren ist sie klar gegliedert, hell und beinahe nüchtern.
Mehr Aufmerksamkeit zieht die Madonna della Greca auf sich. Sie liegt etwas abseits am Rande der Altstadt und wirkt von außen beinahe unscheinbar. Ein Rosettenfenster, zwei Figuren am Giebel, grauer Stein. Doch wer eintritt, ist überrascht. Die Kirche ist älter als alle anderen Gebäude im Ort. Ihr Grundriss stammt vermutlich aus dem 7. Jahrhundert, der heutige Bau wurde im späten 15. Jahrhundert errichtet. Im Inneren öffnet sich ein Raum mit gotischen Gewölben, Figuren, Pflanzenornamenten und Fabelgestalten. Ein mehrteiliges Altarbild zeigt Maria mit dem Kind, flankiert von Heiligen. Eine der Figuren stellt Maria mit entblößten Brüsten dar – ein Motiv, das früher Trost und Schutz symbolisierte. Heute sieht man so etwas selten.

Seltene Darstellung: Maria mit entblößten Brüsten – ein mittelalterliches Bildmotiv, das Schutz und Fürsorge symbolisieren sollte.
Seltene Darstellung: Maria mit entblößten Brüsten – ein mittelalterliches Bildmotiv, das Schutz und Fürsorge symbolisieren sollte.

Ein Platz, ein Palast, ein Takt

Der Palazzo Morelli liegt leicht zurückversetzt in einer Seitenstraße – und fällt doch sofort auf. Ein barockes Herrenhaus mit geschwungenem Balkon, schmiedeeisernen Gittern und einem Elefanten im Familienwappen. Der Bau stammt aus dem 18. Jahrhundert, ist in drei Etagen gegliedert und zeigt, was städtisches Wohnen in Locorotondo einmal bedeutete: unten Lagerräume, darüber Wohnräume, darüber Speicher. Heute ist der Palast teilweise öffentlich zugänglich und Schauplatz kultureller Veranstaltungen.

Ganz anders die Piazza Vittorio Emanuele – offen, einladend, fast städtisch. Hier beginnt die Altstadt. Ein Mosaik im Boden zeigt das Stadtwappen, rundherum Cafés, Bänke, Gespräche. Hier treffen sich Einheimische und Besucher, um einen Caffè zu trinken oder einfach in der Sonne zu sitzen. Am Rand ein Zeitungskiosk, gegenüber ein kleiner Laden mit handgemachten Seifen. Am Wochenende spielen Kinder auf dem Platz, Nonnos – alte Männer, wie man sie in Italien nennt – unterhalten sich mit ruhiger Geste. Es ist einer dieser Orte, an dem man sich hinsetzt – und bleibt und die Atmosphäre genießt. Direkt daneben: die Porta Napoli, ein schlichtes Stadttor mit Reliefs, einst Zugang, heute eher Durchgang. Und etwas erhöht, ein Stück weiter: der Stadtturm mit Uhr. 1819 erbaut, schlicht, funktional, ohne Schmuck. Er zeigt die Stunde, mehr nicht – und erinnert daran, dass Zeit hier anders vergeht. Nicht in Eile, sondern im eigenen Takt. Ganz selbstverständlich italienisch.

Wein und Kulinarik

Weißwein ist hier mehr als nur ein Getränk. Er ist Teil des Ortes. Locorotondo trägt seit 1969 eine der ältesten DOC-Bezeichnungen Italiens, eine Ursprungsbezeichnung, die die Herkunft und Qualität schützt. Das Anbaugebiet reicht zwar bis nach Cisternino und Fasano, doch der Name bleibt mit Locorotondo verbunden. Die Cantina Sociale di Locorotondo ist ein Zusammenschluss kleiner Winzer, der seit Jahrzehnten die Region prägt. Viele von ihnen arbeiten noch in Familienbetrieben, lesen von Hand und keltern mit Bedacht.

Im Glas finden sich Verdeca, Bianco d’Alessano, manchmal auch Fiano oder Malvasia. Der Stil ist hell, trocken und frisch. Er hat blumige Noten und eine Mandelnote im Abgang. Es ist kein Wein, der sich aufdrängt, sondern eher einer, der mitläuft. Er ist leicht zu trinken und schwer zu vergessen – ein Wein für lange Sommerabende: unaufdringlich, kühl und irgendwie immer genau richtig. Er passt zu Fisch, zu eingelegtem Gemüse und zu mildem Käse.

Wer probieren möchte, geht in die nicht weit von der Piazza gelegene Weinbar Bespoke. Drinnen erwarten einen weißer Putz, Holzbalken und wenige Tische. Die Auswahl ist regional und bewusst zusammengestellt. Dazu gibt es eingelegtes Gemüse, luftgetrocknete Wurst und kräftigen Käse. Auf einer Holzplatte serviert, ist es authentisch köstlich. Der Wein? Er ist eine stille Begleitung, die nicht vorgibt, mehr zu sein, als sie ist. Manche Gläser wirken fast zurückhaltend, andere bringen eine Spur mehr Struktur ins Spiel. Der Wein ist leicht, kühl und mineralisch – und doch überraschend vielschichtig, wenn man sich darauf einlässt.

Locorotondo erleben – unterwegs mit Gebeco

Wer Locorotondo nicht nur besuchen, sondern im Zusammenhang mit der Region verstehen möchte, kann den Ort im Rahmen einer geführten Rundreise entdecken. Ich war mit Gebeco unterwegs – einer Reise, die Apuliens Landschaft, Kultur und Kulinarik auf angenehm entschleunigte Weise miteinander verbindet.

Der Besuch in Locorotondo war einer der stillen Höhepunkte. Keine große Sehenswürdigkeit im klassischen Sinne, aber ein Ort, der sich ins Gedächtnis schiebt: wegen seiner Gassen, der Klarheit seiner Struktur – und der Atmosphäre, die bleibt. Besonders schön: das Ankommen am späten Nachmittag, wenn die Fassaden im weichen Licht leuchten und das Leben langsam in den Abend übergeht.

Dies ist ein journalistischer Artikel, der teilweise durch die Unterstützung von Gebeco ermöglicht wurde. Die Unterstützung hat jedoch keinen Einfluss auf den Inhalt und spiegelt meine eigene Meinung wider. Für den Beitrag habe ich kein Honorar erhalten.

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