Marquesas-Tattoos: Ein Selbstexperiment auf See

Marquesas-Tattoos: Ein Selbstexperiment auf See

Ein Tattoo auf dem Weg zu den Marquesas? Nicht in einem Studio an Land, sondern auf einem Schiff, das Passagiere und Fracht transportiert? Das klingt nach einer Idee, die man am nächsten Morgen bereut, weil sie in einer Nacht mit zu viel Champagnerlaune und zu wenig Vernunft entstanden ist.

Nur war es nicht so.

Ich war mit der Aranui 5 auf Kreuzfahrt, Kurs Marquesas-Inseln. Je weiter sich das Schiff von allem entfernte, was nach Alltag aussieht, desto näher rückte ein Thema: Tätowierungen als Sprache und Ausdruck. Die Idee kam nicht wie ein Geistesblitz. Eher war es ein Satz, der lange bei mir im Hintergrund stand und auf See plötzlich präsent genug wurde: Was wäre, wenn ich es wirklich mache?

Ein Tattoo mit 54: Wie aus einer Idee eine Entscheidung wurde

„Ein Tattoo mit 54.“ Schon beim Schreiben klingt der Satz, als müsste er sich erklären. Als würde er automatisch hinterherschieben: „Aber nur ein kleines.“ Oder: „Mit Bedeutung.“ Ich kenne diese Reflexe. Jahrelang waren Tattoos eine Sache, die ich gut fand – bei anderen.

Ich hatte mir zwei Argumente zurechtgelegt, die erstaunlich stabil wirkten: Erstens – Tattoos sehen auf Haut am überzeugendsten aus, die nach Sport und Disziplin aussieht. Meine ist eher Team Wirklichkeit, eindeutig auf der Seite des Genusses. Zweitens: „Dafür bist du aus dem Alter raus.“ Den Satz hatte ich oft genug gehört, bis er klang wie ein Naturgesetz. Nicht wie eine Meinung.

An Bord erfuhr ich, dass es ein Tattoo-Studio auf dem Schiff gibt. Im ersten Moment wirkte das absurd. Im zweiten Moment war es logisch. Wir fuhren zu Inseln, auf denen Tätowierungen mehr als nur Schmuck waren. Warum sollte ausgerechnet hier kein Platz dafür sein?
Der Tätowierer hieß Moana. Ich sprach ihn an, wie man jemanden anspricht, wenn man etwas möchte, sich aber selbst noch nicht ganz traut. Er hörte zu, stellte ein paar Fragen und machte kein Aufheben daraus. Dann gab er mir Bücher über Tattoo-Kunst von den Marquesas. Papier statt Pinterest. Muster, die nicht nur gut aussehen, sondern auch einen Ursprung haben.

Als ich im Studio stand, erwartete ich eine Skizze. Doch er nahm einen Stift und zeichnete direkt auf meinen Arm. Das ist ein Moment ohne Ausreden: Jemand sieht deinen Körper, so wie er ist. Nicht als Projekt, nicht als „Wenn ich noch ein paar Pfund abnehme …“, sondern als Fläche, auf der etwas entstehen soll.
Es wurde größer als geplant. Ich deutete auf die Stelle, die ich mir als unauffälliger vorgestellt hatte. Moana fragte ruhig, warum ich es verstecken wolle. Dann sagte er einen weisen Satz: „Ich entscheide nicht nur, wo es sitzt. Ich entscheide auch, wem ich etwas darüber erzähle.“ Die Bedeutung gehört mir.

Knapp eine Stunde später war es da.

Marquesas-Landschaft: Fels, Grün und tiefe Täler – eine Südsee mit Kante.
Marquesas-Landschaft: Fels, Grün und tiefe Täler – eine Südsee mit Kante. Foto: Tanja Neumann

Marquesas-Inseln: Tätowierungen mit Geschichte

Die Marquesas-Inseln gehören zu Französisch-Polynesien. Auf der Karte wirken sie wie ein Außenposten: weit nördlich von Tahiti, im Pazifik, mehrere Flugstunden und Welten entfernt. Diese Inseln sehen weniger nach Südsee-Klischee aus. Mehr Fels, mehr Kante, mehr Geschichte in den Landschaften. Viel Grün, das sich an Hänge klammert. Tiefe Täler. Buchten, die oft eher nach ursprünglicher Natur aussehen als nach Strandtag.

Auf einer Route wie mit der Aranui taucht man ein in diese besondere Welt. Das Schiff verbindet Inseln, Versorgung, Menschen, Alltag. Dadurch entsteht eine Reiseform, in der man nicht einfach durch eine Kulisse fährt. Hier entdeckt man Kultur als Reisender in Kunst, Ritualen und Inselalltag.

Das polynesische Tätowieren existiert seit mehr als anderthalb Jahrtausenden. Mythen geben dem Tätowieren zusätzlich Gewicht. In polynesischen Erzählungen erscheint es nicht als handwerkliche Spielerei, sondern als etwas, das mit Göttern und Schöpfung verbunden ist. Viele Tattoos hatten konkrete Funktionen. Sie markierten Status und Übergänge, etwa den Schritt vom Jugendlichen zum Erwachsenen. Andere Zeichen galten als Schutzsymbole, je nach Rolle und Lebenswelt: für Jäger, Krieger und Menschen mit Verantwortung. Dabei ging es weniger um ein einzelnes Motiv mit einer festen Bedeutung, sondern um Zusammensetzungen. Bedeutungen entstehen durch Kombinationen, durch Flächen und durch Platzierung. Typisch für Marquesas-Tätowierungen sind dichte Kompositionen aus geometrischen Mustern, Dreiecken, Zahnreihen, abstrahierten Figuren sowie Meer- und Tierformen. Vieles davon findet sich auch in alten Felsenmalereien wieder. Es ist ein Bildvokabular, das aus mehreren Quellen gespeist wird.

Diese Tradition hat eine Unterbrechung erfahren. Mit den europäischen Entdeckern und Missionaren im 18. und 19. Jahrhundert wurden Tätowierungen vielerorts als „heidnisch” bekämpft und verboten. Dadurch ging Wissen verloren, sowohl Muster als auch Deutungen. Was blieb, waren Fragmente: Bilder früher Reisender, archäologische Spuren und Erinnerungen.

Seit den 1960er-Jahren erlebt die polynesische Tätowierkunst eine Renaissance. Erst seit den 1980er-Jahren gelten Tätowierungen wieder als Ausdruck polynesischer Identität und finden wieder eine breite Akzeptanz. Auf den Marquesas arbeiten Künstler und Tätowierer an der Wiederbelebung alter Formen. Sie recherchieren, lernen und interpretieren neu. Die Technik hat sich verändert: Oft wird heute mit Maschinen statt mit traditionellen Werkzeugen gearbeitet. Auf den Marquesas gibt es dafür ein eigenes Wort: „patutiki”. Es bedeutet wörtlich nicht einfach „Tattoo“, sondern das Einbringen eines Bildes in die Haut. Und es erinnert daran, worum es traditionell ging: um Biografie, nicht um Deko.

Und mein Tattoo?

Es ist da. Sichtbar, wenn ich den Arm drehe. Lesbar, wenn man es sehen will. Die Bedeutung sieht man ihm nicht an. Das ist der Punkt. Auf der Oberfläche liegen Linien. Darunter liegt meine Geschichte. Und ich entscheide, wem ich davon etwas erzähle.

Vielleicht ist das die Verbindung zu den Marquesas: Dort waren Tätowierungen über lange Zeit Lebensgeschichte – sichtbar, aber nicht beliebig. Ich habe meine eigene Geschichte sortiert, bevor ich sie festhalten ließ. Und ich habe sie ausgerechnet an einem Ort auf die Haut bringen lassen, an dem Tätowierung nie nur Zierde war.

Nach der Tätowierung ging ich an Deck. Zur Reling. Das Meer rauschte. Das Schiff schob sich weiter durch die Nacht. Die warme Luft lag auf der Haut. Ich stand da und schaute hinaus, als könnte der Horizont mir kurz bestätigen, dass das gerade wirklich passiert ist. Kein großes Gefühlskino. Eher dieses leise, kleine Glück, das man nicht erklären muss.

Wer mehr über die Reise mit der Aranui und die Marquesas lesen möchte, folgt diesem Link.


OffenlegungDies ist ein journalistischer Artikel, der teilweise durch die Unterstützung von Aranui Cruises ermöglicht wurde. Die Unterstützung hat jedoch keinen Einfluss auf den Inhalt und spiegelt meine eigene Meinung wider. Für den Beitrag habe ich kein Honorar erhalten.

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2 Kommentare

  1. Love it!! Diese Geschichte, die ich teile!! Gerade hat mich jemand gefragt, wo es auf unserer Weltreise am schönsten war. Das größte Abenteuer waren die Marquesas, das Schiff und alles, was damit zusammen hängt. Wie stolz bin ich, auf die „Geschichte“ auf und unter meiner Haut, die dort passiert ist!! Und, wo ich dich kennengelernt habe!! Dicke Umarmung!

    • Ach, was für ein schöner Moment, diese Zeilen von Dir zu lesen. Die Zeit auf den Marquesas und dem Schiff war ein Abenteuer, das im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut ging. Mein Tattoo erinnert mich immer an diese Reise. Ich bin so froh, dass wir uns dort kennengelernt haben. Fühl Dich fest gedrückt!

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