Im Bauch der Möhnesee Staumauer

Möhnesee, Sauerland, Tanja Neumann, vielweib.de

Ein Bibliothekar führt durch eine 670.000 Tonnen schwere Staumauer. Was als skeptischer Gang in einen feuchten Stollen beginnt, wird zur Geschichtsstunde über Wasser, Krieg und eine springende Bombe. Und über einen See, der ein ganzes Dorf verschluckt hat.

Er kommt direkt von der Arbeit, sagt er, eine Bibliothek leitet er. Den Frühdienst merkt man Tobias Vorderwülbecke kaum an. 34 Jahre alt, Geschichte und Volkskunde studiert. Eine Fliege landet auf seiner Brille, er wischt sie kurz weg und redet einfach weiter. Vor ihm liegt die Möhnesee Staumauer, rund 650 Meter lang. Vor mir liegt eine Frage, die ich mir in meinen Gedanken nicht ganz verkneifen kann: Was soll an einer alten Mauer eigentlich so spannend sein? Die Antwort dauert anderthalb Stunden. Danach hänge ich an seinen Lippen wie der Rest der Gruppe.

Anreise mit Umstieg auf offenem Wasser

Der Ausflug beginnt am Wasser, noch nicht an der Mauer. Vom Hotel sind es ein paar Minuten zu Fuß bis zu einem kleinen Anleger. Dort wartet ein Elektroboot, das kaum ein Geräusch macht, ein schwimmendes Brötchen mit Sitzbänken. Es legt ab und tuckert auf den See hinaus. Dann passiert das, womit ich nicht gerechnet habe. Mitten auf dem Möhnesee, kein Steg weit und breit, kommt das große Fahrgastschiff. Sein Heck ist U-förmig geöffnet, wie ein Maul, in das unser kleines Boot während der Fahrt langsam hineingleitet. Festmachen, aufstehen, ein Schritt nach oben. Umsteigen. Auf offenem Wasser. Ein kurzes Manöver, Routine für die Crew, kleines Abenteuer für alle anderen. Der Möhnesee ist flächenmäßig der größte See Nordrhein-Westfalens, rund 10 Kilometer lang. Vom Wasser aus wirkt die Mauer wie ein grauer Riegel zwischen zwei Ufern.

Warum hier 670.000 Tonnen Stein liegen

Vor mehr als hundert Jahren hat sich jemand hingesetzt und beschlossen, ein ganzes Tal unter Wasser zu setzen und davor eine Mauer aus 670.000 Tonnen Stein, schwerer als eine halbe Million Autos, quer durchs Tal zu bauen. Warum, fragt Tobias in die Runde, tut man so etwas? Der Grund liegt im Ruhrgebiet. Ende des 19. Jahrhunderts wuchs dort Europas größtes Industriezentrum, und Industrie braucht vor allem eines, noch vor dem Strom: Wasser. Für die Produktion, für Flüsse und Kanäle, für die Menschen, die zuzogen. Die Ruhr allein lieferte mal zu viel, mal zu wenig. Also baute man Speicher. Der Möhnesee ist ein solcher Speicher. Ein Wassertank fürs Revier, aufgestaut zwischen 1908 und 1913.

Eine Sache verschweigt der Guide nicht. Im künftigen Staubecken lebten Menschen. 170 Häuser, etwa 400 Personen. Sie bekamen eine Abfindung, so gering, dass keine Familie sich davon neues Eigentum kaufen konnte, und mussten gehen. Ein Dorf lag komplett im Becken. Wer es heute sucht, findet es nicht. Den Ort gibt es nicht mehr.

Dass für die Umsiedlung kaum Geld da war, für eine Bauprämie aber sehr wohl, gehört zu den Pointen, die hier niemand erfinden muss. Die Dortmunder Baufirma sollte bis 1914 fertig werden. Für jeden Tag früher gab es 500 Reichsmark extra, gedeckelt auf 365 Tage. Die Firma wurde, wie es der Zufall will, exakt 365 Tage früher fertig. Kaiser Wilhelm II. eröffnete schon 1913, höchstpersönlich, ungefähr an der Stelle, wo wir jetzt als Gruppe am Anfang der Mauer stehen.

Was die Möhnesee Staumauer im Inneren verbirgt

Dann geht es nach unten. Treppen, viele, die man später wieder hinauf muss. Unten der Blick, den kaum jemand kennt. Während oben an Sommertagen alles voll ist, steht hier fast niemand. Eine Tür, ein Vorraum, 13 Grad, ein Zugangsstollen von gut 40 Metern. Und dann der Moment, der sich meine Skepsis vom Anfang endgültig erledigt. Wir stehen im Kontrollstollen, mitten in der Mauer. Über uns der See. Unter uns und vor uns das, was er zurückhält.

Es plätschert. Überall Wasser. Die Mauer ist aus Grauwacke gesetzt, Stein auf Stein, und sie war nie ganz dicht. Das wusste man schon beim Bau. Das Sickerwasser läuft durch ein Drainagesystem, fein wie Adern, hinab in den Stollen. Hier wird es gemessen, rund um die Uhr. Wie viel verliert die Mauer pro Sekunde? Ich tippe zu hoch. Es sind etwa 0,7 Liter. Mehr nicht. Ein Pendellot und kleine GPS-Punkte registrieren jede Bewegung, 7 bis 11 Millimeter dehnt sich die Mauer übers Jahr, je nach Wärme. Schlägt ein Wert aus, sieht es der Ruhrverband in Essen sofort.

Die Nacht zum 17. Mai 1943

Im Vorraum wird der Ton ernster. Diese Anlage ist traurig berühmt. Die Briten hatten die Sauerländer Talsperren früh als Ziel im Blick, denn wer das Wasser trifft, trifft die Rüstung im Revier. Nur galten die Mauern als unzerstörbar, fast 40 Meter dick im Fuß, davor Netze im Wasser gegen Torpedos. Bis ein Ingenieur namens Barnes Wallis eine Idee hatte, die jedes Kind vom Ufer kennt: einen flachen Stein übers Wasser springen lassen. Sein Stein war allerdings eine rotierende Fassbombe mit fast 3000 Kilo Sprengstoff. Sie sollte über die Netze hüpfen und genau vor der Mauer absinken.

In der Vollmondnacht zum 17. Mai 1943 flogen die Bomber los, tief, bei knapp 400 km/h, beschossen von der Flak. Ein Treffer riss ein Loch von fast 80 Metern Breite. Die Flutwelle schoss durchs Tal, gegen ein Uhr nachts, ohne Vorwarnung. Man geht von rund 1600 Toten aus. Über die Hälfte waren Zwangsarbeiterinnen aus einem Lager in Neheim, das genau in der Schneise lag. Der Schaden an der Rüstung blieb überschaubar. Folgenschwerer, sagt die heutige Forschung, war das fehlende Löschwasser bei späteren Angriffen aufs Revier.

In England gilt die Aktion bis heute als Triumph, an der Möhne als Trauma. Wie stolz man dort ist, zeigt sich an der Fliegerstaffel, die den Angriff flog. Die 617. Squadron der Royal Air Force gibt es noch immer. Ihre Mitglieder nennen sich bis heute die Dambusters, ihr Wappen zeigt einen geborstenen Damm mit drei Blitzen, ihr Motto lautet Après moi le déluge, nach mir die Flut. Den schweren Lancaster-Bomber von damals fliegt sie längst nicht mehr, erzählt der Guide, heute sind es moderne Kampfjets vom Typ F-35. Inzwischen aber nähert man sich an, mit gemeinsamen Gedenkfeiern und gemeinsamer Forschung. Schon zwölf Jahre nach dem Angriff brachten die Briten die Geschichte ins Kino, in dem Schwarz-Weiß-Film The Dam Busters von 1955. Und dieser Film hatte Folgen, mit denen niemand rechnet. Der junge George Lucas, Luftfahrt- und Militärfan, baute zwei Jahrzehnte später eine seiner berühmtesten Szenen daran entlang. Wer Star Wars kennt, erinnert sich an den Sturzflug auf den Todesstern: Luke Skywalker rast im Tiefflug auf das Ziel zu, von allen Seiten beschossen, und muss im genau richtigen Moment abdrücken. Diesen Anflug hat Lucas dem Angriff auf die Staumauern nachempfunden, der enge Tiefflug, das Feuer von unten, der eine Sekundenbruchteil, auf den alles ankommt. Der reale Angriff von 1943 wurde so zur Vorlage für das Science-Fiction-Kino.

Zurück ans Tageslicht

Oben dann der See wie vorher. Blau, harmlos, im Sommer voller Tretboote. Der Bibliothekar verabschiedet sich. Über diesen einen Mai 1943 könne er allein eine ganze Führung halten, sagt er, und man glaubt es ihm sofort. Skepsis am Anfang, Gänsehaut am Ende. Über einer alten Mauer. Wer hätte das gedacht.


Gut zu wissen

Schifffahrt mit dem Umstieg auf dem See

Die Möhnesee-Schifffahrt verkehrt zwischen mehreren Anlegern rund um den See. Eine Besonderheit erleben Gäste, die von einem kleinen Anleger starten: Statt zur nächsten Station zu schippern, fährt das kleine Elektroboot auf den offenen See hinaus. Der Umstieg findet auf dem Wasser statt. Von dort führt die Fahrt weiter Richtung Staumauer. Fahrpläne und Anleger wechseln je nach Saison. Aktuelle Zeiten am besten vorab bei der Möhnesee-Schifffahrt oder der Tourist-Information erfragen.

Bauwerk

Die Möhnetalsperre ist eine Gewichtsstaumauer aus Grauwacke, Stein auf Stein gesetzt. Sie hält den See allein durch ihr Gewicht zurück. Maße: rund 650 Meter lang, etwa 40 Meter hoch, bis zu 34 Meter dick im Fuß. Gewicht: rund 660.000 bis 670.000 Tonnen. Baujahre 1908 bis 1913, eröffnet 1913 durch Kaiser Wilhelm II.

Der Möhnesee

Flächenmäßig der größte See Nordrhein-Westfalens, rund 10 Kilometer lang, etwa 1000 Hektar Fläche, bei Vollstau bis 134,5 Millionen Kubikmeter. Aufgabe: Wasserspeicher fürs Ruhrgebiet, über Möhne und Ruhr. Die Stromerzeugung im angeschlossenen Kraftwerk ist ein Nebeneffekt (im Schnitt etwa 13 bis 15 Millionen Kilowattstunden im Jahr). Betreiber ist der Ruhrverband mit Sitz in Essen.

Geschichte

In der Nacht zum 17. Mai 1943 zerstörte die britische Royal Air Force die Mauer mit einer Rollbombe (Operation Chastise, die sogenannten Dambusters). Die Flutwelle forderte rund 1600 Menschenleben und ging als Möhnekatastrophe in die Geschichte ein. Der heutige Kontrollstollen im Inneren der Mauer wurde erst in den 1970er Jahren eingesprengt und dient der Überwachung des Sickerwassers.

Führungen

Geführte Touren reichen über die Krone hinunter in den Kontrollstollen im Inneren der Mauer. Hinweise vor Ort: im Stollen ist es eng, dunkel und mit etwa 13 Grad kühl, dazu feucht. Festes Schuhwerk und eine Jacke sind sinnvoll, hohe Absätze ungeeignet. Die Anlage gilt als kritische Infrastruktur. Fotografieren im Hauptstollen ist verboten. Termine und Buchung über die Tourist-Information.

Buchbar als Börde-Baustein

Die Führung durch die Staumauer und die Fahrt über den Möhnesee lassen sich als Börde-Baustein buchen. Diese Bausteine stellen die Touristinfos von Soest, Bad Sassendorf und Möhnesee gemeinsam zusammen, einzeln oder in Kombination. Aktuelle Bausteine und Preise gibt es bei der Tourist-Information Möhnesee.

Hoteltipp

Hotel Haus Griese: Familiengeführtes Haus mit rund 36 Zimmern, wenige Gehminuten vom See entfernt.


Offenlegung: Dies ist ein journalistischer Artikel, der teilweise durch die Unterstützung von der Wirtschafts- und Tourismus GmbH Möhnesee entstand. Die Unterstützung hat jedoch keinen Einfluss auf den Inhalt und spiegelt meine eigene Meinung wider. Für den Beitrag habe ich kein Honorar erhalten.

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2 Kommentare

  1. Liebe Tanja,
    vielen Dank für diesen Einblick. Das hört sich megaspannend an.
    Bei meinem nächsten Besuch am Möhnesee gehört ein Besuch in und auf der Staumauer auf jeden Fall dazu.
    Viele Grüße
    Tanja

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