Drei Mühlen in Nordholland: Brot, trockene Füße und Holz für die Flotte

Eine Kornmühle, eine Poldermühle und eine Sägemühle stehen zwischen Akersloot und Uitgeest nur wenige Kilometer auseinander. Die erste mahlt Mehl, die zweite hält den Polder trocken, die dritte führt zu einem Tischler, dessen Erfindung um 1600 die Werften mit Holz versorgte. Zwei Freiwillige öffnen die Türen und erzählen, wie ein kleines Land im 17. Jahrhundert mit Wind zur Seemacht wurde.

Wind ist Geld

„Jeder denkt, die Industrialisierung kam aus England“, sagt Arie Zonjee. „Das ist nicht korrekt.“ Auf dem Tisch im Müllerhaus der Oude Knegt in Akersloot stehen Kaffee und Stroopwafels, draußen weht die niederländische Flagge am dunkelgrünen Holzhaus. Für Arie begann das Maschinenzeitalter um 1600, hier in Nordholland, und es lief mit Wind.

Arie ist 76, Optiker von Beruf und Vorsitzender der Stiftung Uitgeester en Akersloter Molens, der mehrere Mühlen der Gegend gehören. Neben ihm sitzt Léon Klein Schiphorst, der sich ebenfalls ehrenamtlich um die Mühlen kümmert.
Für Arie beginnt die Geschichte der Mühle vor der Tür in Persien. Dort drehten sich die ersten Windmühlen. Mit den Kreuzfahrern kam die Idee nach Europa, über Belgien erreichten sie Holland. Erfunden haben die Holländer die Windmühle also nicht. „Aber in Holland wurde sie perfektioniert“, sagt Arie stolz.

Warum gerade hier, erklärt er mit einem Krieg. 1573 belagerten die Spanier Alkmaar, nahmen die Stadt nicht ein und brannten auf dem Rückzug die Dörfer ringsum nieder. Danach mussten Höfe, Häuser und Mühlen neu entstehen, doch es fehlten die Arbeiter. Jedes Brett wurde von Hand gesägt. Und Holz brauchte das Land vor allem für seine Schiffe. Das sichere Geschäft war der Handel mit dem Osten: Salz und Wein bis nach Russland, Holz und Getreide zurück nach Holland. Wer nach Indien segelte, spekulierte. Kam das Schiff heil zurück, war man ein reicher Mann.

„Kein Wind, kein Geld“, sagt Arie. „Wind ist Geld.“ Wehte tagsüber keiner, arbeiteten die Leute an den Mühlen eben in der Nacht. Was ein Tischler aus Uitgeest mit alldem zu tun hat, wird an der dritten Mühle klar. Zuerst geht es hinaus zu der Mühle vor der Tür. Sie mahlt, was ein Dorf vor allem anderen braucht: Mehl.

Wie aus Wind Mehl wird

Kaum ist die Tür des Müllerhauses offen, nimmt einem der Wind die Luft. Er rauscht über die Felder, das Schilf am Graben biegt sich. Arie deutet hinauf zu den Flügeln. Sie stehen nach Südwesten, denn von dort kommt in Holland der meiste Wind, nach seiner Rechnung rund 70 Prozent.

Eine Kornmühle hat Akersloot schon 1333, so steht es in den Urkunden. Nach dem Abzug der Spanier ließ das Dorf 1580 eine neue bauen. Für Arie ist die Sache einfach. „Ein Dorf ohne Mühle hat kein Bestandsrecht“, sagt er. „Es muss Brot gegessen werden.“ Die Mühle, die heute hier mahlt, ist jünger, als sie aussieht. In der Silvesternacht 2000/2001 flog eine verirrte Feuerwerksrakete hinein, und die Oude Knegt brannte nieder. Freiwillige bauten sie wieder auf. Auf der Windfahne über dem Müllerhaus steht das Jahr, in dem sie wieder in Betrieb ging: 2004. Mittwochs und samstags lassen Freiwillige die Steine laufen, das Mehl gibt es im Haus nebenan.

Drinnen riecht es nach Holz. Am Boden stehen prall gefüllte Mehlsäcke, die Bäckereien aus der Umgebung abholen. Dann kommt die Treppe, steil wie eine Leiter, jede Stufe knarrt. Oben unter der Kappe endet die Welle, an der draußen die Flügel hängen. Sie liegt waagerecht und greift über ein großes Zahnrad in die Königsspindel. Die läuft senkrecht durch die ganze Mühle nach unten und dreht dort die Mühlsteine, zwischen denen das Korn zu Mehl wird.
Fast alles hier oben ist aus Holz, auch die Zähne der Zahnräder. Geschmiert wird jeden Tag, und zwar mit Schweinefett, weil es erst bei großer Hitze brennt. Auch das Reet am Mühlenkörper ist auf den Ernstfall eingerichtet. Es hängt an dünnen Drähten und fällt bei einem Feuer nach unten.
Hinunter geht es aus Sicherheitsgründen rückwärts, das Gesicht dicht an den Stufen der steilen Stiege. Eine Mühle ist eine Maschine, die Wind in Arbeit verwandelt. In Akersloot wird daraus Mehl. Die nächste Mühle, wenige Kilometer weiter, mahlt kein Korn. Sie arbeitet gegen das Wasser.

Ein Meter Unterschied

Wenige Kilometer weiter im Polder drückt der Seewind durch das Schilf rund um die Dorregeester Mühle. Möwen ziehen über das Marschland. Ein Holzzaun sperrt das Areal, Gäste gelangen über eine kleine Pforte auf das Grundstück. Dem Bauwerk fehlt das vertraute Kreuz. Nur ein einziger Rutenbalken steht senkrecht im Wind. Der zweite Flügelträger ist demontiert und in Reparatur, vor dem Rumpf steht eine rote Hebebühne. Für zwei neue Ruten nennt Arie einen Preis von etwa 100.000 Euro.

Hinein können wir heute nicht. Also erklärt Arie draußen, warum eine Poldermühle anders gebaut ist als eine Kornmühle. Die ersten Windmühlen waren Bockmühlen, ein hölzernes Mühlenhaus auf einem einzigen Pfosten, die Mahlsteine oben im Haus. Zum Pumpen taugte das nicht, die Kraft musste hinunter zum Wasser. Also bauten die Holländer den Pfosten hohl und führten eine Welle hindurch. Bei achteckigen Mühlen wie der Dorregeester dreht sich später nur noch die Kappe. Rund um die Mühle stecken weiße Pfähle im Gras, an ihnen verankert der Müller die Kette, mit der er die Kappe samt Flügeln in den Wind dreht. Das schafft ein Mann allein.

Unter der Mühle läuft das Wasser aus dem Polder hinein und auf der anderen Seite einen Meter höher wieder hinaus. Früher hob es ein Schöpfrad, heute eine archimedische Schraube, je nach Wind 1.500 bis 2.500 Kubikmeter in der Stunde. Es fließt ins Alkmaarder- und Uitgeestermeer. „Gott schuf die Erde, aber Holland haben die Holländer selbst erbaut“, zitiert Arie das alte Sprichwort und lächelt verschmitzt.
In der Dorregeester wohnt niemand, und das hat einen Grund, der mehr als 130 Jahre zurückliegt. Am 6. Dezember 1895 schlug bei einem Unwetter der Blitz in die Vorgängermühle ein. Sie brannte ab, die 14-jährige Müllerstochter Anna Deijle starb. Im selben Unwetter brannte die nahe Poldermühle De Dog, dort kamen zwei Töchter des Müllers ums Leben. Die neue Dorregeester entstand 1896. Seitdem, erzählt Arie, bekommen Müller ein Haus neben der Mühle.

Gut 50 Jahre lang pumpte die neue Mühle, Ende 1947 übernahm ein elektrisches Pumpwerk. Heute halten die Wasserverbände die Mühlen wieder einsatzbereit, für Starkregen, der mit dem Klimawandel häufiger kommt. Arie denkt noch an einen anderen Ernstfall. Die Pumpwerke hängen am Stromnetz und an Computern. Fällt beides aus, steht jede Pumpe still. „In einer Woche wären wir unter Wasser“, sagt er. Eine Windmühle braucht keinen Strom, nur Wind und jemanden, der sie bedient. „Dann fahren wir eben mit dem Fahrrad zur Mühle.“ Für Arie ist das der Grund, warum diese Bauwerke auch mehr sind als hübsche Denkmäler.

30-mal schneller

Der Weg zur dritten Mühle führt über den Lagendijk, einen Deich aus dem Mittelalter. Am Ufer des Uitgeestermeers packen Windsurfer nach ihrer Runde auf dem See die Segel zusammen. Heute ist Wind hier ein Freizeitvergnügen. Gut 400 Jahre früher hat er in Uitgeest Holz gesägt.

Der Erfgoedpark De Hoop ist ein Ort für Urlauber. Zwischen Ferienunterkünften liegen ein Spielplatz und ein Restaurant mit Terrasse, dahinter ragen die Masten des Jachthafens auf. Mittendrin stehen zwei Gebäude, die von der Geschichte erzählen, die Arie zum Start unserer Mühlentour beim Kaffee angekündigt hat. Auf dem Dach eines dunkelgrünen Holzhauses sitzt eine kleine Mühle mit weißer Galerie, eine Lattensäge. Ein Stück weiter steht eine große Halle aus Holz, in der früher Stämme und Bretter trockneten. Solche Hallen gab es an der Zaan viele, gebaut für das Holz, das dort gesägt wurde. Diese hier stand in Westzaan, musste neuen Wohnungen weichen und wurde 2009 hier wieder aufgebaut. Die Halle gehört also selbst zu der Geschichte, die sie erzählt.

Drinnen, vor den Modellen, kommt Arie endlich zu dem Mann aus Uitgeest: Cornelis Corneliszoon, genannt Krelis Lootjes. Er führte eine Schreinerei am Meldijk und war mit Trijn Pietersz verheiratet, der Tochter eines Kornmüllers. In den Akten erscheint er als armer Hausherr, belastet mit Frau und Kindern. Wann er geboren wurde, weiß niemand genau, irgendwann zwischen 1540 und 1570.
Cornelis setzte eine Kurbelwelle in eine Windmühle. Sie macht aus der Drehung der Flügel ein Auf und Ab, genau die Bewegung, die eine Säge braucht. Die Kurbelwelle selbst war nicht neu, sie war schon kurz nach Beginn unserer Zeitrechnung bekannt. Neu war, dass Cornelis mit ihr die Kraft des Windes zum Sägen nutzte. Am 15. Dezember 1593 erhielt er dafür ein Patent, 1594 baute er die erste Sägemühle mit Windantrieb. Mit dem Wind ging das Sägen 30-mal schneller als von Hand.

Am Modell zeigt Arie, wo die Schwierigkeit lag. Cornelis wollte drei Sägerahmen gleichzeitig arbeiten lassen. Gingen alle drei zugleich nach unten, kamen sie nicht mehr hoch, das war zu schwer für die Mühle. Also versetzte er die Kurbeln um jeweils 120 Grad. Geht ein Rahmen nach unten, hilft er dem nächsten nach oben. Nach demselben Prinzip ist ein Dreizylindermotor gebaut: Drei Kolben hängen an einer Kurbelwelle, deren Kurbeln um 120 Grad versetzt sind, damit sich die Kraft gleichmäßig verteilt. „Eigentlich kann man sagen, er war der Erfinder des Automobils“, betont Arie mit sichtlicher Begeisterung.
Dann zeigt er das Krabbelwerk. Eine Säge, die nur auf und ab geht, schneidet immer an derselben Stelle. Der Stamm muss also nach jedem Schnitt ein Stück vorrücken. Das erledigt ebenfalls die Mühle. Mit jedem Hub des Sägerahmens rückt ein Zahnrad um einen Zahn weiter und zieht einen Wagen mit dem Stamm ein bis drei Millimeter näher an die Sägeblätter. Niemand muss schieben. Für Arie ist das die erste automatische Maschine der Welt.
Willkommen war sie nicht überall. In Amsterdam sägten Handsäger das Holz, organisiert in einer Zunft. Sie fürchteten um ihre Arbeit und setzten durch, dass in der Stadt keine Sägemühlen gebaut werden durften. Das Verbot fiel erst 1630. An der Zaan, nördlich von Amsterdam, hatte die Zunft keinen Einfluss. Die erste Mühle von Cornelis kam 1596 nach Zaandam. Bis 1630 drehten sich an der Zaan schon 53 Sägemühlen.
Ihr Holz wurde zu Bauerhöfen, Lagerhäusern und vor allem zu Schiffen verbaut. Mit jedem neuen Rumpf wuchs die Handelsflotte, bis niederländische Schiffe im 17. Jahrhundert die Weltmeere und Handelsrouten beherrschten. Der Aufschwung der Werften an der Zaan war die direkte Folge der Erfindung aus Uitgeest. Aus Wind wurde Reichtum und Wohlstand.

„Jeder kennt Galilei, aber niemand kennt Cornelis“, stellt Arie fest. Reich oder berühmt wurde der Tischler nicht. Er starb zwischen 1602 und 1607, sein Grab ist unbekannt.

Das Fundament am Ufer

Am Ufer des Uitgeestermeers liegt ein steinerner Ring im Gras. Noch steht nichts darauf. Hier soll eine Paltrockmühle entstehen. Diese Bauart entwickelte sich kurz nach 1596 an der Zaan aus der ersten Sägemühle von Cornelis. Bei ihr dreht sich das ganze Gebäude auf seinem Sockel nach dem Wind, bei der Dorregeester war es nur die Kappe. Nach Aries Angaben sind das 62 Tonnen, und ein einziger Mann bewegt sie. Fünf Paltrockmühlen gibt es nach seiner Zählung noch in den Niederlanden. Diese wäre die sechste und die erste neue seit 200 Jahren.

Gebaut werden soll sie wie früher, auch beim Holz. Die Stämme müssen zuerst ins Wasser, mindestens ein Jahr, Eiche drei bis vier Jahre. Der Saft im Holz enthält Zucker, erklärt Arie, und den fressen Würmer und Schimmel. Das Wasser laugt ihn aus. Danach wird gesägt und noch einmal getrocknet, um 1600 dauerte das alles fünf Jahre. So behandeltes Holz hält nach Aries Worten drei- bis vierhundert Jahre. Die Baupläne liegen fertig vor. Was fehlt, ist das Geld: Vor dem Gemeinderat von Uitgeest wurden die Kosten samt Restaurierung des Müllerhauses auf 1,9 Millionen Euro beziffert.

Der Wind kommt an diesem Vormittag aus Südwesten, so, wie Arie es in Akersloot an den Flügeln erklärt hat. Er treibt die Wolken über das Uitgeestermeer und streicht über den steinernen Ring am Ufer. Wind wäre genug da. Es fehlt hier nur die Mühle.

Müllsockel, der wartet auf, aufgebaut zu werden. Erfgoedpark De Hoop mit Holztrockenhalle und Lattensäge Erfgoedpark De Hoop mit Holztrockenhalle und Lattensäge (c) Tanja Neumann
Kornmühle Akersloot Oude Knegt, (c) Tanja Neumann, vielweib.de

Informationen für deine Mühlentour in Nordholland

Kornmühle De Oude Knegt
Pontweg-Noord 2a, 1921 CB Akersloot
suam.nl

Poldermühle De Dorregeester
Klein Dorregeest 2, 1911 NC Uitgeest
suam.nl

Erfgoedpark De Hoop mit Holztrockenhalle und Lattensäge
Lagendijk 33B, 1911 MT Uitgeest
corneliscorneliszoonvanuitgeest.nl
geefomdehoop.nl

Wandern und Radfahren: Die drei Mühlen liegen an Wander- und Radrouten durch das Oer-IJ-Gebiet zwischen Akersloot und Uitgees – unter anderem auch an dem Noord-Hollandpad. Eine weitere Wanderroute führt an der Dorregeester vorbei und von Uitgeest über den Lagendijk, einen alten Seedeich. Routen: oerij.eu

Einkehrmöglichkeit: Direkt an der Sägemühle im Erfgoedpark De Hoop liegt das Restaurant Krelis, das nach dem Erfinder benannt wurde.

Die Region „Hart van Noord-Holland“

Die drei Mühlen befinden sich im Erholungsgebiet Alkmaarder- und Uitgeestermeer, einer Landschaft aus Wasser, Deichen und Poldern. Rad- und Wanderwege führen über schmale Deiche, an Poldern entlang und an Forts vorbei, die einst Amsterdam schützen sollten.

Das Gebiet gehört zu Hart van Noord-Holland und umfasst die Gemeinden Alkmaar, Bergen, Egmond, Castricum, Dijk en Waard, Heiloo und Uitgeest. Die Region reicht von den Dünen und Stränden der Nordseeküste über Wälder und Weiden bis zu den Binnenseen im Osten. Dazwischen liegen Dörfer mit Backsteinhäusern und Museen sowie Höfe, die ihre Erzeugnisse selbst verkaufen. Alkmaar bietet zudem eine Stadt mit Grachten, dem Waagturm und dem Käsemarkt, der die Stadt bekannt gemacht hat.

Bergen ist als Künstlerdorf bekannt. Vor gut hundert Jahren zogen Maler in das Dorf und gaben einer ganzen Richtung ihren Namen, der Bergener Schule. Das Museum Kranenburgh zeigt ihre Bilder und daneben zeitgenössische Kunst, das Het Sterkenhuis erzählt die Dorfgeschichte. Von dort sind es wenige Kilometer bis Bergen aan Zee und Egmond aan Zee. Beide Orte liegen hinter den Dünen am Strand, mit Strandpavillons, breiter Brandung und einem Leuchtturm in Egmond, der seit dem 19. Jahrhundert über die Nordsee blickt.

Für einen Urlaub lässt sich hier vieles verbinden: ein Tag in der Stadt mit Markt, Museum und Grachten, ein Tag im Wald oder in den Dünen, ein Tag am Meer. Zwischen Küste und Binnenseen liegen selten mehr als 20 Kilometer, und die meisten Strecken lassen sich mit dem Rad fahren.

ontdekhartvannoordholland.nl


Offenlegung: Dies ist ein journalistischer Artikel, der teilweise durch die Unterstützung von Ontdek Hart van Noord-Holland ermöglicht wurde. Die Unterstützung hat jedoch keinen Einfluss auf den Inhalt und spiegelt meine eigene Meinung wider. Für den Beitrag habe ich kein Honorar erhalten.

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