Städtereise Nancy: von den Herzögen zum Jugendstil

Morgens fällt das Licht auf die vergoldeten Gitter des Place Stanislas. Auf den Terrassen klappern die ersten Tassen, ein kleiner Elektrobus gleitet vorbei, und selbst am Feiertag bleibt ein Tisch frei. Der Platz gilt als einer der schönsten Frankreichs. Dabei zeigt dieser Ort nur eine Facette der Stadt, das prunkvolle 18. Jahrhundert. Davor liegen die Spuren der mittelalterlichen Herzöge, danach folgt die Blütezeit des Jugendstils um 1900.

An einem langen Feiertagswochenende steht auf dem Place Stanislas nur eine überschaubare Zahl von Menschen unter den vergoldeten Gittern. Niemand drängelt, niemand stellt sich an. Das Licht liegt auf dem Gold der Tore, die Terrassen füllen sich langsam. Der Platz gehört seit 1983 zum UNESCO-Welterbe, 2021 wählten ihn die Franzosen zu einem ihrer liebsten Denkmäler. Erbaut wurde er zwischen 1752 und 1755 vom Architekten Emmanuel Héré, im Auftrag von Stanislas, dem letzten Herzog von Lothringen. Die Gitter stammen vom Kunstschmied Jean Lamour.

Doch die Stadt ist älter als ihr berühmter Platz. Nancy wurde im 11. Jahrhundert als Hauptstadt Lothringens gegründet, und um 1900 wurde es zum Zentrum des französischen Jugendstils. Wer Nancy auf einer Städtereise erkundet, entdeckt drei Zeitalter.

Den Zeichen im Pflaster folgen

Nancy zählt zu den drei fußgängerfreundlichsten Städten Frankreichs. Der Bahnhof liegt im Zentrum, wenige Minuten vom Platz, an den Wochenenden fährt der Nahverkehr kostenlos. Zu Fuß aber sieht man am meisten. In das Pflaster sind goldene Zeichen eingelassen, drei Wege zum Selbsterkunden, jeder mit eigenem Symbol. Die Laterne führt durch das historische Zentrum, das Blatt des Ginkgo durch den Jugendstil, ein dritter Weg folgt den Ufern der Meurthe. An den Stationen erklären QR-Codes, was zu sehen ist, ein Audioguide läuft kostenlos über eine App.

Beaux-Arts: Meister und drei Epochen

Das Musée des Beaux-Arts liegt direkt am Place Stanislas, gegründet 1793, während der Revolution, eines der ältesten Museen Frankreichs. Die klassizistische Fassade gehört zum Welterbe-Ensemble, dahinter aber liegen drei Bauzeiten übereinander. Im alten Pavillon schwingt sich ein schmiedeeisernes Treppengeländer nach oben, gefertigt von Jean Lamour, demselben Meister, dessen Gitter draußen den Platz rahmen. Ein Anbau von 1936 setzt eine Betontreppe im Stil des Art déco dagegen. 1999 kam ein zeitgenössischer Flügel dazu, der die Fläche verdoppelte. Im Untergeschoss steht man plötzlich zwischen den Grundmauern der alten Stadtbefestigung aus dem 15. bis 17. Jahrhundert, und dazwischen leuchtet das Glas der Manufaktur Daum.

Mit solchen Namen rechnet man in einer Stadt dieser Größe nicht. Die Sammlung reicht vom 14. bis ins 21. Jahrhundert. An den Wänden hängen ein Perugino mit Maria und zwei Engeln, die Transfiguration von Rubens, ein Monet, ein später Picasso mit einem Paar unter breiten Hüten. Dazwischen zwei große Bilder von Victor Prouvé, La Joie de vivre und Les Voluptueux, hell und geschwungen, in eigens geschnitzten Jugendstilrahmen. Prouvé war einer der Köpfe der École de Nancy, und mit ihm beginnt schon hier der Übergang ins nächste Kapitel der Stadt.

Wo die Herzöge liegen

Von der großzügigen Übersichtlichkeit des Platzes sind es ein paar Minuten in die Altstadt, wo die Gassen enger werden. Neben dem Herzogspalast steht die Église des Cordeliers, die als älteste Kirche Nancys gilt. René II. ließ sie nach der Schlacht von 1477 errichten, als Dank für den Sieg über Karl den Kühnen von Burgund, geweiht wurde sie 1487. Von außen ist sie schlicht, 73 Meter lang und neun Meter breit. Der Eintritt kostet nichts.

Drinnen liegen die Herzöge von Lothringen. An das Kirchenschiff schließt die Chapelle Notre-Dame-de-Lorette an, die Herzogskapelle im italienischen Barock. Über den Gräbern wölbt sich eine Kuppel mit 386 geschnitzten Kassetten von Siméon Drouin, darunter die Gruft. Das Licht fällt schräg durch die Fenster auf das Grabmal der Philippa von Geldern, der Frau von René II. Es ist ein Ort, an dem man die Stimme senkt. Die Lichtspiele sind beeindruckend.

Einer fehlt allerdings hier in dieser Reihe: Stanislas, der berühmteste Name der Stadt. Er gehörte nicht zur alten Herzogslinie und ließ sich in einer anderen Kirche bestatten, in Notre-Dame-de-Bon-Secours.

Jugendstil: Blumen aus Glas und Eisen

Nach 1871, als das Elsass und ein Teil Lothringens an das Deutsche Reich fielen, zogen viele in die Stadt, die französisch bleiben wollten. Nancy wuchs von 50.000 auf 120.000 Einwohner, und mit dem Geld kam eine Bewegung. Um den Glasmacher und Botaniker Émile Gallé sammelte sich die École de Nancy, deren Ziel schlicht war: Kunst für alle, Kunst in allem. Die Formen kamen aus der Natur, Disteln, Libellen, das Blatt des Ginkgo.

Am deutlichsten wird das in der Villa Majorelle, dem ersten Haus der Stadt, das vollkommen im Jugendstil entworfen wurde. Gebaut in den Jahren 1901 und 1902 für den berühmten Möbelfabrikanten Louis Majorelle, war es zugleich das Premierenprojekt des damals erst 26 Jahre alten Architekten Henri Sauvage.

Ein Wohnhaus und Schaufenster seiner Kunst in einem: Die meisterhaften Schmiedearbeiten und Möbel stammen von Majorelle selbst, das farbenprächtige Buntglas von Jacques Gruber und die markante Keramik von Alexandre Bigot. Seit 1996 steht das Anwesen unter Denkmalschutz, seit 2020 ist es nach aufwendiger Restaurierung wieder der Öffentlichkeit zugänglich, zu besichtigen allerdings nur mit Vorabreservierung.

Wer den Jugendstil noch umfassender bestaunen möchte, geht ins Musée de l’École de Nancy, dem weltweit einzigen Museum, das sich ausnahmslos dieser faszinierenden Epoche widmet.

Thermalquellen mitten in der Stadt

Irgendwann zwischen zwei Besichtigungen tut eine Pause im Wasser gut, und in Nancy liegt sie mitten im Zentrum. Nancy Thermal öffnete 2023, doch die Geschichte reicht über hundert Jahre zurück. Anfang des 20. Jahrhunderts stieß ein Architekt bei einer Bohrung in 800 Metern Tiefe auf warmes Mineralwasser. 1913 wurde die erste Anlage eröffnet, dann stoppte der Erste Weltkrieg das Vorhaben. Es dauerte ein ganzes Jahrhundert, bis das Projekt schließlich wieder auflebte.

Heute fließt das Thermalwasser mit etwa 37 Grad durch weitläufige Innen- und Außenbecken. Es gibt Saunen, einen Hammam und im Freien einen Whirlpool mit plätscherndem Wasserfall. Eine solche Auszeit tut im Trubel eines Städtetrips wunderbar wohl und schenkt wohltuende Entspannung.

Was die Küche erzählt

Nancy hat seine kulinarischen Schätze in zwei feinen Labels gebündelt, die wie ein roter Faden durch die Straßen führen. Nancy Passions Sucrées, ins Leben gerufen 2019, feiert die süßen Seiten der Stadt: die glänzende Bergamotte mit dem frischen Aroma der kalabrischen Zitrusfrucht, den legendären Macaron de Nancy, den beschwipsten Baba und die zarte Duchesse. Nancy Passions Salées, ganz neu hinzugestoßen, widmet sich dem Herzhaften: der echten Quiche Lorraine, verlockenden Käsesorten und traditioneller regionaler Wurst.

Nicht zu vergessen die Mirabelle, jene kleine gelbe Pflaume, für die Lothringen weit über die Grenzen hinweg berühmt ist und die ab Ende August die Marktstände im Sturm erobert.

Jede einzelne dieser Spezialitäten erzählt eine eigene Geschichte. Der Baba reicht in seinen Ursprüngen bis an den Hof des letzten Herzogs zurück. Und dann sind da noch die Weine der Region, von denen außerhalb Lothringens überraschend selten gesprochen wird. Faszinierende Themen, zu denen ihr hier im Blog weitere Artikel mit mehr Details findet.

Übernachten im alten Herrenhaus

Wer in der Altstadt bleiben möchte, findet im Hôtel de Guise ein Domizil, das perfekt zum Charakter der Stadt passt. Es liegt in der Rue de Guise, geborgen in einem ehemaligen Herrenhaus mitten im historischen Zentrum, dessen imposante Treppe noch aus dem 18. Jahrhundert stammt. Die 49 Zimmer sind alle individuell und abwechslungsreich gestaltet, und das Frühstück mit frischen regionalen Produkten wird direkt am Tisch serviert. Bis zum Place Stanislas sind es nur fünf angenehme Gehminuten, und auch der Herzogspalast liegt quasi gleich um die Ecke. Das Anwesen befindet sich mitten in der Fußgängerzone, das Auto stellt man ganz unkompliziert in einer nahegelegenen Tiefgarage ab.

Am letzten Abend schlendere ich noch ein letztes Mal über den Platz, der sich langsam leert und zur Ruhe kommt. Nancy hat mich auf ganz wunderbare Weise überrascht: mit prachtvollem Jugendstil an allen Ecken, einer facettenreichen Küche voller historischer Geschichten und Weinen, von deren Exzellenz viel zu selten gesprochen wird. Drei Tage waren fast ein wenig zu kurz. Anders als sonst bei so manchem Städtetrip gab es hier keine langen Schlangen und kein dichtes Gedränge. Selbst an einem Feiertag blieb stets Zeit, sich einfach entspannt treiben zu lassen.

Mit ein wenig Wehmut packe ich meine ganzen Einkäufe ins Auto. Frischer Käse wandert in den Kofferraum, und natürlich musste am Morgen beim Bäcker um die Ecke noch ein duftendes Baguette mit. Zu schön war es, mitten im Alltag der Einheimischen aufzutauchen: Selbst ohne Französisch kommt man hier mit Zeigen, ein paar Gesten und einem Lächeln wunderbar weiter.

Als ich schließlich zu Hause mit Freunden meine kulinarischen Mitbringsel aus Nancy genieße, weiß ich eines ganz sicher: Ich komme wieder.

Infobox zur Städtereise Nancy

Wege durch die Stadt: Drei Rundgänge laden zum Flanieren ein. Goldene Zeichen im Pflaster weisen den Weg: die Laterne für das historische Zentrum, das Ginkgoblatt für den Jugendstil und eine weitere Route entlang der Rives de Meurthe. An den Stationen gibt es QR-Codes, per App steht ein kostenloser Audioguide bereit, und am Wochenende ist der Nahverkehr gratis. destination-nancy.com

Nancy Passions Sucrées und Salées: Zwei kulinarische Labels als Wegweiser. Süß, seit 2019, steht für Bergamotte, Macaron de Nancy, Baba und Duchesse. Salzig, ganz neu, widmet sich Quiche Lorraine, regionalem Käse und Wurstspezialitäten. destination-nancy.com

Nancy City Pass: Verfügbar für ein, zwei oder drei Tage. Beinhaltet freien Eintritt in die Museen, zahlreiche Ermäßigungen, die Nutzung des Nahverkehrs sowie eine Stadtführung oder Audiotour. destination-nancy.com

Tourismus: Destination Nancy dient als zentrale Anlaufstelle für geführte Touren, individuell gestaltete Themenwege und aktuelle Veranstaltungen. destination-nancy.com

Musée des Beaux-Arts: Direkt am Place Stanislas gelegen. Zeigt eine beeindruckende Sammlung vom 14. bis 21. Jahrhundert sowie die faszinierende Daum-Glassammlung im Untergeschoss. musee-des-beaux-arts.nancy.fr

Musée de l’École de Nancy: Das weltweit einzige Museum, das sich ausnahmslos dieser einzigen Kunstrichtung widmet, ergänzt durch einen wunderschönen, frei zugänglichen Garten. musee-ecole-de-nancy.nancy.fr

Villa Majorelle: Das erste reine Jugendstilhaus der Stadt. Ein Besuch ist von Mittwoch bis Sonntag und ausschließlich mit vorheriger Reservierung möglich. destination-nancy.com

Église des Cordeliers: Die historische Grablege der Herzöge von Lothringen liegt mitten in der Altstadt. Der Eintritt ist frei. musee-lorrain.nancy.fr

Nancy Thermal: Entspannendes Thermalbad mitten im Zentrum. Natürlich warmes Wasser mit 37 Grad, weitläufige Innen- und Außenbecken, Saunen und Hammam. nancythermalresort.fr

Übernachten: Hôtel de Guise, ein charmantes ehemaliges Herrenhaus in der Altstadt, nur fünf Gehminuten vom Place Stanislas entfernt. hoteldeguise.com


Offenlegung: Dies ist ein journalistischer Artikel, der teilweise durch die Unterstützung mit Destination Nancy entstand. Die Unterstützung hat jedoch keinen Einfluss auf den Inhalt und spiegelt meine eigene Meinung wider. Für den Beitrag habe ich kein Honorar erhalten.

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