Venedigs Stadt-Lesestoff: Nizioleti oder die Kunst, Wände zu lesen

Nizioleti in Venedig: Die „kleinen Bettlaken“ an den Wänden erzählen von Berufen, Familien und Orten. Stadt-Lektüre in Straßenschildern – erfahre mehr.

Man geht ja eigentlich nicht nach Venedig, um zu lesen. Man geht dorthin, um zu staunen, um sich zu verlieren oder um sich über die Preise des Cappuccinos am Markusplatz zu wundern. Wer jedoch den Blick einmal von den glitzernden Kanälen, den atemberaubenden Kunstwerken und Gebäuden sowie den Souvenirgeschäften abwendet und ihn ein paar Meter höher an den Hauswänden ruhen lässt, entdeckt: Diese Stadt ist ein Buch. Ein Buch, das direkt auf den Putz geschrieben wurde.

Man sucht die nächste Ecke – und findet erst einmal: CASARIA.
Man sucht die nächste Ecke – und findet erst einmal: CASARIA.

Ich habe das am Anfang gar nicht gemerkt. Ich war damit beschäftigt, nicht in den falschen Abzweig zu verschwinden, nicht am Wasser zu enden, nicht aus Versehen wieder dort zu stehen, wo ich vor zehn Minuten schon einmal stand. Venedig ist darin konsequent. Es nimmt einem die Selbstsicherheit des Orientierungssinns (sofern vorhanden) in kleinen Portionen ab. Und genau dann, wenn man sich innerlich auf „Augen geradeaus“ geeinigt hat, hängt da über einem ein Wort, das so aussieht, als hätte es schon vor einem alles gesehen. CASARIA.

CASARIA ist kein Instagram-Hashtag, es ist auch kein Name, den man sich ausgedacht hätte, damit er gut klingt. Unten Obstkisten, ein paar Souvenirs, Menschen mit Einkaufstaschen. Oben ein Begriff, der älter wirkt als der Putz, auf dem er steht. Und daneben ein pfeilförmiger Hinweis Richtung WC, als wollte Venedig sagen: Du darfst hier gern poetisch werden, aber bleib praktisch.

Was mich daran fasziniert: Diese Schilder sind nicht Deko. Sie sind das Leitsystem – und nicht nur zum nächsten WC. Sie erzählen nebenbei Venedigs Geschichte. Manche Wörter klingen nach Handwerk, andere nach Familien, nach Heiligen, nach Dingen, die man heute nur noch in Museen vermutet. Dafür muss man keine Führung buchen. Man muss nur ab und zu den Blick heben und ein “Nizioleto” entdecken. Das Wort bedeutet im venezianischen Dialekt eigentlich „kleines Bettlaken“. Und tatsächlich wirken diese Schilder so, als hätte jemand kleine, gestärkte Leinentücher an die Fassaden geheftet, um uns mitzuteilen, wo wir uns gerade befinden. In diesem Fall befinden wir uns in der Casaria, die ihren Namen wohl einem alten Häusergefüge verdankt. Die Farbe wirkt frisch, fast so, als wäre der Maler erst vor wenigen Stunden mit seinem Pinsel um die Ecke verschwunden. Das ist das Paradoxon Venedigs: Die Wörter sind uralt, doch die Farbe muss jung bleiben, damit die Stadt lesbar bleibt.

Betrachtet man die Nizioleti genauer, erkennt man das System hinter ihrem Charme. Sie sind nicht nur ein nostalgisches Dekor, sondern auch ein Erbe aus dem 19. Jahrhundert. Als erst Napoleon und dann die Österreicher versuchten, Ordnung in das labyrinthartige Gewirr der Calli zu bringen, entstand diese einheitliche Beschriftung. Heute sind die Nizioleti das visuelle Gedächtnis der Stadt. Während wir moderne Navigationsgeräte in unseren Taschen tragen, die uns mit künstlichen Stimmen den Weg weisen, sprechen die Wände in einem ganz anderen Ton zu uns.

Sie erzählen von Berufen, die es heute kaum noch gibt: Remer (Ruderbauer), Squero (Bootswerft), Spezier (Apotheker), Pestrin (Milchmann) oder Frutarol (Obsthändler). Beim Vorbeigehen liest man eine Liste verschwundener Handwerkswelten, die hier ihren festen Platz im Stadtbild behalten haben. Ebenso künden sie von Heiligenlegenden und den großen Familien der Republik. Manchmal genügen zwei Zeilen, um ein ganzes Viertel zu erklären.

Ein paar Gassen weiter liegt ein blaues Boot im Wasser. Dahinter befindet sich ein Bacaro, in dem Menschen bei einem Glas Wein zusammenstehen. Über ihren Köpfen liefert die Wand die volle Ladung Stadtgeschichte: „PAROCHIA S. ALVISE / VULGO S. LUDOVICO / PONTE LOREDAN”. Wir erfahren nicht nur, dass wir uns an der Pfarrei des Heiligen Alvise befinden (den das einfache Volk, das vulgo, lieber Ludwig nannte), sondern auch, dass die Brücke daneben den Namen der Familie Loredan trägt. Die Loredans waren nicht irgendwer. Sie stellten Dogen und prägten das Schicksal Venedigs. Ein Nizioleto ist also immer auch ein kurzer Absatz in einem Geschichtsbuch, das man im Vorbeigehen liest.

S. Alvise, vulgo S. Ludovico, Ponte Loredan: Venedig erklärt sich selbst.

An einem Sonntag wird der Lesestoff beinah melancholisch. Am Campo de la Pescaria, wo die gotischen Fensterbögen der alten Palazzi auf das Wasser blicken, stehen die Marktstände leer. Die grünen Dächer der Buden wirken wie geschlossene Buchdeckel, die nur darauf warten, am nächsten Morgen wieder aufgeschlagen zu werden. Dass es hier so still ist, liegt allein am Wochentag, denn der Fischmarkt ist bis heute das pulsierende Herz dieses Viertels geblieben. Der Name „CAMPO DE LA PESCARIA” ist also keine wehmütige Erinnerung an das geschäftige Treiben vergangener Jahrhunderte. „Pescaria” bedeutet im Venezianischen schlicht „Fischmarkt” – ein Wort, das nach dem Fang der Nacht, nach dem harten Handwerk der Lagune und nach dem Erbe der Stadt schmeckt. Es ist ein Versprechen, das an jedem Markttag aufs Neue eingelöst wird. Die Nizioleti konservieren die Identität der Orte und bewahren die Tradition.

Campo de la Pescaria: Heute leer, morgen wieder voller Stimmen.
Campo de la Pescaria: Heute leer, morgen wieder voller Stimmen.

Doch Venedig wäre nicht Venedig, wenn es nicht noch eine Ebene tiefer gehen würde. Nicht alles ist gemalte Leinwand auf Putz. In einem Sotoportego, einem Durchgang direkt bei meinem Hotel, entdecke ich eine Inschrift, die sich dem flüchtigen Blick entzieht. SOTOPORTEGO DE LA GUERRA. Der Name wurde hier in den Stein gemeißelt, eine Plakette, die wie ein architektonisches Siegel über dem Wasser hängt. Es ist die steinerne Vorform des Nizioleto.

Wenn du also das nächste Mal durch Venedig gehst, lass dein Handy in der Tasche. Schau nach oben. Lies die Wände. Jedes dieser kleinen „Bettlaken” ist eine Einladung, die Geschichte hinter der Fassade zu entdecken. Es ist eine fantastische Form der Stadt-Lektüre: Am Ende ist Venedig auch eine Stadt, die ihre Biografie direkt an die Wände pinselt.

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