Paolo Bardetta: Das Lied der Seele und die italienische Liebe

Draußen vor den Panoramafenstern der Costa Toscana gleitet das Mittelmeer in einem tiefen Blau vorbei. Es ist die „The Sweet Cruise“ – eine Kreuzfahrt, die der hohen Kunst der Patisserie gewidmet ist. In der Mitte der Bühne steht der Weltstar Iginio Massari, der Grande Maestro der italienischen Konditoren, flankiert von der Moderatorin Irene Colombo. Doch in diesem Moment zieht der Mann daneben die Aufmerksamkeit auf sich. Paolo Bardetta liest ein Märchen vor. Seine Stimme hat einen besonderen, sanften Rhythmus und in seinen Augen spiegelt sich eine Tiefgründigkeit, die inmitten der festlichen, pulsierenden Atmosphäre des Schiffes einen Moment des Innehaltens schafft. Ich kenne ihn seit Jahren, doch hier entdecke ich plötzlich eine ganz neue Facette von ihm. Normalerweise sorgt er dafür, dass auf der lebendigen Event-Cruise alles perfekt funktioniert. Hier oben, im warmen Licht der Scheinwerfer, wird er zum Geschichtenerzähler mit feinen Nuancen.

Das Lied der Seele

Es ist diese faszinierende Mischung, die Paolo Bardetta ausmacht. Er ist 40 Jahre jung und arbeitet für Costa Crociere. Er kennt den Takt der Logistik und die Erwartungen der Gäste an Bord dieses schwimmenden Design-Meisterwerks. Doch wenn sein Dienst an Bord endet, beginnt seine eigentliche Reise. Dann setzt er die Kopfhörer auf, lässt sich von Musik treiben und hört auf seine innere Stimme. Er schreibt seit seinem 15. Lebensjahr. Damals war es für ihn kein Zeitvertreib, sondern eine Notwendigkeit, um die Welt um sich herum zu ordnen.

„Ich schreibe, seit ich 15 Jahre alt bin. Es ist das Lied meiner Seele.“

Der Ursprung dieser feinen Sensibilität, die Bardetta heute ausstrahlt, liegt in seiner Kindheit. Es ist eine Geschichte von Mut und Verletzlichkeit: Als kleiner Junge musste er im Krankenhaus in Genua nach einer schweren Operation um sein Leben kämpfen. Dieser Einschnitt veränderte nicht nur seinen Körper, sondern auch seine Wahrnehmung der Welt für immer. In der Stille des Krankenzimmers verstand er früh, dass das Leben kostbar und zugleich fragil ist.

Wenn Zerbrechlichkeit zur Kraft wird

Diese Erfahrung bildete das Fundament für seinen späteren Weg zur Literatur. Das literarische Rüstzeug aus seinem Studium nutzt er heute wie ein feines Präzisionsinstrument. Bardetta beschreibt nicht nur, er belebt seine Beobachtungen mit einer Wortwahl, die das Innere der Menschen nach außen kehrt und jene Emotionen erzeugt, die man in seinen Augen sieht, wenn er auf der Bühne steht. Er betrachtet die Welt als eine Abfolge von Momenten, die durch eine einzige Kraft zusammengehalten werden: die Liebe. Dabei ist Liebe für ihn weit mehr als ein romantisches Konzept: „Die Wurzel jeder Freundschaft ist die Liebe“, sagt er mit einer Überzeugung, die keinen Widerspruch duldet. „Alles wird von der Liebe bewegt.“ Diese Überzeugung macht ihn zu einem besonderen Beobachter. Er schreibt gegen die Sprachlosigkeit einer modernen Welt an, die heute oft nur noch an der Oberfläche kratzt. Paolo hingegen sucht die Tiefe, den Kern dessen, was uns als Menschen verbindet.

„Das Leben ist ein Lauf. Man darf Hindernissen nicht ausweichen, sondern muss sie überwinden, um zu wachsen.“

Die Geografie der Gefühle: Von der Flucht zum Ankommen

Sein literarisches Debüt trug diesen Gedanken bereits im Titel: La Corsa – Der Lauf. Das 2006 bei Alma Editore erschienene Buch ist die literarische Antwort auf eine schmerzhafte Lebenskrise. Mit zwanzig Jahren erlebte Bardetta eine Trennung, die ihn tief erschütterte. In einer Lebensphase, in der andere die Ablenkung suchen, wählte er den kompromisslosen Blick nach innen. Er beschreibt das Leben darin als eine Bewegung, bei der die Hürden nicht umgangen, sondern im vollen Tempo genommen werden müssen. Er nimmt die Leser mit auf eine Reise durch die Scherben seiner ersten großen Liebe und zeigt, wie er sich den Schmerz buchstäblich von der Seele schrieb, um Platz für einen neuen Lebensabschnitt zu schaffen. Es ist eine Philosophie des Vorwärtskommens, die deutlich macht, dass jede Enttäuschung auch eine Einladung zum inneren Wachstum ist.

In seinem ersten Buch spürt man sie deutlich: die italienische Seele, die keine Scheu vor großen Emotionen kennt. Bardetta schreibt, wie er lebt – mit Wärme und Hingabe. In unserer oft so rationalen Welt ist das ein wohltuender Gegenentwurf. Seine Arbeitsweise ist dabei ebenso impulsiv wie faszinierend: Er schreibt fast immer mit Musik im Ohr, lässt sich von den Melodien leiten und bringt seine Gedanken in einem Tempo zu Papier, das ihn selbst erst beim späteren Lesen staunen lässt. Es ist ein instinktiver Prozess, ein direktes Abbild seiner Empfindungen. Erst im Nachgang verleiht er seinen Texten mit seinem literaturwissenschaftlichen Rüstzeug die endgültige Form.

Die Kraft der Stille

In seinem neuesten Roman Il Silenzio dell’Amore (Das Schweigen der Liebe), der in Kürze erscheint und bereits mit Spannung erwartet wird, führt er uns in ein sizilianisches Dorf, in dem die Zeit einen anderen Rhythmus hat und die Traditionen noch lebendig sind. Die Geschichte handelt von Paolo und Patrizia, doch sie ist alles andere als eine gewöhnliche Romanze. Der Protagonist Paolo spricht nicht, denn ein erschütterndes Erlebnis hat ihn verstummen lassen. Das Buch ist eine literarische Auseinandersetzung mit der Frage, wie sich Liebe zeigt, wenn die Worte fehlen. Meisterhaft erzählt Paolo Bardetta von der Kraft der Gesten, der Blicke und einer religiösen Hingabe. Er beschreibt die staubigen Gassen, die Hitze der Insel und das Gefühl, wenn die Herzen der Liebenden im Einklang mit den Glocken der kleinen Dorfkirche schlagen. Dann braucht es keine Worte mehr.

Es ist eine Erzählung über das mühsame Wiederfinden des Vertrauens und die Heilung, die allein durch die pure Anwesenheit des anderen möglich wird – ein leidenschaftliches Plädoyer für das Innehalten. In einer Welt, die oft lautstark nach Aufmerksamkeit schreit, ist das bewusste Schweigen bei Bardetta die ehrlichste Form der Kommunikation.

„In der Stille liegt eine Kraft, die Worte oft gar nicht erreichen können.“

Wo Worte enden und die Nähe beginnt

Am Ende der Reise auf der Costa Toscana bleibt das Bild dieses Mannes auf der Bühne besonders in meinem Gedächtnis. Inmitten der glanzvollen Kulisse des Schiffes steht da jemand, der uns daran erinnert, dass wir uns niemals scheuen sollten, unsere wahren Gefühle zu zeigen. „Das Schweigen hat eine Tiefe, die wir mit der Sprache niemals ganz einfangen können“, beschreibt er sanft mit einem Lächeln. „Wahre Nähe zeigt sich oft dann, wenn keine Worte mehr nötig sind, um sich zu verstehen.“

Paolo Bardetta ist ein Dolmetscher der leisen Töne – ein Autor, der uns zeigt, dass die wichtigsten Begegnungen oft dort stattfinden, wo wir aufhören zu reden und anfangen zuzuhören: irgendwo zwischen der Weite des Horizonts und dem eigenen Herzschlag.

Wer nun neugierig geworden ist und selbst in diese besondere italienische „Herzenswelt“ eintauchen möchte, muss sich vorerst noch auf seine Italienischkenntnisse oder moderne Hilfsmittel verlassen. Bisher sind Paolo Bardettas Bücher ausschließlich im Original erschienen.

Doch auch wenn die deutschen Ausgaben noch auf sich warten lassen, lohnt sich der Umweg: Digitale Plattformen wie iBooks bieten heute komfortable Möglichkeiten, die Texte direkt beim Lesen übersetzen zu lassen. Es ist eine Entdeckungsreise, die sich auszahlt – während wir gemeinsam darauf hoffen, dass diese kluge und leise Stimme bald auch ihren Weg in die deutschen Buchhandlungen findet.

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