Über das Wasser zu den Ahnen: Das Geheimnis von Venedigs Friedhofsinsel San Michele

Ich habe dieses Wochenende maximal ausgereizt. Freitag mit dem ersten Flieger nach Venedig und Sonntag mit dem letzten zurück. Dazwischen: laufen, schauen, stehen bleiben, entdecken – und vor allem treiben lassen. Ich habe mir ein paar große Sehenswürdigkeiten gegönnt, aber nur einen Teil davon. Venedig hat zu viel zu bieten, das passt nicht in 48 Stunden. Und genau deshalb liebe ich die Stunden dazwischen: Wege ohne Ziel, kleine Plätze, das Licht auf dem Wasser, ein kurzer Halt am Rand eines Kanals. Venedig ist faszinierend, weil die Stadt mit ihren berühmten Sehenswürdigkeiten glänzt – und genauso mit dem, was dazwischen passiert.

Am Sonntagnachmittag ziehe ich meinen Rollkoffer über das Pflaster in Richtung Anlegestelle Fondamente Nove. Die Rollen klappern über die Steine. Zwischen den Häusern wird es frischer. Irgendwo klirrt Geschirr. Abendessen wird vorbereitet. An der Schiffsanlegestelle Fondamente Nove bleibe ich stehen. Vor mir liegt die Lagune, hinter mir die Stadt. Der Himmel kippt langsam ins Orange. Das Licht wird weicher und nimmt diesen goldenen Novemberton an, der die Fassaden leuchten lässt. Ich warte auf das Boot, das mich zum Flughafen Marco Polo bringt. Zum Abschied schenkt mir Venedig noch eine Szene.

Da draußen liegt eine schwimmende Brücke im Wasser. Ein schmaler Strich auf der Lagune, der direkt hinüber nach San Michele führt. Es sieht aus, als würden die Menschen, die dort gehen, die Gesetze der Natur ignorieren und einfach über das Meer wandeln. In diesem Moment wird mir klar, dass ich Zeuge eines ganz besonderen venezianischen Rituals bin.

Diese schwimmende Verbindung wird nur für wenige Tage rund um Allerheiligen und Allerseelen errichtet. Die Venezianer nennen sie Votivbrücke. Es handelt sich um eine etwa 400 Meter lange Pontonkonstruktion. Dass man hier zu Fuß gehen kann, ist eine kleine Sensation, denn normalerweise erreicht man die Friedhofsinsel nur mit dem Vaporetto. Jetzt öffnet sich für wenige Tage im Jahr ein Pfad direkt über die Lagune. Er verwandelt den Weg zu den Ahnen in eine Pilgerreise, bei der man Schritt für Schritt über das Wasser geht. Historisch gesehen ist das Projekt eine Hommage an alte Zeiten. Bis etwa 1950 wurden Lastkähne, sogenannte „Peate”, aneinandergereiht und mit Planken verbunden, um diesen Weg zu ermöglichen. Heute ist es eine moderne Konstruktion aus Modulen. Die Stadt lädt ein, den üblichen Weg mit dem Boot für kurze Zeit gegen einen persönlichen Gang zu Fuß einzutauschen und so eine andere Form der Nähe zu diesem Ort entstehen zu lassen.

Die Pontonbrücke existiert nur für eine flüchtige Zeit und unterstreicht die Vergänglichkeit des Augenblicks.
Die Pontonbrücke existiert nur für eine flüchtige Zeit und unterstreicht die Vergänglichkeit des Augenblicks.

San Michele ist eine eigene kleine Welt, umschlossen von hohen Mauern aus roten Ziegeln. Ursprünglich bestand dieser Ort aus den beiden getrennten Inseln San Michele und San Cristoforo della Pace. Erst im 19. Jahrhundert unter Napoleon wurde der schmale Kanal zwischen ihnen zugeschüttet, um Platz für den zentralen Friedhof zu schaffen. Der Grund dafür war rein pragmatisch: Die Hygiene in der dicht besiedelten Stadt machte es unmöglich, die Toten weiterhin in den Kirchen oder in den winzigen Hinterhöfen zu bestatten. So entstand diese Insel der Stille zwischen Venedig und Murano. Ein Gedanke, der in keiner anderen Stadt so logisch erscheint wie hier: Die Stadt der Lebenden liegt auf Inseln, also bekommt auch die Stadt der Toten ihre eigene Insel.

Wer sich für Architektur interessiert, findet mit der Kirche San Michele in Isola ein bedeutendes Juwel. Sie wurde Ende des 15. Jahrhunderts von Mauro Codussi erbaut und ist die erste Kirche Venedigs, deren Fassade vollständig aus weißem istrischem Kalkstein besteht. Die Kirche wirkt hell und elegant. Sie ist ein frühes Meisterwerk der Renaissance und blickt wie ein Wächter über das Wasser. Hinter der Kirche befinden sich die Kreuzgänge des alten Klosters, in dem früher Kamaldulensermönche lebten.

Viele Besucher kommen gezielt hierher, um die Gräber prominenter Künstler zu besuchen. So liegt beispielsweise der große Komponist Igor Strawinsky hier begraben. Nur ein paar Schritte weiter befindet sich das Grab von Sergei Djagilew, dem Gründer der Ballets Russes. Es ist eine berührende Besonderheit, dass Tänzer dort oft ihre getragenen Spitzenschuhe als letzte Hommage am Grabstein zurücklassen. Auch der Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky hat hier seine letzte Ruhe gefunden. Er liebte Venedig so sehr, dass er der Stadt mit seinem Essay „Ufer der Verlorenen” ein literarisches Denkmal setzte. Nun ist er selbst ein Teil dieses Ufers geworden.

Am Kai halte ich den Koffergriff fest und schaue fasziniert auf das Treiben der schwimmenden Brücke. Ich bleibe an diesem Abend auf meiner Seite der Lagune. Mein Boot kommt. Ich rolle den Koffer an Bord, setze mich ans Fenster und schaue noch einmal hinaus. Die Brücke wird kleiner, Venedig rückt zusammen.

San Michele hebe ich mir auf. Für den nächsten Besuch. Für einen Tag mit weniger Abreise im Kopf und mehr Zeit in der Tasche. Venedig macht es einem leicht, wiederzukommen – weil immer irgendwo noch eine Insel wartet, eine Abzweigung, ein Detail, das man beim ersten Mal nur streift.

Am Flughafen steige ich aus.

Ich komme wieder. A presto, bella Venezia.

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