Soest zu Fuß und bei Tisch: grüner Stein, schmuckes Fachwerk, vier Gänge

Grüner Sandstein, schiefe Fachwerkgiebel und eine fast vollständig erhaltene Stadtmauer: Soest in Westfalen hat sein Mittelalter behalten. Abends führt eine Menü-Safari mit Messer und Gabel durch die Altstadt, vier Gänge in vier historischen Häusern.

Hinter einer Fachwerkzeile in der Soester Altstadt liegt ein Innenhof, kaum größer als ein Wohnzimmer. Eine gusseiserne Trommel dreht sich, drinnen werden die Bohnen Minute um Minute dunkler, und der Geruch frischen Kaffees zieht durch die historischen Gemäuer. In der Rösterei RÖSTAroma röstet man von Hand, Charge für Charge. Ein paar Schritte weiter beginnt die Altstadt, gebaut aus einem Stein, den es so nur hier gibt.

Soest, Westfalens heimliche Hauptstadt

Zur Zeit der Hanse gehörte Soest zu den größten Städten Westfalens. Manche nannten es die heimliche Hauptstadt des Landes, und der Titel kam nicht von ungefähr. Der Wohlstand floss über den Hellweg herein, die alte Handelsstraße quer durch Europa, auf der Tuch, Salz und Getreide von Flandern bis nach Russland zogen. Soester Kaufleute zählten zu den Gründern der Hanse. Ihr Geld wurde zu Stein: zu mächtigen Kirchen, zu stattlichen Patrizierhäusern, zu einer Mauer, die die ganze Stadt umschloss.

Gebaut wurde all das aus dem grünen Sandstein der Soester Börde, der bis heute das Gesicht der Altstadt bestimmt. Sieben Kirchen und zwei Kapellen aus diesem Stein stehen noch innerhalb des alten Walls, dazwischen Fachwerkgiebel und Gassen, manchmal kaum breiter als ein Fuhrwerk. Was die Stadt einst reich machte, steht noch immer.

Menü-Safari durch Soest: vier Gänge, vier Lokale

Abends bekommt Soest einen anderen Takt. Wer die Menü-Safari bucht, isst nicht in einem Restaurant, sondern läuft mit einer kleinen Gruppe durch die Altstadt und nimmt jeden Gang in einem anderen historischen Haus ein. Ein Guide führt von Tür zu Tür, erzählt unterwegs von wehrhaften Bürgermeisterfrauen sowie dem Ursprung alter Redewendungen und verwandelt die Stadtgeschichte in einen unterhaltsamen Abend voller Schmunzelmomente und kulinarischer Genüsse.

Der Auftakt führt in das Brauhaus Zwiebel, ein markantes Fachwerkhaus von 1597. Über anderthalb Jahrhunderte lang waren hier eine Bäckerei und später eine Branntweinbrennerei untergebracht, bevor 1993 schließlich die ersten Braukessel befeuert wurden. In der gemütlichen Gaststube stehen die kupfernen Sudkessel mitten im Raum, während im Nebenhaus ein historischer, 1200 Jahre alter Brunnen sprudelt.
Serviert wird Pumpernickel, wahlweise mit westfälischem Knochenschinken oder würzigem Käse. Dazu gibt es zwei Proben des hausgebrauten Soester Biers: ein helles, wunderbar süffiges und ein dunkles mit markanten Röst- und Malznoten – beide natürlich unfiltriert. Auch Weintrinker kommen auf ihre Kosten und erhalten einen leckeren Tropfen, wenn auch serviert mit einem Augenzwinkern des Kellners. Bei diesem humorvollen Service fragt man sich für einen kurzen Moment schmunzelnd, ob man sich gerade in Soest oder einem kölschen Köbes gegenüber befindet.

Weiter geht es zum Markt, in den Gewölbekeller des Historischen Ratskellers St. Georg. Wo heute lange Tafeln unter dem Gewölbe stehen, erhob sich einst eine mittelalterliche Kirche. Die Bürgergesellschaft Ressource ließ sie abreißen und baute bis 1825 ihren klassizistischen Sitz darüber, unten zog die Gastronomie ein. Serviert wird auf der Menü Safari eine westfälische Kartoffelsuppe.

Nur wenige Schritte weiter wartet der Hauptgang: im „Wilden Mann“ am Markt, einem mehr als 400 Jahre alten Fachwerkhaus und einer der traditionsreichsten Gaststätten Soests. An der Fassade hält eine geschnitzte Figur eine Keule und den Stadtschlüssel. Sie wurde 1925 vom Künstler Fritz Viegener geschaffen. Der Name geht auf einen alten Wirtshausbrauch zurück, der Reisenden Schutz versprach. Drinnen, unter niedrigen Balken und mit dem Geruch von Braten und Bier in der Luft, wird die butterweich geschmorte Rinderroulade mit handgemachtem Kartoffelpüree und einer kräftigen Sauce serviert.

Den Schlusspunkt der kulinarischen Safari durch Soest setzt das traditionsreiche Pilgrim-Haus. Es wurde bereits in einer Urkunde 1304 erwähnt und gilt damit als einer der ältesten Gasthöfe Westfalens. Seine Geschichte begann als Herberge für Pilger am Jakobitor, wo der alte Hellweg die Stadt nach Westen verließ und ein Abschnitt des Jakobswegs Richtung Santiago de Compostela vorbeiführte.
Im Eingangsbereich liegt bis heute ein Pilgerstempel bereit. Er ist ein echtes Highlight für leidenschaftliche Sammler, selbst wenn man wie ich statt des großen Pilgerwegs erst einmal nur ein paar genussvolle Wege durch Soest flaniert ist. Man weiß ja nie! Zum krönenden Abschluss wird ein Pumpernickel-Parfait mit frischem Obst und Sahne serviert. Eine feine Süßspeise, die das traditionelle dunkle Brot von seiner überraschenden Seite zeigt: herrlich cremig, malzig und fein. Wer mag, lässt den Abend mit einem hauseigenen Kräuterlikör gemütlich ausklingen.

Soest für zuhause: Pumpernickel-Parfait aus dem Pilgrim-Haus

Zutaten für 5 Personen: 125 g Soester Pumpernickel, 2 cl Kirschwasser, 8 Eigelb, 180 g Zucker, 20 g Kakao, 75 ml Weißwein, 500 g geschlagene Sahne.

Den Pumpernickel zerkleinern, mit dem Kirschwasser begießen und zugedeckt über Nacht einweichen lassen. Eigelb, Zucker, Kakao und Weißwein in einem Topf verrühren und über dem Wasserbad aufschlagen. Die Masse umfüllen, den eingeweichten Pumpernickel unterrühren und erkalten lassen. Anschließend die geschlagene Sahne vorsichtig unterheben, alles in eine Form füllen, mit Folie abdecken und über Nacht in den Gefrierschrank stellen.

Grüner Stein und alte Kirchen

Am Tag wird der grüne Sandstein in Soest deutlich sichtbarer als bei unserem abendlichen Rundgang. Seine charakteristische Farbe stammt vom Glaukonit, einem Mineral, das sich vor Jahrmillionen am Meeresboden absetzte, als die Region noch unter Wasser lag. Was einst als feiner Schlamm begann, ragt heute als monumentaler Dom in den Himmel. St. Patrokli, auch bekannt als der „Turm Westfalens“, ist ein beeindruckender romanischer Bau aus der Zeit nach 965 und nur durch eine Fußgängerzone von St. Petri getrennt, der ältesten Kirchengründung Westfalens. Weiter im Norden erheben sich zudem die filigranen Türme der Wiesenkirche, einer prachtvollen, spätgotischen Hallenkirche, deren Bau im Jahr 1313 begann.

In der Wiesenkirche verbirgt sich ein Fenster, das den Auftakt unserer kulinarischen Safari auf wunderbare Weise erklärt. Um 1500 malte ein unbekannter Künstler das berühmte „Westfälische Abendmahl“ auf Glas. Es zeigt Jesus und seine Jünger an einer festlich gedeckten Tafel. Doch statt Brot und Wein liegen saftiger Knochenschinken, dunkler Pumpernickel und ein Schweinskopf vor ihnen, flankiert von urigen Bierkrügen und einem Glas Korn. Der Künstler hatte das biblische Geschehen kurzerhand in seine westfälische Heimat verlegt. Wer am Abend zuvor Pumpernickel mit Schinken genossen hat, findet seine Vorspeise hier detailgetreu wieder, konserviert seit gut 500 Jahren.

Nicht jeder Turm in Soest steht schnurgerade. So neigt sich der markante Turm von Alt St. Thomä bereits seit Jahrhunderten sichtlich zur Seite. Grund dafür ist eine historische Fäulnis im alten Gebälk. Die Soester nennen das Bauwerk liebevoll ihren „schiefen Turm“ und haben natürlich die eine oder andere charmante Anekdote dazu parat.

Wer noch tiefer in die facettenreiche Stadtgeschichte eintauchen möchte, wird in den Museen der Stadt fündig. Das Burghofmuseum ist in einem prächtigen Patrizierhaus aus dem Jahr 1559 untergebracht und lässt den Handel und das Handwerk der Blütezeit der Hanse wieder lebendig werden. In dessen idyllischem Innenhof verbirgt sich mit dem Romanischen Haus aus der Zeit um 1180 zudem ein echtes Schmuckstück: Es gilt als das älteste erhaltene Wohnhaus zwischen Rhein und Weser.

Gleich neben dem mächtigen Dom lädt das Museum Wilhelm Morgner zu einem Kulturstopp ein. Hier hängen die ausdrucksstarken Bilder des jungen Soester Expressionisten, der im Ersten Weltkrieg gefallen ist. Und in einem früheren Hochbunker am Rande der historischen Altstadt widmet sich das Liebesleben-Museum einem ganz besonderen Thema, das man sonst wahrlich selten in musealen Vitrinen entdeckt.

Infobox: Das grüne Wahrzeichen

Seit Jahrhunderten prägt der Soester Grünsandstein das Gesicht der Stadt und der umliegenden Dörfer in der Börde, angefangen von den mächtigen Kirchen über die historische Stadtmauer bis hin zu den vielen charmanten Wohnhäusern. Dieser Sandstein ist einzigartig, gibt es nur hier in dieser Region und verdankt seine charakteristische grüne Farbe dem Mineral Glaukonit. Er macht die historische Altstadt zu einem weltweit einmaligen Grünsandsteinensemble.

Woher dieser einzigartige Stein genau stammt, wie er vor Jahrmillionen auf dem Meeresboden entstanden ist und wie Steinmetze ihn bis heute mit traditionellem Handwerk bearbeiten, erfährt man im Grünsandsteinmuseum. Es ist in einer alten Fachwerkscheune untergebracht und kann ohne Eintritt erkundet werden.

Bummeln, Kunst und der Große Teich

In Soest kann man sich wunderbar treiben lassen. Die historische Altstadt punktet mit ihrer lebendigen Vielfalt. Mehr als 30 inhabergeführte Geschäfte, vom Spezialisten für Essig und Öl bis zur alteingesessenen Buchhandlung, laden zum Stöbern ein. Wer tiefere Einblicke sucht, bucht die Führung „Ladengeflüster”. Sie blickt hinter die Schaufenster und erzählt die oft überraschenden Geschichten der traditionsreichen Geschäfte.

Unterwegs stolpert man an fast jeder Ecke über Kunst im öffentlichen Raum. In den 1970er Jahren schufen Bildhauer bei Symposien ihre Werke in den Gassen und hinterließen sie der Stadt als bleibende Geschenke. So finden sich heute eine Sonnenuhr und eine steinerne Schäferin zwischen Fachwerk und Grünsandstein verteilt. Zwei ausgeschilderte Routen führen Kunstinteressierte gezielt von Skulptur zu Skulptur.

Lust auf Entspannung? Diese findet man am Ufer des „Großen Teichs” in einem Fachwerkhaus am Wasser. Die Idylle birgt zudem in den Wintermonaten ein Geheimnis: Der Teich friert selbst im tiefsten Winter nicht zu, da er permanent von wärmeren Quellen gespeist wird. Direkt daneben steht die Teichsmühle aus dem 13. Jahrhundert. In dem Gebäude, in dem früher Korn gemahlen wurde, ist heute die Touristinformation untergebracht. Sie ist der ideale Ausgangspunkt für öffentliche Altstadtführungen und bietet aktuelle Tipps und Tickets.

Auf der Stadtmauer rund um Soest

Für die beste Aussicht auf die Stadt muss man ein paar Stufen erklimmen. Die alte Stadtmauer bietet einen Logenplatz. Neben der italienischen Stadt Lucca ist Soest die einzige Stadt in Europa, die über eine nicht nur begehbare, sondern auch durchgehend von schattigen Bäumen bewachsene Befestigungsanlage verfügt. Der Wall entstand um 1180 und zog sich einst über fast vier Kilometer um den historischen Kern, der von zehn Toren unterbrochen wurde. Gut zwei Drittel der Anlage sind bis heute erhalten geblieben. Wer hier oben über der Stadt flaniert, blickt hinab auf die Graften, die alten Wassergräben, in denen sich die historischen Giebel spiegeln. Besonders im April und Mai verwandelt sich der Weg in eine Allee, wenn die Baumblüte die Mauer in ein Meer aus Weiß und Rosa taucht.

Infobox: Mit den Börde-Bausteinen auf Erlebnistour

Die Städte Soest, Bad Sassendorf und Möhnesee haben jeweils drei spannende Erlebnisbausteine zusammengestellt. Gäste können sich daraus zwei Favoriten aussuchen und dabei mindestens zwei der drei Orte miteinander kombinieren. Es ist jedoch nicht möglich, zwei Bausteine am selben Ort zu buchen.

Für Soest stehen drei abwechslungsreiche Varianten zur Wahl: eine klassische Altstadtführung mit anschließender Einkehr zu einem typisch westfälischen Abendmahl, die Tour „Genüssliches Soest” inklusive einer Live-Röstvorführung und Kaffeeverkostung in der Kaffeerösterei RÖSTAroma oder ein geselliger Brauereirundgang mit Bierverkostung im Brauhaus Zwiebel, gekoppelt mit einer kurzen Stadtführung. Jeder dieser einzelnen Bausteine dauert etwa eineinhalb Stunden.

Information und Buchung: Tourist-Information Soest, so-ist-soest.de

Weitere Informationen zu den einzelnen Paketen der anderen Städte finden sich auch auf der Seite des Sauerland-Tourismus.


Offenlegung: Dies ist ein journalistischer Artikel, der teilweise durch die Unterstützung von Wirtschaft und Marketing Soest GmbH entstand. Die Unterstützung hat jedoch keinen Einfluss auf den Inhalt und spiegelt meine eigene Meinung wider. Für den Beitrag habe ich kein Honorar erhalten.

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