(enthält Werbung) Steyl an der Maas, wo die ganze Welt zu Hause ist. Wenige Kilometer hinter den Einkaufsstraßen von Venlo liegt ein Ort, der viele Welten an einem Tag bereithält: Geschichte, fremde Kulturen, Handwerk, alte Gärten und eine Pause mit Bier und Pommes.
Die Fähre über die Maas braucht für die Überfahrt kaum drei Minuten. Ein flaches Boot, Platz für ein paar Autos und Fahrräder, dazu das gleichmäßige Plätschern des Wassers gegen die Bordwand. Auf der einen Seite Baarlo, auf der anderen Steyl. Nötig ist die Überfahrt nicht. Von Venlo aus erreicht man das Klosterdorf in wenigen Minuten mit dem Auto. Die schönere Anfahrt führt jedoch über Baarlo auf der gegenüberliegenden Maasseite. Von dort setzt die Fähre über, und Steyl liegt mit bestem Blick vor einem: ein Häuserkomplex aus rotem Backstein. Dahinter Türme, eine lange Mauer, ein Friedhof. Es ist ruhig hier, sehr viel ruhiger als drüben in den Geschäften von Venlo, wo an Samstagen halb Nordrhein-Westfalen einkauft.
Steyl gehört heute zur Stadt Venlo, ein Dorf mit rund 3.640 Einwohnern. Die meisten Besucher fahren daran vorbei, ohne es zu bemerken. Dabei steckt hinter den Mauern eine Geschichte, die in Goch am Niederrhein beginnt und bis nach China, Papua-Neuguinea und Brasilien reicht.

Ein Dorf, das aus einer Idee entstand
Arnold Janssen, geboren 1837 in Goch, war Priester und hatte Mathematik und Naturwissenschaften unterrichtet, bevor ihn eine Idee nicht mehr losließ. Er wollte ein Missionshaus gründen, von dem aus Männer in die Welt ziehen sollten. In Deutschland war das auf dem Höhepunkt des Kulturkampfs nicht möglich. Der Kulturkampf war der Konflikt zwischen dem Deutschen Reich unter Bismarck und der katholischen Kirche in den 1870er Jahren. Der Staat beschnitt damals die Rechte der Kirche und verbot zahlreiche Orden, eine Klostergründung in Preußen war praktisch ausgeschlossen. Also kaufte Janssen 1875 ein altes Gasthaus, gleich hinter der Grenze, im niederländischen Steyl. Hier baute er ein Kloster und ein autarkes Dorf auf.
Vier Jahre später brachen von hier die ersten beiden Missionare nach China auf. Aus der kleinen Gründung wurde die Gesellschaft des Göttlichen Wortes, dazu kamen die Missionsschwestern und die Anbetungsschwestern, im Volksmund die Rosa Schwestern. Janssen erkannte früh, was eine eigene Druckerei wert war. Die Zeitschrift „Stadt Gottes“ lief in hohen Auflagen, das gedruckte Wort finanzierte die Mission. Bis heute erscheint sie, inzwischen unter dem Namen „Leben Jetzt“, und finanziert nach wie vor die Projekte der Steyler Missionare weltweit.
Das Gelände wuchs zu einer Welt für sich. Zeitweise lebten hier etwa 3.000 Menschen, mit eigenem Wasser, eigenem Strom, eigenen Werkstätten. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Kloster 1944 beschlagnahmt, die SS zog ein, während sich in den Gebäuden zugleich Menschen versteckten, die untertauchen mussten. Seit 2008 steht das Klosterdorf unter Denkmalschutz.
Das historische Herz des Klosterdorfes ist die Doppelkirche St. Michael, zwei Kirchen, übereinander gebaut, weil neben der Maas der Platz fehlte. Die schlichtere Unterkirche trägt mit dicken Säulen die lichte Oberkirche darüber. An einem großen Buntglasfenster steht das Hochgrab von Arnold Janssen. Er starb 1909 in Steyl. Der Künstler Will Horsten aus Kevelaer gestaltete das Fenster der Unterkirche 1972 neu. Wer an einem sonnigen Sonntagvormittag eintritt, wenn Ehrenamtliche aus der Gemeinde die Türen öffnen, sieht das Kirchenfenster in schillernden Farben leuchten.
Die Oberkirche darüber ist voller Engel, denn Arnold Janssen verehrte die himmlischen Boten sein Leben lang. Die Fenster sind im Stil der Nazarener gehalten, ruhig und klar, ohne den Pomp von Gotik oder Barock. In den oberen Bahnen stehen die Patrone der Weltmission, jeder Orden hat hier seinen Platz bekommen. An Sonntagen sind beide Kirchen geöffnet.





Buchtipp: 100 Tage in den Klosterkellern von Steyl
Ausgerechnet bei einer deutschen Ordensgemeinschaft fanden die Niederländer Schutz vor den deutschen Besatzern. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die Keller der Klöster in Steyl für hunderte Dorfbewohner zur Rettung. Während des verheerenden Hungerwinters versteckten die deutschen Schwestern und Brüder die einheimische Bevölkerung und versorgten sie trotz aller Gefahren. So bewahrten sie unzählige Menschen vor dem Tod. Das Buch dokumentiert diese Zeit anhand von Tagebucheinträgen beider Seiten. Diese Chronik spiegelt das Keller- und Dorfleben wider und fängt das ganze Spektrum von Wut und Angst bis hin zu beharrlichen Zukunftsträumen ein. Mehr unter steyler-klosterladen.eu.
Die Welt in einem Museum
Das Missionsmuseum (Missiemuseum Steyl) ist das älteste Museum Venlos. Es wurde 1931 eröffnet und seitdem nicht mehr verändert. Genau das macht es besonders. Die Vitrinen, die handgeschriebenen Schilder, die Anordnung der Stücke, alles steht seit über neunzig Jahren so da. Man besichtigt also zwei Dinge auf einmal: die Sammlung und die Art, wie man vor hundert Jahren sammelte. Das Museum ist quasi zu seinem eigenen Exponat geworden.
Über 1.500 präparierte Tiere stehen hinter Glas. Bruder Bergmann, einer der Klosterbrüder, war ein so guter Präparator, dass ein Schmetterling nach ihm benannt wurde. In einer Vitrine leuchten die blauen Falter aus Brasilien, daneben ein Schnabeltier, Paradiesvögel mit Federn, deren Farben sich über ein Jahrhundert gehalten haben, ein Bär, der erst gegen eine Münze den Kopf hebt. Alle Stücke sind über 100 Jahre alt.
Fun Fact: Einige „Fehler“ von damals sind heute selbst sehenswert. In einer Szene jagt zum Beispiel ein Königstiger ein Kalb, das eindeutig von einem niederländischen Bauernhof stammt.
Am eindrücklichsten sind die Schilder aus Papua-Neuguinea und echte, geschrumpfte Menschenköpfe, sogenannte Schrumpfköpfe. Sie standen einst vor den Hütten, zur Ehrung der Vorfahren und zur Abschreckung von Feinden. Im vergangenen September reiste einer der Patres mit fünf dieser Schrumpfköpfe zurück nach Papua, um sie aus Respekt zurückzugeben. Der Dorfälteste lehnte ab. Nach all den Jahren wisse niemand mehr, ob die Köpfe Vorfahren oder Feinde darstellten, und Feinde wolle man nicht im Dorf. Also kamen sie zurück nach Steyl. Geschichten wie diese hängen hier an fast jedem Objekt.








Dampf, Leder und dritte Zähne
Das Kesselhaus war die Maschinenhalle des Klosterdorfs. Hier wurde Wasser in zwei riesigen Kesseln gekocht, der Dampf trieb über Wellen und Riemen die Maschinen an, erzeugte Strom, heizte sogar das klostereigene Schwimmbad und die Treibhäuser. Seit 2008 kümmert sich die Stiftung Steyl Inspiriert mit großem Einsatz um den Erhalt, allein die erste Renovierung kostete fast eine Million Euro.
Drei Dampfmaschinen aus zweiter Hand stehen noch oder standen hier, die Hannoversche ist geblieben. Der Antriebsriemen besteht, wie damals, aus über 40 Rinderhäuten. Jedes Jahr wird er gefettet, damit er nicht reißt. Eine Treppe tiefer, im Keller, liegt eine versunkene Stadt. Im ehemaligen Kohlenkeller ist alles zusammengetragen, was das Dorf einst autark machte: Bäckerei, Schneiderei, Schusterei, Schmiede, Wäscherei, ein Friseur. Sogar einen eigenen Zahnarzt gab es. Wer als Missionar in die Welt aufbrach, ließ sich vorsichtshalber die dritten Zähne machen, denn bei Zahnschmerzen im Regenwald oder hintersten Winkel der Welt war kein Arzt in der Nähe.







Im Kohlenkeller: eine versunkene Stadt aus Werkstätten.
Verborgene Schönheiten und Ruheoasen
Der Botanische Garten Jochumhof trägt den Namen von Pater Jochum, der hier einst Biologie unterrichtete. 1933 wurde der Garten als Lehrgarten angelegt, und Missionare brachten von ihren Einsätzen Samen aus aller Welt mit. So stehen heute Bäume nebeneinander, die nie zusammengehört haben, viele weit über hundert Jahre alt.
Durch die Anlage führt uns Bart Faassen, einundsiebzig Jahre, von Beruf Baumschüler. Braun gebrannt, ein Naturbursche, mit einem charmanten Lächeln begrüßt er uns zum Rundgang. Seine Familie betreibt die Baumschule seit anderthalb Jahrhunderten, und schon der Urgroßvater arbeitete für die Klosterorden. Bart kennt jeden Baum beim botanischen Namen und erzählt von ihnen wie von alten Bekannten.
Ein Teil des Gartens, der Tigliener Garten, führt zwei Millionen Jahre zurück, in die Tonzeit von Tegelen. Damals wuchs in Steyl die Flügelnuss, ein Baum, den es längst nicht mehr gibt, und es lebte ein Urzeitbiber mit rundem Schwanz, der Trogontherium. Sein Nachbau steht zwischen Pflanzen. Blaue Schilder im Garten markieren Pflanzen, die in der Bibel vorkommen, passend zu den Passionsspielen, die seit über hundert Jahren alle fünf Jahre im Freilufttheater Tegelen aufgeführt werden.
Diese Tonzeit prägt die Region bis heute. Der Ton aus dem Boden von Tegelen und Steyl war über Jahrhunderte der Rohstoff für Ziegel und Dachpfannen, der Name Tegelen leitet sich vom lateinischen Wort für Dachziegel ab. Noch heute sollen rund 80 Prozent der niederländischen Dachziegel aus dieser Region stammen. Wer tiefer einsteigen möchte, findet diese Geschichte im Keramikcentrum Tiendschuur in Tegelen auf lebendige Weise aufbereitet. Aus den Ausschussstücken eben dieser Steinfabriken entstanden später durch den findigen Arnold Janssen besondere Grotten, dazu später mehr.
Im Heimgarten wachsen einheimische Wildpflanzen, daneben stehen zwei alte Ginkgobäume und ein Mammutbaum mit weicher Rinde. Im Gewächshaus liegen zwei Welten unter einem Dach, der feuchte Urwald und das trockene Mexiko mit seinen Sukkulenten. Eine der jüngsten Anlagen ist ein Karnivorenbeet, ein kleines Sumpfgebiet auf mineralfreiem Wasser, in dem fleischfressende Pflanzen von Insekten leben. Über vierzig Ehrenamtliche halten den Jochumhof instand, der Eintritt läuft über eine Ehrlichkeitskasse.









Stein für Stein: die Grotten
Nicht weit vom Jochumhof liegen die drei Grotten, Stein für Stein von Hand gebaut, aus den Ausschussziegeln der Tegelener Steinfabriken, die Arnold Janssen kostenlos bekam. Drei sind es, dazu eine kleine Marien-Grotte ganz aus Mosaik. Eine entstand nach dem Zweiten Weltkrieg, zum Gedenken an die Brüder und Priester, die nicht zurückkehrten. Wegen der alten Bausubstanz sind viele Bereiche derzeit nur von außen zu sehen. Wer in die noch begehbaren Grotten hinein möchte, kann eine der drei Grotten mit einer gesonderten Führung erleben.




Eine kulinarische Pause
Holland nie ohne Pommes
Am zentralen Platz des Ortes, zwischen Natur und Historie, steht die Pommesbude Friture ’t Vaer. Zwei Brüder aus dem Ort haben sie vor einigen Jahren von den älteren Vorbesitzern übernommen. Wer hier sitzt, sollte das Friet-Ei probieren, ein gekochtes Ei in einer würzigen, frittierten Hülle, eine Erfindung aus Venlo. Man kann es kaum beschreiben, ein wenig Curry, sehr herzhaft, und beim ersten Aufschneiden ein kleiner Moment der Überraschung. Wer es lieber als Restaurant mag, kehrt im ‚t Vaerhoes ein.
Lebendes Bier aus der alten Schlosserei
In der früheren Schlosserei neben dem Missionsmuseum riecht es nach Hefe. Paul Gansner und seine Tochter Saar brauen hier seit 2019 Bier. Anfangs lief eine Anlage mit 80 Litern, seit 2021 sind es 500, etwa 1.200 Flaschen pro Sud. Ihr Bier lebt, die Hefe arbeitet in der Flasche weiter, deshalb öffnet man sie besser vorsichtig. Der Klooster Tripel ist hell und frisch und schmeckt kaum nach Alkohol, der Steyler Tripel dunkler und kräftiger, ein Bier für den Herbst. Am besten probiert man die Sorten auf der Terrasse, frisch vom Fass. Verkauft wird vor allem vor Ort. Dazu genießt man in der Klosterbrauerei oder im Biergarten zünftig einen „Borrel“, die niederländische Antwort auf den italienischen „Aperitivo“.
Wer aufmerksam durch das Haus geht, entdeckt auf einem Sims ein Foto von Alfons, dem letzten Brauerbruder, daneben eine kleine Kerze. Er ist vor zwei Jahren gestorben. Die alten Brüder sind heute um die achtzig, und die junge Brauerfamilie hängt daran, dass ihr Können nicht mit ihnen geht. Die Vision: dass wieder Handwerker zurückkommen, jemand, der Käse macht, jemand, der mit Metall arbeitet. Ein Imker ist schon da, ein Kräutergarten auch.
Einkehr mit Maasblick
Hinter dem Botanischen Garten, direkt am Wasser, liegt das Teehaus des Jochumhof. Von der Terrasse blickt man auf die Maas, Schiffe ziehen vorbei, am anderen Ufer beginnt Baarlo. Ein Platz für eine Pause zwischen den Stationen, mit Kaffee, Kuchen und Blick auf den Fluss.
Der schöne Ausflugstag endet, wo er begonnen hat: mit Blick auf die Maas, auf der die Fähre noch immer pendelt. Ein Tag reicht für Steyl kaum aus. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute lautet: Man kann wiederkommen oder bleiben. Die Klosterhäuser vermieten schlichte Zimmer direkt im Kloster. Abends um zehn ist Ruhe angesagt, einen Fernseher gibt es nicht. Wer den Tag dort ausklingen lässt, hört am Ende nur noch den Fluss.




Noch mehr Steyl
Das Klosterdorf hat mehr zu bieten, als an einem Tag hineinpasst. Wenige Schritte von den Klostermauern entfernt steht der Weltpavillon. Wer hineingeht, nimmt in einer echten Fokker 50 Platz und reist von dort nach Nicaragua und Ghana. Filme laufen, Spiele warten, und in Workshops formt man Spielzeug aus Abfall oder hört unter einem Baobab-Baum die alten Geschichten. Per Virtual Reality geht es im Bus durch Ghana. Im Mittelpunkt steht die Begegnung, das Verständnis dafür, wie Menschen anderswo leben. Das trägt für Familien mit Kindern genauso wie für Erwachsene.
Mehrere Radrouten folgen dem Fluss, eine davon durch Tegelen und Steyl, eine andere, die Mooder Maas, startet im Zentrum von Venlo. Am Wasser liegen Cafés und Einkehren, darunter das Teehaus hinter dem Jochumhof, an dem die Strecke vorbeiführt.
Wer den Besuch plant, schaut auf invenlo.com/de. Die Seite bündelt, was man alles in Steyl erleben kann. Außerdem zeigt sie, dass die Gegend weitere schöne Möglichkeiten bietet: die historische Innenstadt von Venlo, die Museen, die Schlossgärten von Arcen, die Natur an Maas und Wald.


































