Der Mann, der auf Texel nur im Dunkeln an den Strand geht

Gilles van Mil strandräuber von Texel

Seit mehr als 70 Jahren sammelt Gilles van Mil, was das Meer an den Strand von Texel spült.
Erlaubt ist diese Sammelleidenschaft nach dem Gesetz nicht. Bewundern kann man die Strandräuber-Beute trotzdem, denn auf Texel widmen sich gleich zwei Museen den Schätzen aus der Brandung.

Die Scheune in Oudeschild ist über 100 Jahre alt. Es riecht nach altem Holz, Teer und getrocknetem Seegras. Das Dach stützt sich auf ausgemusterte Schiffsmasten, unter den Füßen knarrt angeschwemmtes Holz. Überall hängen Bojen, Netze, Taue und Flaschen. „Nichts davon ist gekauft“, sagt Gilles van Mil stolz. „Alles kam mit der Flut.“ Die Holzbänke im Raum dienten früher als Decksluken auf Schiffen, das Dach besteht aus zwei angespülten Paketen Sperrholz. Van Mil greift nach einem alten, verwitterten Holzstuhl, der sonst im Garten als Dekoration für Blumen dient. Für ihn ist das keine Frage eines Designtrends, sondern die reinste Form der Wiederverwertung:

„Das ist eine Urform von Recycling“, sagt Gilles van Mil lächelnd.

Van Mil ist 77 Jahre alt, bald 78. Er ist Strandräuber, auf Niederländisch „Jutter“. Seit er sechs Jahre alt war und sein Großvater ihn das erste Mal mit an die Küste von Texel nahm, sucht er den Strand ab. Die Strandräuberei ist jedoch seit 1934 verboten. Wer dabei erwischt wird, bekommt eine Verwarnung, beim zweiten Mal kostet es 400 Euro.

Sieben Strandräuber gibt es auf der Insel heute noch. Und genau sieben Strandwächter. „Die Wächter sind Beamte“, erzählt van Mil nüchtern. „Die gehen nicht zu Fuß durch den Sand wie wir. Die kommen im Dienstwagen.“ Auf dem flachen, weiten Sandstrand sieht man die Scheinwerfer meilenweit. „Die machen vorne alles an Licht an, was das Auto hergibt. Das sieht aus wie ein fahrender Weihnachtsbaum.“ Wenn Gilles das Licht aus vier oder fünf Kilometern Entfernung heranrollen sieht, dreht er ab, hockt sich in den Windschatten einer Düne, raucht eine Zigarette und schaut aufs Handy. Nach einer Viertelstunde ist der Spuk meist vorbei. Verwarnt wurde er in all den Jahrzehnten nur einmal. Gezahlt hat er nie.

Van Mil wurde im Süden der Niederlande geboren. Als Kind kam er mit schwerem Asthma nach Texel. Eine Cousine seines Großvaters betrieb nach dem Zweiten Weltkrieg ein Zeltlager für Kinder, die Seeluft brauchten. Sechs Wochen verbrachte er dort jeden Sommer. Straßen gab es damals kaum, Asphalt gar nicht. Man lief barfuß über scharfkantige Muschelwege, bis die Hornhaut dick wie Leder war, erinnert sich der Strandräuber. Wenn er Süßigkeiten wollte, lief er sieben Kilometer ins Dorf hinein und sieben Kilometer zurück, zehn Cent in der Faust.

Texel kurierte seine Lunge und prägte sein Leben.

Dass er einmal dauerhaft hierbleiben würde, war dennoch nicht geplant. Van Mil studierte Chemie und arbeitete für deutsche Großkonzerne in Hamburg, Frankfurt und Stuttgart. Bis heute spricht er fließend Niederländisch, Deutsch, Englisch und Französisch. Dann kam der Zusammenbruch. Aufgrund von Überarbeitung riet ihm sein Hausarzt zu einer Pause auf See: „Nimm dein Segelschiff und bleib ein halbes Jahr weg.“ Aus den sechs Monaten wurden schließlich anderthalb Jahre, er segelte bis nach Neuseeland. Als er zurückkehrte, stand er vor dem Nichts: keine Arbeit mehr, kein Haus, die Ehe geschieden. Er ging dorthin zurück, wo er als Junge hatte atmen können: nach Texel.

Strandräuber arbeiten allein, jeder will behalten, was er findet. Zusammengerufen wird nur, wenn eine Havarie die Küste flutet. Vor einigen Jahren klingelte um Viertel nach elf nachts sein Telefon. Ein Kollege meldete, der Strand liege voller Röhrenfernseher. Gilles hielt die Sache für Seemannsgarn. Vier Minuten später rief der nächste Strandräuber-Kollege an. In dieser Nacht zogen die Helfer 183 Geräte aus der Brandung. Eines bauten sie in der Werkstatt eines Freundes auf, steckten den Stecker in die Dose, und der Kasten lief tatsächlich. Drei Monate später zerlegte eine Explosion das Gehäuse. Die Glassplitter der Bildröhre steckten drei Zentimeter tief im Mauerwerk.

Ein anderes Mal verlor ein Frachtschiff acht Container mit Sportschuhen. Zwei der Stahlboxen trieben an den Strand von Texel, drei strandeten an der Küste der Nachbarinsel Terschelling. Die Sache hatte jedoch einen Haken: Im Frachtgut auf Texel steckten ausnahmslos linke Schuhe, auf Terschelling lagen die rechten Gegenstücke. Kurzerhand packte van Mil 150 linke Exemplare zusammen, setzte mit der Fähre über und tauschte Paar für Paar ein.

Sein ergiebigster Fund blieb jedoch ein Frachtcontainer voller Zigaretten der Marke Hollywood. Lediglich die unterste Lage am Boden hatte Seewasser gezogen. Gemeinsam mit einem Gefährten rettete er 1.200 Stangen aus der Brandung und verkaufte die Ware im Ruhrgebiet. Vom Ertrag leistete er sich ein neues Fahrrad.

Ich hänge an seinen Lippen und weiß nicht mehr, wo die Erinnerung aufhört und wo das Seemannsgarn beginnt. Es spielt auch keine große Rolle. Während er erzählt, entstehen Bilder im Kopf. Der dunkle Strand. Die Fernseher in der Brandung. Ein Mann mit 150 linken Schuhen auf der Fähre nach Terschelling. Man spürt seine Leidenschaft, warum er das seit 71 Jahren macht.

Dass all diese Funde heute öffentlich zu sehen sind, verdankt die Insel einem Jubiläum Anfang der neunziger Jahre. Als Oudeschild das zweihundertjährige Bestehen seines Hafens feierte, stand eine Scheune leer. Die Strandräuber und Wracktaucher entschlossen sich, ihre geheimen Sammlungen erstmals zu zeigen. Aus der geplanten einwöchigen Schau wurden drei Monate, danach gründeten sie eine Stiftung. Daraus entstand das Museum Kaap Skil.

„Alles hier hat irgendwie auch eine kriminelle Vergangenheit“, sagt van Mil schmunzelnd.

Verfolgen kann ihn dafür niemand mehr; an keinem Fundstück klebt ein Namensschild. Und die Strandwächter? Mit denen trinke man im Dorf ohnehin abends ein Bier.

Besonders Briefe beeindrucken ihn. Einheimische Flaschenpost gehört auf Texel zur Routine und wird meist von Ausflüglern vom Fährdeck aus ins Wasser geworfen. Im Oktober 2001 fischte van Mil ein englisches Exemplar aus der Brandung. Auf dem Zettel im Inneren stand schlicht „Hello, I am Sophie“, ergänzt um eine Straßenangabe in Norwich. Van Mil schrieb noch am selben Tag zurück. Für ihn gilt das Beantworten von Strandbriefen als ungeschriebenes Gesetz. Am nächsten Morgen fand er eine zweite Flasche im Sand. Sie stammte von Sophies Bruder Fred und war einen Tag vor dem Brief seiner Schwester aufgegeben worden. Die Gezeiten hatten die beiden Flaschen auf See die Plätze tauschen lassen. Angespült wurden sie am selben Strand. Im darauffolgenden Sommer reiste van Mil nach England und besuchte die Familie. Später saß er bei ihrer Hochzeit mit am Tisch. Eines der Kinder trägt seinen Namen.

Nachwuchs gibt es für die „Jutter-Leidenschaft“ kaum noch. Van Mils Sohn begleitet ihn manchmal an den Strand, allerdings nur bei schönem Wetter. „Bei Sturm, wenn die schweren Sachen angespült werden, bleibt er lieber im Bett.“ Zudem ist die Strandräuberei mühsamer geworden: Was Schiffe heute verlieren, steckt meist in tonnenschweren Stahlcontainern.

Im Museum Kaap Skil steht Gilles zwischen den Fundstücken, die das Meer freigegeben hat, und blickt hinaus auf das Außengelände. Dort stehen alte Fischerhäuschen, eine Schmiede und eine historische Bäckerei, die die Insulaner gemeinsam mit geborgenen Ziegeln und Inventar wieder aufgebaut haben. Für van Mil ist der Strand kein Ort für Souvenirs. Es ist der Ort, der ihm vor vielen Jahren die Luft wiedergab. Und an den er immer noch zurückkehrt, sobald es dunkel wird.

Infobox Museum Kaap Skil

Das Museum Kaap Skil in Oudeschild zeigt die Sammlung der Strandräuber und Funde aus den Schiffswracks der Reede von Texel. Im Untergeschoss steht ein Modell des Ankerplatzes um das Jahr 1660. Es ist das größte maritime Modell der Welt. In der Nachbarausstellung liegen die Bergungen aus dem Palmholzwrack, darunter Textilien und ein rund 400 Jahre altes Seidenkleid, das Taucher 2016 vom Meeresgrund als Sensationsfund holten. Auf dem Freigelände stehen Fischerhäuser aus dem 19. Jahrhundert, eine Getreidemühle, eine Schmiedewerkstatt und die Jutterei mit dem Strandgut.

Adresse: Heemskerckstraat 9, 1792 AA Oudeschild, Texel
Website: kaapskil.nl


Offenlegung: Dies ist ein journalistischer Artikel, der teilweise durch die Unterstützung des VVV Texel ermöglicht wurde. Die Unterstützung hat jedoch keinen Einfluss auf den Inhalt und spiegelt meine eigene Meinung wider. Für den Beitrag habe ich kein Honorar erhalten.

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