Augen zu, und dann?

Clotilde MenginFotocredit: Clotilde Mengin

Wie Sommelière Clotilde Mengin in ihrem Weinkeller in Nancy für jeden Gast den richtigen Wein findet.

Von der Straße aus sieht alles nach einem adretten Weinhandel aus. Edle Regale, geordnete Reihen, zurückhaltende Preisschilder an den Flaschenhälsen. Ein Geschäft im Zentrum von Nancy, wie man es in vielen französischen Städten findet. Man tritt ein, greift im Vorbeigehen eine Flasche und geht wieder seiner Wege. Doch die eigentliche Geschichte dieses Hauses beginnt ein Geschoss weiter unten.
Wer die schmale Treppe hinabsteigt, spürt mit jeder Stufe, wie die Geräusche der Stadt verblassen. Die Luft wird kühler, es riecht nach feuchtem Stein und nach Erde. Das Gewölbe stammt aus dem siebzehnten Jahrhundert. Dicke Mauern schmiegen sich an einen niedrigen Bogen, die Regale reichen bis knapp unter die Decke, das Licht liegt wie ein weicher Schleier über dem Raum. Einst beteten hier Gläubige, später saßen Gefangene hinter den Steinen.

In diesem Raum bittet Clotilde Mengin ihre Gäste zu Tisch. Das Restaurant heißt Vins & Tartines, doch wer hier Platz nimmt, erlebt keine gewöhnliche Menü- oder Weinberatung. Clotilde ist 41 Jahre alt, hat strahlende Augen und verlangt ihren Gästen erst einmal etwas Ungewohntes ab. Sie fragt nicht, was man essen oder trinken möchte. Sie fragt, was der Mensch ihr gegenüber in diesem Moment fühlt. „Schließen Sie für einen Augenblick die Augen“, sagt sie dann. „Und erzählen Sie mir einfach etwas.“ Aus den paar Worten, die im dämmrigen Keller fallen, liest sie die Stimmung ab. Erst danach sucht sie die Flasche. Ob der Wein zur Vorspeise passt, ist für sie zweitrangig. Es geht ihr um den Menschen vor ihr.

Der Preis, die berühmte Appellation oder der klangvolle Name eines Nobelwinzers spielen in ihrem Denken kaum eine Rolle. Mengin versteht ihren Beruf anders. Sie sieht sich als Brücke zwischen dem Mann im Weinberg und dem Gast am Tisch. Wenn ein Glas Wein dafür sorgt, dass sich die Gesichtszüge eines Menschen entspannen und lächeln, hat sie ihr Ziel erreicht. Ein Schluck kann fünf Euro kosten oder fünfzig. Entscheidend ist der Moment, das Gefühl. „Die beste Verbindung ist immer die, die dir genau jetzt schmeckt“, lautet ihr Credo.

Wie diese Methode in der Praxis funktioniert, lässt sich am besten an einer Anekdote von einem Abend mit Gästen aus Marseille und Montpellier illustrieren. Am Tisch saßen Herren, die felsenfest davon überzeugt waren, den Wein für sich gepachtet zu haben. Mengin empfahl ganz unaufgeregt einen Chardonnay aus der Meuse.

„Aus der Meuse?“, hallte es sofort skeptisch von den Plätzen zurück. „Da gibt es doch außer Kühen überhaupt nichts!“

Mengin widersprach nicht. Sie lächelte nur und schenkte ein. Ein Biowein von einem jungen Winzer, viereinhalb Hektar Anbaufläche, sechsunddreißig Euro die Flasche. Im Glas ein heller, schlanker Schluck mit einem ganz feinen Hauch von Frucht. Die Männer probierten. Das Gerede am Tisch verstummte von einer Sekunde auf die andere. Wenig später bestellten sie aus freien Stücken eine zweite Flasche aus der Region.
Genau darin liegt Clotildes eigentliche Arbeit und Leidenschaft. Die großen Namen der Weinwelt verkaufen sich schließlich von alleine. Ihre Mission beginnt dort, wo Vorurteile sitzen. Und die findet man überraschenderweise selten bei Touristen. Es sind vielmehr die Einheimischen, die den vertrauten Tropfen aus berühmten Regionen den Vorzug geben und den Erzeugnissen vor der eigenen Haustür erst einmal mit Skepsis begegnen. Genau diese Menschen möchte sie zurückgewinnen. Glas für Glas.

Dass Clotilde Mengin einmal Sommelière werden würde, war ihr nicht an der Wiege gesungen worden. Sie wuchs unweit von Condrieu an der Rhône auf, umgeben von den großen Hängen von Côte-Rôtie. Jahrelang arbeitete sie in einer Anwaltskanzlei, ehe sie vor zwölf Jahren den Schreibtisch gegen den Weinkeller tauschte. Seit 2014 gehört sie zum Unternehmen in Nancy. Sie stammt nicht aus Lothringen, aber sie hat diese Region liebgewonnen. Sie möchte ihre Stimme sein.

Das Fundament dafür legte eine andere Frau. Danielle, ihre Schwiegermutter, war einst die erste Frau in Frankreich, die sich auf die Parkette der großen Weinwettbewerbe wagte. Über vierundvierzig Jahre trug sie zusammen, was Mengin heute ehrfurchtsvoll ihre Bibliothek nennt. Tausende Flaschen, Bücher, Notizen und Proben verschiedener Böden aus Kalkstein und Ton. Vor zehn Jahren übergab die Ältere das Zepter.

Rund siebenhundert Positionen umfasst die Karte heute. Hundertfünfzig davon kommen aus dem nahe gelegenen Elsass, fünfundfünfzig aus der Champagne, weitere vierzig direkt aus dem Grand Est. Für die tägliche Empfehlung am Tisch hält Mengin die Auswahl bewusst überschaubar. Etwa fünfundzwanzig Weine stehen zur Wahl, die alle zwei Monate wechseln. Ein Côtes de Toul ist immer dabei, meist als Gris de Toul, ein blasser, sanft gepresster Tropfen aus Gamay und Pinot Noir. Ein Glas kostet um die fünf Euro. So nimmt sie den Gästen die Scheu vor dem Experiment.

Im Vins & Tartines gibt der Wein den Ton an, die Küche folgt ihm. Mengin gibt ihrem Mann Jean Baptiste, dem Küchenchef des Hauses, die Richtung vor. Sie bestimmt, wie viel Säure oder Salz ein Gericht verträgt.

Der Name des Hauses geht auf ein pragmatisches Detail des französischen Gastronomierechts zurück. Wer keine reine Bar-Lizenz besitzt, darf Alkohol nur zusammen mit Essen ausschenken. Danielle löste das Problem einst mit warmen Häppchen auf geröstetem Brot, belegt mit Käse, Foie gras oder frischen Jakobsmuscheln. Aus der Not wurde ein Markenzeichen.

An diesem Abend serviert Mengin zum Abschluss eine Tartine mit Géromé, einem kräftigen Käse aus den Vogesen. Dazu gibt sie einen süßen Weißwein ins Glas. Die Kombination von Rotwein und Käse hält sie ohnehin für ein Missverständnis.
Im Glas funkeln nun vor mir zwei regionale Entdeckungen. Zuerst der Chardonnay aus der Meuse, von dem die Gäste aus Marseille glaubten, er könne nur nach Weideland schmecken. Er duftet intensiv nach Pfirsich und Frische. Danach folgt ein Auxerrois, ein Rebsortenname, den ich ein paar Mal unfallfrei aussprechen muss, ehe er flüssig über die Lippen geht (und immer noch nicht beherrsche). In der Nase zeigt er Tiefe, im Mund eine beeindruckende Statur. Mengin verzichtet bewusst auf lange Probierserien.

Für die Weinregion Lothringen hat Mengin ein treffendes Bild. Für sie ist der hiesige Wein ein Dornröschen, das lange geschlafen hat und nun langsam aufwacht. Vor der Reblauskatastrophe gab es hier mehr Reben als im Elsass. An ihrem eigenen Haus arbeitet sie täglich daran, diesen Schlaf zu beenden. In naher Zukunft möchte sie vierzig Weine offen ausschenken und Blindverkostungen aus schwarzen Gläsern anbieten, bei denen keine Farbe den Sinn täuscht. Noch fehlt es an Zeit und Händen, aber der Weg steht fest.

Wer mit ihr im kühlen Gewölbe sitzt, spürt, worauf ihr Handwerk im Kern beruht. Es geht nicht um trockenes Fachwissen, sondern um liebevolle Zuwendung. „Du bist hier kein Kunde“, sagt Clotilde Mengin zum Abschied. „Du bist mein Gast. Genau so möchte ich selbst empfangen werden.“ Am Ende zählt schließlich nur ein entspanntes Lächeln und eine Flasche auf dem Tisch, die ohne ihre feine Führung wohl niemals geöffnet worden wäre.

Info-Service Vins & Tartines

Vins & Tartines
Restaurant et Caviste

25 Bis Rue des Ponts, 54000 Nancy

Oben Weinhandel, unten Verkostung im historischen Gewölbekeller. Rund 700 Positionen auf der Weinkarte, ständig regionale Spezialitäten wie der Côtes de Toul im Ausschank.

Informationen und Reservierung: vins-et-tartines.com


Offenlegung: Dies ist ein journalistischer Artikel, der teilweise durch die Unterstützung mit Destination Nancy entstand. Die Unterstützung hat jedoch keinen Einfluss auf den Inhalt und spiegelt meine eigene Meinung wider. Für den Beitrag habe ich kein Honorar erhalten.

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