Fes in Ton und Geometrie: Wie Keramik und Zellige die Stadt prägen

Wer durch die Medina von Fes streift, kommt an ihnen nicht vorbei: Zellige leuchten an den Fassaden prachtvoller Paläste, zieren kunstvoll gefertigte Tische und verstecken sich in schattigen Innenhöfen historischer Riads. Diese filigranen Mosaike, die sich aus winzigen, glasierten Keramikscherben zu Sternen, Blüten oder strengen Mustern fügen, sind in Fes allgegenwärtig. Doch wie viel Arbeit und Tradition in diesen Mustern steckt, versteht man erst, wenn man den Handwerkern über die Schulter schaut – oder im Workshop selbst versucht, aus kleinen Tonstückchen ein stimmiges Ornament zu legen.

Warum Fes eines der Zentren marokkanischer Handwerkskunst ist

Fast 40 Prozent aller historischen Schätze Marokkos befinden sich in der Region Fes-Meknes. Die UNESCO nahm die Altstadt von Fes 1981 in die Liste des Kulturerbes auf. Einen wesentlichen Teil dieser Geschichte bildet die Kunst der Zellige-Mosaike. Ihre Wurzeln reichen bis ins 9. Jahrhundert zurück. Damals suchten andalusische Familien aus Cordoba sowie Granada Zuflucht in Fes. Sie entkamen politischen Unruhen sowie religiöser Unterdrückung und führten ihre handwerklichen Techniken in Marokko ein. Traditionelle Werkstätten außerhalb der Medina erlauben Einblicke in die Entstehung dieser Werke. Genau wie vor vielen Jahrhunderten bilden lokaler Ton und natürliche Farbpigmente die Basis für die prachtvollen Muster.

Im Atelier von Fes

Im Viertel Ain Nokbi befindet sich die Kooperative Art Naji. Hier wird die traditionelle Fes-Keramik und die Kunst des Zellij noch genauso hergestellt wie vor Jahrhunderten. In der weitläufigen Werkstatt kann man die einzelnen Produktionsschritte aus nächster Nähe mitverfolgen. Die Handwerker zeigen das Töpfern an der Scheibe, das feine Glasieren und Bemalen der Keramiken sowie das millimetergenaue Zuschneiden der Mosaiksteine.

Hier wird noch alles von Hand gemacht. Der Ton wird zunächst in Wasser eingeweicht und über Tage hinweg weich geknetet. Mit Händen und Füßen wird die Masse so lange bearbeitet, bis sie vollkommen geschmeidig ist und keine Luftblasen mehr enthält. Erst danach kommt sie auf die Töpferscheibe, die hier noch traditionell mit dem Fuß angetrieben wird. Es ist faszinierend zu beobachten, wie durch geübte Handgriffe in kürzester Zeit eine Schale oder eine Tajine entsteht. Bevor ein Stück in den Ofen darf, muss es im Schatten langsam trocknen, da der Ton sonst reißen würde. Erst wenn die Kanten geglättet und Unebenheiten abgeschliffen sind, folgt der erste Brand. Im Atelier Art Naji werden die Öfen wie früher mit zerkleinerten Olivenkernen befeuert, da diese eine besonders konstante Hitze abgeben. Nach diesem ersten Schritt folgen die weiße Glasur und die feinen Dekore aus Linien, Blättern und Sternen. Mit schmalen Pinseln tragen die Handwerker die Ornamente auf. Was bei den Profis nach spielerischer Leichtigkeit aussieht, erweist sich beim späteren Eigenversuch als echte Herausforderung.

In der Werkstatt wird erläutert, dass die Motive aus drei Kulturkreisen stammen: aus berberischen Formen, arabisch-islamischer Geometrie und Kalligrafie sowie aus jüdischer Symbolik. Dabei tauchen Sterne, Linien, Blätter und Schriftzüge immer wieder auf. Auch die Farben werden nach überlieferter Tradition hergestellt. Die Handwerker verwenden natürliche Pigmente, die in Wasser angerührt werden. Als Basis dienen Eisen, Kupfer, Bronze, Mangan und Kobalt. Vor allem das Kobalt sorgt für das berühmte Blau von Fes. Vor dem Brand wirken die Farben noch stumpf und unscheinbar, doch im Ofen entfalten sie schließlich ihre volle, leuchtende Tiefe.

Parallel dazu entstehen im selben Atelier die Bausteine der Zellige-Mosaike. Die Handwerker schlagen aus glasierten Fliesen mit Hammer und Meißel kleine Formen wie Sterne, Rauten, Dreiecke und Bögen heraus. Sie sitzen dafür auf dem Boden und stützen das Werkzeug auf dem Bein ab. Zunächst werden die Konturen grob herausgetrennt, dann übernimmt ein zweiter Spezialist und bringt die Teile auf Maß. Alles, was nicht exakt passt, rächt sich später im Muster. Es ist beeindruckend zu sehen, wie mit geübten Hammerschlägen winzige Keramikteile entstehen, die wie ein Puzzle später perfekt zueinanderpassen.

Das Besondere an der Technik der Zellige-Mosaike ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Die später glänzende glasierte Seite liegt beim Arbeiten nämlich unten. Der Handwerker arbeitet also fast blind auf das fertige Bild hin. Vor sich hat er nicht das prachtvolle Ornament für eine Wand oder einen Brunnen, sondern nur die Rückseiten der vielen Einzelteile. Er setzt Form an Form und achtet dabei genau auf Abstände und Richtungen, ohne das eigentliche Ergebnis vor Augen zu haben. Erst wenn alles perfekt sitzt, wird das Feld fixiert und umgedreht. Erst in diesem Moment zeigt sich, ob die Linien stimmen, ob Sterne und Blüten sauber aufgehen und ob die Farben richtig gewählt sind. Das fertige Ornament entsteht durch jahrelange Erfahrung im Kopf des Handwerkers, lange bevor es für andere sichtbar wird.

Was die Hände lernen: Ein Selbstversuch in Demut

Das Zuschauen macht Lust auf mehr. In einem GetYourGuide-Workshop bei Art D’Argile wechsle ich deshalb die Seite. Mit einem Glas Pfefferminztee nehme ich Platz, vor mir unzählige Schalen mit Keramiksplittern. Auch wenn diese farblich sortiert sind, beschleichen mich schnell erste Zweifel: Wie zum Teufel soll ich daraus ein Ornament formen? Plötzlich ist Zellige kein bewundertes Kunstwerk mehr, sondern ein verdammt kompliziertes Geduldsspiel.

Die Teile passen natürlich nicht einfach zusammen. Wie bei einem Tetris-Match schiebe ich die filigranen Keramikstücke in meiner Schablone hin und her. Es dauert keine fünf Minuten, bis mein Respekt vor den sieben Lehrjahren eines Meisters enorm wächst. Was anfangs wie eine überschaubare Aufgabe wirkte, bei der man bloß ein paar Teile legt und schon das fertige Ornament vor sich hat, entpuppt sich schnell als anspruchsvolles Gedächtnistraining für Fortgeschrittene. Man arbeitet gewissermaßen blind, da man die eigentliche Vorderseite beim Legen gar nicht sieht. Und wehe, man legt die Stücke zu eng! Es braucht diese minimalen Zwischenräume für die Fugenmasse, die später alles zusammenhält.

Erst beim Umdrehen folgt der große Moment der Wahrheit. Und was soll ich sagen? Für mich ist es natürlich die schönste Fliese der Welt geworden. Die Farbfehler? Reine Absicht, eine künstlerische Besonderheit, wenn man so will. Stolz präsentieren wir uns gegenseitig unsere Werke. Plötzlich fühle ich mich wieder wie vier Jahre alt, als ich meiner Mutter mit geschwellter Brust ein selbstgemaltes Bild überreichte und sie mit glänzenden Augen mein Talent feierte. Im Gegensatz zu mir war meine Mutter zwar handwerklich sehr begabt, aber ich bin mir sicher: Mein marokkanisches Eigenbau-Modell hätte sie heute genauso bejubelt wie damals.

Beim Bemalen meiner Tasse folgte sogleich die nächste Lektion. Was bei den Profis wie ein müheloser Fluss wirkt, fühlte sich in meinen Händen eher wie ein Kampf gegen die Gesetze der Physik an. Eigentlich ist es wie ein Ausmalbild, denn die schwarzen Konturen sind auf unserem Übungsstück bereits vorgegeben. Man kann diese Linien jedoch auch ignorieren oder sie wie ich mit zitternden Händen großzügig übermalen. Zum Glück entdecke ich eine schwarze Farbe, mit der man die Konturen nach dem Ausmalen theoretisch wieder in Form bringen könnte. Zumindest habe ich es redlich versucht.

Ich bin schon sehr gespannt, wie die Tasse nach dem zweiten Brand aus dem Ofen kommen wird. Da unser Wochenende in Fes nicht ausreicht, um den gesamten Brennvorgang abzuwarten, werden uns unsere Kunstwerke netterweise nach Hause geschickt. Stattdessen gehen wir nun im Laden des Ateliers einkaufen. Plötzlich hat sich meine Sicht auf dieses Kunsthandwerk komplett verändert. Wenn man einmal miterlebt hat, wie aus einfachem Ton Gefäße entstehen, wie Farben erst im Feuer ihre wahre Kraft entfalten und wie ein Mosaik von der Rückseite her wächst, entwickelt man eine ganz neue Ehrfurcht vor dieser Arbeit.

Auch die Stadt sieht man danach mit anderen Augen. Die Ornamente in den Riads und die Mosaike an den historischen Bauten sind nicht mehr einfach nur selbstverständlich. Sie erzählen plötzlich Geschichten von Zeit, Material, Erfahrung und einer außergewöhnlichen Kunstfertigkeit. Mein Tipp: Bei einer Städtereise nach Fes unbedingt neben einer Werkstattführung auch selbst kreativ werden. Das schenkt eine völlig neue Perspektive auf die Kultur und die Einzigartigkeit dieser UNESCO-Stadt.

Ein Blick hinter die Kulissen: Weitere Augenblicke zwischen Ton und Mosaik aus Fes


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