In der Normandie auf den Spuren von Richard Löwenherz

Château Gaillard, Les Andelys, Petit Andely, Normandie, Eure

Unenglischer geht es kaum: Richard Löwenherz ist wohl der bekannteste König von England, doch sein Herz gehörte Frankreich. Wenn er sich nicht in Schlachten herumschlug, genoss er vor allem die Normandie. Entlang der Seine kann man auf seinen Spuren wandeln und sagenhafte Urlaubsmomente erleben:

Kurzer Ausflug in den Geschichtsunterricht: Richard Löwenherz schon zu Lebzeiten eine Legende

Richard Löwenherz war einer der auffallendsten und überragendsten Herrscher des Mittelalters. Sein Leben hätte in keinem Ritterroman besser geschrieben oder verfilmt werden können. Er ging auf Kreuzfahrten, war Abenteuer, stellte sich den Schlachtfeldern und genoss sein Zuhause mit höfischer Kultur. Richard Löwenherz war schon zur Lebzeiten eine Legende. Leidenschaftlichkeit, Edelmut und Ritterlichkeit sagt man ihm nach.
Den Beinamen „Löwenherz“ verlieh man ihm nicht, weil er ein großes Herz hatte, sondern weil er als legendärer Feldherr tapfer und durchaus brutal seine Schlachten schlug.
Seine Kindheit und Jugend verbrachte er primär in Aquitanien am Hof seiner Mutter. Aquitanien war damals einer der reichsten Regionen von Frankreich. Kultur wie Musik, Dichtung und Malerei hatte dort einen sehr hohen Stellenwert. Gegen seinen Vater lehnte er sich viele Jahre auf, bis er nach seinem Tod 1189 zum König von England gekrönt wurde. Durch seinen Besitz großer Ländereien in England und Frankreich wurde er damit zum mächtigsten Herrscher Europas, mächtiger als der König von Frankreich. Konflikte waren quasi damit vorprogrammiert.
In einer Schlacht wurde Richard Löwenherz unglücklich verwundet und starb am darauf folgenden Wundbrand auf der Höhe seiner „Karriere“. Bis heute gilt Richard als populärster König Englands, dabei verbrachte er sein Leben hauptsächlich in der Normandie und im Südwesten Frankreichs. England sicherte für ihn primär das Einkommen. Richard Löwenherz war ein unenglischer Engländer. Sein Herz schlug für die Normandie und Aquitanien, er sprach noch nicht einmal die englische Sprache.

Château Gaillard, Les Andelys, Petit Andely, Normandie, Eure

Richard Löwenherz Château Gaillard thront über den kleinen Ort Les Andelys

Altes Fachwerk findet sich viel in Petit Les Andely

Château Gaillard – eine der beeindruckendsten Burgruinen des Mittelalter

100 km von Paris entfernt ließ Richard Löwenherz in Les Andelys auf einem Kalkfelsen das Château Gaillard im 12. Jahrhundert errichten. Es diente als Verteidigungsanlage gegen den französischen König Philipp August II. Die Straßen nach Rouen und die Schifffahrt auf der Seine sollte von hier aus kontrolliert werden. In einer Rekordzeit von zwei Jahren wurde das Château erbaut. Mit zwei Ringmauern gehörte sie schon damals zu den eindrucksvollsten Burgen ihrer Zeit und galt als uneinnehmbar.

Château Gaillard, Les Andelys, Petit Andely, Normandie, Eure

Château Gaillard ist in Rekordzeit von zwei Jahren erbaut worden

Château Gaillard, Les Andelys, Petit Andely, Normandie, Eure

Auf dem Kreideplateau eine der wenigen Schattenspender

Bevor ich Les Andelys erreiche, biege ich zwischen Flachsfeldern und Klatschmohnwiesen links ab. Oberhalb der Burg auf einen weiteren Kreidefelsen kann man über der Burg parken und hat einen phantastischen Ausblick auf die Château Gaillard, Les Andelys und das Seinetal. Bei meinem ersten Besuch war das Areal voll von Besuchern, heute parke ich alleine ein. Auf der Anhöhe weht ein angenehmer Wind. Die Sonne scheint intensiv und ich setze mich unter dem Baum auf der Wiese. Der Anblick ist beeindruckend. Selten habe ich so eine riesige Burg gesehen. Der Standpunkt von Löwenherz Burg war nicht nur strategisch gut gewählt, sondern auch in eine malerische Landschaft platziert. Vor mir liegt Château Gaillard, die Seine schlängelt sich im Tal. Der Ausblick ist weitläufig. Unter mir blicke ich auf Petit Andely. Hier würde ich gern ein B&B mit Café aufmachen, ein malerischer Ort.

Château Gaillard, Les Andelys, Petit Andely, Normandie, Eure

Das Burgareal ist riesig

Weitläufige Landschaft

Château Gaillard, Les Andelys, Petit Andely, Normandie, Eure

Das Château Gaillard hatte zwei Ringmauern

Château Gaillard, Les Andelys, Petit Andely, Normandie, Eure

Zu Fuße des Châteaus liegt Les Andleys

Château Gaillard, Les Andelys, Petit Andely, Normandie, Eure

Die Kreidefelsen an der Seine sind typisch die die normannische Region in Eure

Am Fuße des Château Gaillards gibt es einen weiteren Parkplatz. Hier ist auch der Eingang zur Ruine. Bei der Hitze habe ich den für mich steilen Aufstieg unterschätzt. Getränke und die Möglichkeit zur Toilette gibt es nur beim oberen Aussichtsparkplatz oder im tiefer gelegenen Ort Les Andelys. Nach persönlichem Geschmack lässt sich die Burg in Ruhe oder bei einem Festival oder einer der zahlreichen Veranstaltungen auskundschaften. Ein Besuch lohnt auf jeden Fall.

Eure, Normandie, Pont-de-l'Arche

Die Stadt Pont-de-l’Arche hatte im Mittelalter eine wichtige militärische Rolle

Eure, Normandie, Pont-de-l'Arche

Diese Kirche stammt allerdings aus dem 16. Jahrhundert, doch auch Richard Löwenherz ließ in Pont-de-l’Arche ein wichtiges Bauwerk errichten.

Ein Prachtstück des Mittelalters: Das Zisterzienserkloster Abbaye de Bonport

In der Normandie, vor allem im Department Eure, gibt es viele Klöster. Neben dem Château Gaillards kann man in der Abtei de Bonport auf Löwenherz Spuren wandeln und die Geschichte wieder lebendig werden lassen. Der Überlieferung nach war der einstige König von England und Herzog der Normandie auf halben Weg zwischen Louviers und Rouen beinahe in der Seine ertrunken. Der Nichtschwimmer schwor, wenn er lebend das andere Ufer der Seine erreiche, er an dieser Stelle oberhalb der Seine bei Pont-de-l’Arche zum Dank ein Mönchskloster gründen würde. 1189 entstand so Abbaye de Bonport. „Bon port“ steht im Französischen für „andere Seite“. Wie das Château Gaillard war der Ort der Abtei de Bonport strategisch aus politischen und ökonomischen Gründen gut gewählt. Das Kloster ist bis heute gut erhalten geblieben, auch wenn es während des Hundertjährigen Krieges stark gelitten hat.

Pont-de-l'Arche, Abbaye de Bonport, Richard Löwenherz, Normandie, Eure

Die Zufahrt zum Kloster Bonport gleicht einer Einfahrt zum Schloss

Pont-de-l'Arche, Abbaye de Bonport, Richard Löwenherz, Normandie, Eure

Die Abbaye de Bonport ist bis heute gut erhalten

Ich bekomme eine interessante Führung. Wir laufen die Außenmauern ab und ich bekomme ein Gefühl dafür, wo welche Mauern standen und welchen Ablauf das Mönchsleben damals gehabt haben muss. Die Kirche wurde 1224 erbaut, leider 1791 zerstört. Nur noch das Fundament der Säulen lassen die Ausmaße erahnen. Anschaulich und mit viel Liebe zum Detail und zur Geschichte erfahre von Madame Delimbeuf viel Wissenswertes vergangener Zeiten.

Pont-de-l'Arche, Abbaye de Bonport, Richard Löwenherz, Normandie, Eure

Auf diesem Grün stand einst die Kirche von 1224

Pont-de-l'Arche, Abbaye de Bonport, Richard Löwenherz, Normandie, Eure

Säulenfundamente zeigen den ehemaligen Raum der alten Kirche an

Wenn man genau schaut, sieht man den Anbau der Kirche ans Kloster heute noch

Pont-de-l'Arche, Abbaye de Bonport, Richard Löwenherz, Normandie, Eure

Früher zeigten diese Fenster vom Kloster in den Kapitelsaal.

Pont-de-l'Arche, Abbaye de Bonport, Richard Löwenherz, Normandie, Eure

Heute ist es die Außenmauer, früher gehörte sie zum Kreuzgang.

Pont-de-l'Arche, Abbaye de Bonport, Richard Löwenherz, Normandie, Eure

Ruine und gut erhaltene Räume – in Abbaye de Bonport ist beides erhalten

Der Kapitelsaal ist der Eingangsbereich des Klosters und war damals neben der Kirche eines der wichtigsten Räume der Gemeinde. Hier lasen und diskutierten der Abt mit seinen Mönchen. Es ging um das alltägliche Leben, aber auch Sünden, die öffentlich gebeichtet wurden.

Pont-de-l'Arche, Abbaye de Bonport, Richard Löwenherz, Normandie, Eure

Blick aus dem Kapitelsaal

Pont-de-l'Arche, Abbaye de Bonport, Richard Löwenherz, Normandie, Eure

Das alte Gemäuer hat Charme und zieht mich in seinen Bann

Pont-de-l'Arche, Abbaye de Bonport, Richard Löwenherz, Normandie, Eure

Einfach, aber schmuckvoll

Pont-de-l'Arche, Abbaye de Bonport, Richard Löwenherz, Normandie, Eure

Es wirft ein angenehmes, warmes Licht

Pont-de-l'Arche, Abbaye de Bonport, Richard Löwenherz, Normandie, Eure

Löwenherz hat ein prachtvolles Kloster errichtet

Besonders eindrucksvoll ist das riesige ehemalige Refektorium (der Speisesaal) des 1791 säkularisierten Klosters, welches heute für Ausstellungen genutzt wird. Der Raum hat für mich ein Stück Harry-Potter-Charme. Spektakulär ist der Raum mit Kreuzrippengewölben gestaltet. Eindrucksvoll ist das Längsfenster an der Nordseite. Ein steinender Schrank ist noch erhalten geblieben.

Pont-de-l'Arche, Abbaye de Bonport, Richard Löwenherz, Normandie, Eure

Eingang zum Speisesaal

Pont-de-l'Arche, Abbaye de Bonport, Richard Löwenherz, Normandie, Eure

Mystisch wirkt der Saal auf mich

Pont-de-l'Arche, Abbaye de Bonport, Richard Löwenherz, Normandie, Eure

Treppenaufgang des Speisesaals

Pont-de-l'Arche, Abbaye de Bonport, Richard Löwenherz, Normandie, Eure

Das Fenster zur Nordseite mit Kleeblättern und Rose verziert, wie es zur damaligen Zeit in der Normandie üblich war

Catherine Delimbeuf ist geduldig mit mir. Ich darf alles fragen, mein Nichtwissen auffüllen und überall habe ich ausreichend Zeit zu fotografieren. Ich mag den morbiden Charme, die Steine, die so viel Geschichte zu erzählen haben. Ich blicke zur Uhr, muss heute leider meinen Flieger wieder nach Hause erreichen. Aber dieser Ort ist so außergewöhnlich, dass ich noch weiter über das Anwesen flaniere. Alte Steine sprechen Geschichte. Ehrfürchtig lasse ich meine Finger über das spröde Gestein gleiten.

Pont-de-l'Arche, Abbaye de Bonport, Richard Löwenherz, Normandie, Eure

Alte Steine sprechen Geschichte. Ehrfürchtig lasse ich meine Finger über das spröde Gestein gleiten.

Pont-de-l'Arche, Abbaye de Bonport, Richard Löwenherz, Normandie, Eure

Die Nordseite und der Speisesaal von außen

Wenn es zeitlich in Euren Besuch passt, bucht eine Führung. Ich habe das Glück, mit Madame Delimbeuf die Anlage zu erkunden. Geschichte wird erlebbar, als ob gestern hier noch Mönche gelebt hätten. Der Rundgang ist eine Mischung aus intakten Räumen und morbidem Lost Place mit besonderem Charme. Die Abtei bietet noch viele Schätze, die nach und nach renoviert und restauriert werden sollen. Einen Besuch solltet Ihr Euch nicht entgehen lassen!

Pont-de-l'Arche, Abbaye de Bonport, Richard Löwenherz, Normandie, Eure

Pont-de-l'Arche, Abbaye de Bonport, Richard Löwenherz, Normandie, Eure

Übernachtungstipp: Manoir Le Clos Bonport in Léry

Nicht weit vom Abbaye de Bonport entfernt 18 km von Rouen liegt in Léry im Tal der Seine und Eure ein ganz besonderes Bed & Breakfast. Im Manoir Le Clos Bonport kann man in historischen Gemäuern übernachten. Nicht ganz zu Löwenharts Zeiten, sondern im frühen 15. Jahrhundert bauten sich Mönche in Léry eine Bleibe. Sie kamen aus dem Kloster de Bonport und schufen sich hier eine weitere Niederlassung. Sie legten eine Scheune und ein Herrenhaus an, welche beide bis heute noch erhalten geblieben sind. Réjane hat sich im Herrenhaus einen Traum mit einem charmanten Gites de France verwirklicht. 

Le Clos Bonport, eure, Normandie, Léry

Durch die Toreinfahrt geht es zum B&B Le Clos Bonport

Le Clos Bonport, eure, Normandie, Léry

Ein Blumenmeer umgibt das Herrenhaus

Le Clos Bonport, eure, Normandie, Léry

Die Katze wartet auf mich beim Empfang

Le Clos Bonport, eure, Normandie, Léry

Auch die benachbarte Scheune sieht gemütlich aus. Hier wohnen die Kinder und Enkel der Inhaberin

Le Clos Bonport, eure, Normandie, Léry

Im 15. Jahrhundert haben sich Mönche aus Abbaye de Bonport hier niedergelassen

Erst fahre ich an der Toreinfahrt vorbei. Etwas versteckt liegt der Eingang. Durchfährt man das Tor, umgibt einen sogleich ein Flair vergangener Zeiten. Die Hauskatze hat es sich zum Empfang beim Eingang gemütlich gemacht. Der Wind raschelt sanft an den Sommerblumen. Im Haus aus dem 15. Jahrhundert hat bis heute Spuren hinterlassen. Vieles vom Inventar stammt aus alten Zeiten. Im Aufenthaltsraum sind noch die alten Kirchenfenster erhalten. Es ist wohnlich und Réjane empfängt mich, als ob ich zu Freunden nach Hause einkehre. 

Le Clos Bonport, eure, Normandie, Léry

Beeindruckend ist das B&B im alten Herrenhaus

Die Zimmer sind einfach aber mit Flair. Über die große Holztreppe erreiche ich mein Zimmer. Dusche und Toilette sind im gegenüberliegenden Raum, wobei das WC – kein Witz – im Schrank versteckt ist.

Réjane kocht gern und Ihr solltet bei Eurem Besuch unbedingt ein Abendessen dazu buchen. Während sie unser Abendessen zubereitet, flaniere ich etwas durch den Garten. Neben der Hauskatze wohnen mit Réjane Hühner hier, die wie selbstverständlich mit uns auf der Traumterrasse Platz nehmen. Hinter einem Meer aus Blumen liegt ein Pool und ich Depp habe meinen Badeanzug vergessen – obwohl nackig schwimmen ginge auch, ermuntert mich Réjane.

Le Clos Bonport, eure, Normandie, Léry

Hinter dem Blumenmeer liegt einladend ein Pool

Unser Abendessen starten wir stilecht mit einem 51er Pastis. Wir setzen uns zusammen auf die Terrasse und genießen mit einer Zigarette das französische Leben. Réjane (ich darf Euch eigentlich nicht verraten, dass sie 73 ist) hat beruflich schon viel in ihrem Leben von der Welt gesehen, aber hier hat sie sich ein außergewöhnliches Zuhause geschaffen. Das Manoir Le Clos Bonport ist bei Stammgästen sehr beliebt und ich kann verstehen, dass, wenn man einmal hier war, immer wieder gern wiederkommen möchte. Réjane mag Gäste und da sie allein lebt, ist das B&B für sie eine besondere Herzensangelegenheit. Ihr Sohn wohnt mit ihren Enkelkindern in der malerisch benachbarten Scheune. Wir plaudern und die Hausherrin verwöhnt mich mit einem köstlichen Menü – ein absolut schöner Platz zum Übernachten und Verweilen!

Offenlegung: Meine Reise wurde unterstützt vom normannischen Tourismusverband und Atout France. Die Reise war ein Projekt innerhalb der Aktion #meineNormandieHerzlichen Dank dafür. Meine Meinung im Blogbericht bleibt davon unbeeinflusst. 

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4 Kommentare

  1. Da möchte man gleich bleiben! Toll! Und dass Richard Löwenherz nicht einmal Englisch sprach, habe ich auch nicht gewusst! So was aber auch :)
    Habe Lust auf Frankreich bekommen! Liebe Grüße, Jutta

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