Vom Weltreisenden zum Appentwickler – Interview mit Selfmademan Michael Müller

Vom Weltreisenden zum Appentwickler - Interview mit Selfmademan Michael Müller

„Eigentlich wollte ich die große Freiheit und nicht Verleger werden“, höre ich Michael Müller sagen und sehe förmlich durchs Telefon, wie er seinen Gedanken nachhängt. Der Pionier des Individualreiseführers blickt auf eine erfolgreiche 40-jährige Firmengeschichte zurück – und hat uns mit guten Autoren besondere Reiseführer beschert. Im Interview verrät er mir, wohin sich eine Reiseliebe entwickeln kann und wie es auf dem Reiseführermarkt weitergeht. 

Vom Weltreisenden zum Appentwickler - Interview mit Selfmademan Michael Müller

Schon immer liebte Michael Müller das Reisen

Aus dem Michael Müller Verlag in Erlangen kommen Reiseführer aus der ganzen Welt. Wie hat damals alles angefangen?

Mit 21 zog es mich nach Südamerika. Das Reiseabenteuer lockte, ich wollte ein Weltenbummler sein. Der Plan? Ehrlich gesagt hatte ich keinen … In Südamerika habe ich zufällig Martin Velbinger kennengelernt, ein damals schon bekannter Reisebuchautor. Und wie es eben so ist, mit Zufällen: Sie können das Leben verändern. Sein Markenzeichen waren gezeichnete Karten und Karikaturen. Lustige Geschichten der Reise steuerte ich bei. So entstand damals der erste gemeinsame Reiseführer unter seinem Namen.

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Der Selfmademan auf Reisen

Wie kam es zum ersten eigenen Reiseführer?

Der 1. Reiseführer des Verlags inzwischen in der 22. Auflage

Gemeinsam mit Velbinger entdeckte ich Chile und Argentinien. Dann trennten sich unsere Wege, und ich kehrte zurück nach Erlangen. Ich wollte selbst einen Reiseführer herausgeben. Spanisch konnte ich ganz gut, und so zog es mich nach Portugal. Nach gut drei Monaten Recherche mit Rucksack und per Anhalter hatte ich ausreichend Reisegeschichten und Wissenswertes im Gepäck. Das heimische Wohnzimmer in Erlangen wurde nach der Reise meine Schreibstube und mein Verlagsbüro – das waren andere Zeiten! Einen Reiseführer vor vierzig Jahren zu erstellen, war wirklich eine Heidenarbeit. Wir malten Überschriften, kopierten Grafiken ein, fertigten ein Klebelayout wie bei Schülerzeitungen. Die erste Auflage war 110 Seiten stark. Schließlich kümmerten wir uns um den Direktvertrieb der 1.000 gedruckten Exemplare in ganz Deutschland. Ausgerechnet in Hamburg kaufte mir fränkische Provinzpflanze die heute noch existierende Buchhandlung Dr. Götze damals stolze 50 Exemplare ab. Den Portugalreiseführer gibt es übrigens immer noch: In der 22. Auflage füllen ihn inzwischen rund 800 Seiten.

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Michael Müller in seinem „Wohnbüro“ und bei der Erstellung des ersten Reiseführers aus dem Michael Müller Verlag

Was ist das Besondere an Reiseführern aus dem Michael Müller Verlag? 

Das selbst erlebte und sorgfältig recherchierte Material lesenswert und sauber strukturiert „zu Papier“ zu bringen. Ebenso, und das war neu damals, die viele veränderungsanfälligen Informationen wie Öffnungszeiten und Preise beizupacken, mit dem Anspruch dies alle zwei Jahre neu zu machen. Das brachte diesem Genre von Reiseführern einen bis dahin nicht bekannten Nutzwert – und eine erste Fangemeinde in der Backpacker-Generation.

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Michael Müller geht mit der Zeit

Wohin wird der Weg gehen? Sie gestalten zu Ihren gedruckten Reiseführern und E-Books auch Apps. Wie un­ter­schei­det sich die Web-App von der kos­ten­pflich­ti­gen App eines Städ­te­füh­rers?

In der Web-App (mmtravel.com – abrufbar vom Handy oder mobilen Endgerät), die für jedermann kostenlos ist, werden die im Reiseführer ausführlich besprochenen Orte nur kurz erklärt, aber geographisch korrekt auf einer Google-Karte verortet. Außerdem haben wir einen Extra-Nutzen, der in einem gedruckten Reiseführer nicht möglich ist: Alle Örtlichkeiten sind mit einer Vielzahl von Attributen versehen. So kann sich der Reisende – sehr schnell – seine für ihn interessanten Themen herausfiltern.

Bei der kostenpflichtigen App ist das komplette E-Book dabei! Zusätzlich sind alle Features (z. B. Texte und Karten) ohne (!) Mobilfunkanbindung möglich. Unabhängig vom in Europa meist kostenlosen Roaming ist eine solche Funktion gerade bei den Wanderführer-Apps unabdingbar. Schließlich ist man oft in vom Mobilfunk abgeschatteten Bereichen unterwegs.

„Fragen-Quickie“ – Etwas Persönliches zum Schluss:

Das liebstes Reiseziel?

Vermutlich Portugal, das Land war für mich schon immer eine Reise in die Vergangenheit. Gerade Lissabon ist ein nostalgischer Zeitsprung zurück.

Die ideale Reiselektüre?

Ab und an eine gedruckte deutsche Tageszeitung und die regionalen Blätter, in denen sich die aktuellen lokalen Themen zeigen.

Das lustigste Reiseerlebnis?

Bei meiner ersten Südamerikareise in Quito angekommen und in einem Restaurant Kaffee bestellt. Es kam eine Tasse mit heißem Wasser und der Fingerzeig zu einer kleinen gläsernen Karaffe, die bereits auf dem Tisch stand. Toll, dachte ich mir, eine ganze Karaffe. Ich füllte also das Glas mit der dicken schwarzen Flüssigkeit auf und schenkte beim Trinken immer noch ein Quäntchen der Kaffeeessenz nach, bis die Karaffe leer war. Beim Aufstehen drehte sich alles, das Kaffeekonzentrat und die 3000 Höhenmeter waren für meinen Körper etwas zu viel des Guten …

Was nervt auf Reisen?

Ein Hotel, das einem den Schlaf raubt. Ich war letzte Woche in Wien und der Wind ließ das Blechdach gewaltig wummern. Meist ist es Lärm – einmal in Marseille schleppte ich die Matratze ins Badezimmer, um vor dem Verkehrslärm zu fliehen, in Südamerika haben die Bettwanzen vampirgleich mein Blut gesaugt …

Welches Essen hat dich begeistert?

Eindeutig Sapateiras, diese großen Taschenkrebse, die man mit Hammer und „chirurgischem“ Besteck ausgerüstet am Tisch verzehrt. Das war absolut neu für mich, als ich das erste Mal Portugal bereiste.

Welches Reiseziel steht noch auf der Liste?

Es sind noch einige. Bis heute habe ich Japan noch nicht bereist. Aber auch Länder, in denen ich einmal länger wohnte (Neuseeland, Ecuador), möchte ich bald wieder besuchen.

Michael Müller ist gern in Portugal und Lissabon

Danke für das Interview! Weiterhin tolle Reisen und uns viele schöne Reiseberichte von individuellen Reisen.

 

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