Papiermühle Alte Dombach: Industriekultur im Grünen mit Spaßfaktor

Gebt es zu: Ihr habt wie ich auch so gern als Kind die Sendung mit der Maus gesehen oder Peter Lustig mit seiner Sendung Löwenzahn. Die Welt entdecken, neugierig hinter die Kulissen schauen, verstehen, wie was funktioniert. Die Neugierde ist nicht verloren gegangen und auf Reisen oder vor der Heimattüre besuche ich gern Museen mit Erlebnisfaktor. Nichts langweilt mich mehr als ein Museum, wo ich endlose Texte lesen muss und Exponate lieblos aneinandergereiht sind. Ich will ausprobieren, selbst erleben, selbst erfahren und genau so ein Ausflugsziel finden Ihr in Bergisch Gladbach in der Papiermühle Alte Dombach.

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Stoff genug für einen ganzen Ausflugstag

Für einen Besuch im Rheinischen Industriemuseum kann man gut einen ganzen Tag einplanen. Damit meine ich nicht die Parkplatzsuche, die sich an meinem Sonntagsbesuch etwas schwierig gestaltet. Einige Parkplätze sind direkt an der Mühle und auf einem Hügel gelegen, danach sieht es aber auch schon mau aus. Mit Regen als ständiger Frühjahrsbegleiter hatte ich keine Lust weiter weg zu parken, ist aber machbar. Während ich noch überlege, ob ich meinen Ausflug verschieben soll, fährt ein Auto aus der Parklücke. Glück gehabt.
Das Gelände der alten Papierfabrik umfasst einen Maschinenraum in einer alten Fabrikhalle, einen interessanten Pflanzenweg, einen Schaugarten, ein Café im gemütlichen Fachwerkhaus, ein kleines Arbeiterwohnhaus, einen Themenspielplatz, natürlich einen Museumsshop und das Hauptmühlengebäude mit dem Kernstück des Museums. Zudem lohnt ein Spaziergang über das Freigelände, da gibt es noch mehr Werkzeuge zu bewundern.

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Ich lasse aus Zeitgründen die Maschinenhalle links liegen, kann mir aber nicht nehmen, einen Blick durch die Scheiben zu werfen. Spannend sieht das Industriewerk aus. Aber mit Blick auf die Uhr zum Nachmittag muss ich leider diesen Museumsteil und auch das Café auslassen. Letzteres bedauere ich doppelt, weil es in einem schönen, alten Fachwerkhaus gelegen ist.

Papiermühle Alte Dombach LVR Museum bergisch Gladbach

Dem Papier auf der Spur

Das Museum in der Alten Dombachmühle dreht sich um die Geschichte der Herstellung und Bedeutung von Papier. Auf dem Weg von der Maschinenhalle Richtung Mühle begegnen mir eine Reihe von kunstvoll im Grün präsentierten Maschinen. Mir fallen einige Beete am Wegesrand auf. Beim Nähertreten entdecke ich Schilder. Alle Beetpflanzen haben etwas mit Papier zu tun. Der Flachs wächst zaghaft. In der Normandie habe ich ganze Felder blühen sehen – ein herrlicher Anblick. Auf dem Blumenbeetweg zur Papiermühle informieren Steckbriefe zur heutigen und damaligen Bedeutung der Gewächse. Bis 1850 war Flachs beispielsweise der wichtigste Rohstoff für Papiermühlen.

Papiermühle Alte Dombach LVR Museum bergisch Gladbach

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Schon mal über die Entwicklung des Papierverbrauchs nachgedacht?

Ich hab mir bisher nicht wirklich Gedanken über den Papierverbrauch gemacht – jedenfalls nicht so in die Tiefe gehend, wie der erste Teil der Ausstellung die Fakten anschaulich und beispielhaft es vermittelt. Klar verschwende ich nach Möglichkeit kein Papier und auch Verpackungen beim Einkaufen versuche ich zu vermeiden, ärgere mich zunehmend über den Verpackungswahn. Aber wusstet Ihr, dass jeder Mensch in Deutschland pro Jahr über 250 kg Papier verbraucht und davon allein 100 kg auf Verpackungen geht? Für diese 250 kg werden allein 4.000 Liter Wasser und über 130 kg Bäume benötigt.
Der Papierverbrauch zwischen 1800 und 1997 stieg in Deutschland von 0,5 Kilogramm auf 192 Kilogramm pro Kopf im Jahr an. Dieser enorme Anstieg ist der rote Faden durch die Museumsmühle. Papier startet als Luxusgut und wandelt sich mit den Jahren als Alltagsprodukt. Einst handwerklich hergestellt, folgt mit zunehmenden Bedarf schnell die industrielle Fertigung. Der rote Faden führt auch vorbei an den Folgen und Ausmaß des Papierverbrauchs für die Umwelt.

Retro-Toilettenpapier im Museum der Papiermühle Alte Dombach

Retro-Toilettenpapier im Museum der Papiermühle Alte Dombach

Im Museum Alte Dombach werden dem Besucher nicht nackte Zahlen um die Ohren geknallt, sondern faszinierend in Szene gesetzt. Widmen wir uns beispielsweise dem Toilettenpapier: Erst seit 1870 gibt es industriell hergestelltes Toilettenpapier von der Rolle. Aber bis 1950 hat es gedauert, bis Klopapier überall in Deutschland eingeführt war. Weitere interessante begebenheiten und Fakten rund um das Toilettenpapier erfährt man in der Papiermühle in einem separatem Raum. Hier darf man gern nebeneinander auf dem Toilettendeckel Platz nehmen und dabei einem Dokumentarkurzfilm lauschen. Ich mag solche leicht skurrilen Exponate zum Ausprobieren.

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Nicht weniger künstlerisch und ausgefallen ist der Kommunikationsbereich des Museums. Ein Staat ist ohne Wirtschaft und Verwaltung nicht denkbar – alle benötigen Papier. Papier ist die Kommunikation und das Gedächtnis. Zwischen zwei überdimensionalen Ordnerrücken betritt man dieses Ausstellungsraum. Papiere aus ganz unterschiedlichen Bereichen hängen von der Decke. Zum Start von Schreibstuben wurde peinlichst genau darauf geachtet, dass fleißig geschrieben wurde. Über Spionfenster und weiteren Spitzelmöglichkeiten wie Gucklöcher gehe ich auf Entdeckungsreise.

Wie funktioniert die Papierherstellung?

Wie die Papierhersteller von Bergisch Gladbach vor 400 Jahren lebten und arbeiteten, das und noch viel mehr erfährt man ebenfalls in der Papiermühle Alte Dombach. Harte Arbeit war das Leben in einer Papierfabrik. Lebensecht große Beispiele sind verschiedenen Szenarien aufgebaut. Alte Textilien dienten als Papier-Basisstoff. Früher mussten gesammelte Lumpen gereinigt und für die Papierentwicklung vorbereitet werden. Das war zumeist Frauen- und Kinderarbeit. Erst danach kamen die Maschinen zum Einsatz, die es heute auf dem gesamten Museumgelände zu sehen gibt. Angetrieben durch Wasserkraft wurde im Stampfwerk der Faserbrei für die Papierherstellung aufbereitet. Das anschließende Schöpfen, Sieben und Gautschen wurde in Handarbeit durchgeführt. Zeit-und platzintensiv war das darauf folgende Trocknungsverfahren. Schöpfer, Gautscher, Ableger – Viele Hände waren damals nötig um Papier herzustellen – all das wird sehr anschaulich in diesem LVR-Museum wieder lebendig. Papier wird mir bei der Besichtigung immer wertvoller.

Erst Mitte des 19. Jahrhunderts setzt die Mechanisierung der Papierherstellung ein. Vom freundlichen Museumspersonal erfahre ich, dass in der benachbarten Fabrikhalle beim Parkplatz noch eine echte PM4 steht. Die Papiermaschine ist 40 Meter lang, rund 5 Meter hoch und stammt aus dem Jahr 1889. Bis 1991 produzierte sie täglich bis zu 11 Tonnen Papier und kann hier im Original noch bewundert werden. Seine Augen leuchten bei der Beschreibung. Mit Blick auf die Uhr rät er mir allerdings für meinen heutigen Besuch noch an der Demonstration einer Papieranlage teilzunehmen und danach einmal selbst Papier herzustellen.

Industrie zum Anfassen

Respektvoll halten wir Abstand als der Museumsmitarbeiter sein Baby anwirft. Die Laborpapiermaschine beginnt laut zu rattern. Wie einfach in wenigen Schritten sich Papier heute herstellen lässt, wenn man in den letzten Ausstellungsräumen die schwere Art der Herstellung aus den letzten Jahrhunderten noch im Kopf hat. Kleine Kinder dürfen ganz nach nach vorne treten und Schritt für Schritt wird uns jeder Gang der Papiermaschine erklärt. Blaue Farbe wird eingefüllt und wir können noch besser die Herstellung beobachten. Industrie zum Anfassen und ein Stück wie die berühmte Sendung mit der Maus.

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Es ist nicht nur Papier, es ist Kunst!

Im Deutschlands größtem Papiermuseum kann man nicht nur ein Mühlrad, Lumpenstampfwerk und eine Laborpapiermaschine in Aktion erleben, sondern auch selbst Hand anlegen. Das juckt mir schon den ganzen Nachmittag in den Fingern. Im Kessel rührend werden wir über die Bestandteile im Wasser aufgeklärt und bekommen Wissenswertes zum Papierschöpfen mit Wasserzeichen vermittelt. Es sieht ganz einfach aus, wie die Museumsmitarbeiterin gekonnt und geschickt mit wenigen Handgriffen im Trog Papier mit einem Sieb schöpft, das Gemisch umdreht und rollend ablegt. Mein erster Versuch scheitert. Das Gute ist, dass das missglückte Papier wieder als Rohstoff in den Kübel wandert. Wieder durchrühren, damit die Zellstoffe sich neu verteilen und erneut meine Geschicklichkeit mit dem Schöpfrahmen unter Beweis stellen. Es gelingt. Es macht Spaß. Ich könnte in Produktion gehen! Allerdings ganztägig hätte ich das nicht als Beruf ausüben wollen. Da mein Papier erst trocknen muss, erhalte ich von einem anderen Museumsbesucher vor Tagen mein Papier stolz in den Händen. Ein tolles Erinnerungsstück und schöner Museumstag für jung und alt.

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8 Kommentare

  1. Ein toller Bericht ! Die Idee mit den Infos „auf der Toilette“ finde ich besonders interessant :) Hört sich nach einem wirklich tollen Ausflug an !

  2. Das Museum ist klasse und auch für Familien günstig, wie eigendlich alle LVR- Museen in der Region, die sich mit der Industriekultur und Lebensweise hier beschäftigen.

  3. Christiane

    da hast Du wieder einen schönen Ausflugtip besonders für Familien mit
    Kindern. Gerade die Papierherstellung ist so interessant und es ist wirklich ein Produkt, welches durch Recycling immer wieder verwendet werden kann. Wir sind dort auch schon gewesen, allerdings waren wir nicht im Museum [(vielleicht war Montag ;-)) ] Da ich in der Papierindustrie meine Industriekauffrauausbildung gemacht habe, die Firma stellte Kartonagen (Faltschachteln) für viele Firmen her, interssiert mich auch vieles um dieses Produkt Papier herum. Viele Grüße und ich bin immer wieder gespannt auf Deine Berichte.

      • Christiane

        nicht ganz vom Fach, aber ich habe in der Ausbildung den Weg vom Blatt / Karton bis zu fertigen Faltschachtel begleiten dürfen. Dazu gehörten auch die Arbeiten in der Technik (Fotos die gemacht wurden, Layouts etc) bis hin zur fertigen Druckplatte, die dann in Offsetmaschinen die Kartone bedruckte, die danach ausgestanzt wurden und durch Klebemaschinen liefen, um zu richtigen Schachteln zu werden. Es war eine schöne Zeit, leider wurde das Unternehmen verkauft und ich habe nach einem Jahr pendeln gewechselt. Allerdings in einen ganz anderen Bereich, wo ich aber dann 40 Jahre als Sachbearbeiterin in der Logistik verbracht habe. Aber das Druckgewerbe hat mich weiterhin immer sehr interessiert.

  4. Das ist ja mal ein spannender Ausflugstipp. Da muss ich unbedingt hin. Ich hab schließlich jahrelang bei einer Papierfabrik gearbeitet. Zwar in der IT, aber wie Papier produziert wird, lern man trotzdem.
    Und die Geschichte dazu lernen, klingt für mich super reizvoll.

    Danke für den Tipp, liebe Tanja

    • Der Rundgang um die Mühle ist ebenfalls wunderbar. Auch die Fabrikhalle sieht toll aus – hab nur durchs Fenster geschaut, da ich unterschätzt hatte, dass man hier einen ganzen Tag verbringen kann :-) Berichte mal, wenn Du da warst. Auch bitte vom Café, welches ich leider auslassen musste…

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