Café-Tipp: Einmal Nostalgie zum Mitnehmen bitte!

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Krempel? Kitsch? Trödel? Kunst? – Man weiß es nicht so genau, wenn man das Nostalgie Café der 50er und 60er Jahre in Velbert Neviges betritt. Auf jeden Fall ist dieses Café ausgefallen. Ein Besuch ist die Eintrittskarte für eine ganz persönliche Zeitreise und wer mag, für ein außergewöhnliches Shoppingerlebnis.

„Tassen! Ich sehe Tassen!“, rufe ich Janett entgegen und lege gleich einen Schritt zu. Ich liebe Tassen und solche Mädchendinge. Vor dem Nostalgie Café in Velbert Neviges bleiben Janett und ich stehen und lassen den Eindruck auf uns wirken. Trödelmarkt? Hotel? Café? Wir öffnen die Türe und bleiben erschrocken stehen. Sind wir in ein fremdes Wohnzimmer geraten? Waren wir hier richtig? An runden Tischen und auf dem Sofa sitzt man in geselliger Runde und genießt den sonntäglichen Kaffeeklatsch.

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Mir fällt die Kinnlade herunter. Ich muss den Nostalgie-Overflow erst einmal verarbeiten. Aus jeder Ecke des Cafés springt einem die vergangene Zeit entgegen. Ach was sag ich, jeder Millimeter wird genutzt. Wie paralysiert zücke ich meine kleine Kamera und fange an, Fotos zu schießen. Währenddessen geht Janett zur Bedienung, stellt uns erst einmal vor und fragt um Fotoerlaubnis. Das hatte ich bei diesem Anblick ganz vergessen.

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Wir bahnen uns einen Weg durch Zeitzeugen vergangener Jahre und finden einen freien Tisch. Wobei frei nicht ganz stimmt. Auch hier liegen Bücher und stehen Kerzenständer aus den 50er und 60er Jahren. Nach kaltem Februar Wind brauchen wir erst einmal was Heißes. Eine bergische Kaffeetafel gibt es leider nur mit Vorbestellung. Bergische Waffeln sind immer zu haben.

„So eine Frisur hattest Du auch mal!“, giggelt eine Frau am Nachbartisch zu ihrem Mann und zeigt auf ein Werbeplakat aus den 50zigern. Dazu klingt Mireille Mathieu von der Schallplatte. An einem anderen Tisch streichelt eine ältere Dame die Hand von ihrem Mann. Sie blättern gemeinsam in einer alten Zeitung und flüstern sich mit einem Lächeln etwas ins Ohr. Hier hat jeder seine Zeitreise: Ob als Ausflug zu Omas Zeiten oder in die eigene Kindheit oder Jugend. Jeder Besucher ist Teil dieses Nostalgie-(Kunst)-Werkes.

Alles was im Café steht oder zur Einrichtung gehört, ist zum Anfassen, Lesen oder Ausprobieren. Aber nicht nur das. Wer mag, kann auch entdeckte Schätze erwerben und nach seinem Cafébesuch mit nach Hause nehmen.

Die Geschichte hinter der Geschichte

Während wir genüsslich unsere Waffeln speisen, gesellt sich Lars Jestert, der Inhaber dieses besonderen Cafés, zu uns. „Wie kommt man dazu, so ein Café zu eröffnen??“, platzt es aus mir heraus. „Weil ich selbst gern in ein Café gehe.“, bekam ich zur Antwort und Lars erzählt uns die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte: Das Nostalgie Café ist seit rund sechs Jahren geöffnet. Zuvor hatte Lars 20 Jahre in Portugal gelebt. Wieder in seiner Heimat angekommen, vermisste er den mittäglichen Kaffeehausbesuch. In Neviges gab es kein Café. Das einzige Hotel im Ort hatte geschlossen. „Dann musste ich halt selbst ein Café auf machen.“ berichtet Lars und beschreibt, wie er in dem leer stehenden Hotel anfangs sich selbst Kaffee und Kuchen jeden Tag um 15 Uhr mitgebracht hatte und auf diese Weise sein persönliches Café eröffnete.

Die Räumlichkeiten des Hotels waren alle leer, dennoch zog seine tägliche Kaffeestunde Neugierige und Besucher an. „So musste jeder etwas mitbringen, was er zu Hause entbehren konnte.“, schwelgt Lars in seiner Vergangenheit. So füllten sich die Räume mit Stühlen, Tischen, Bildern und entwickelte sich immer mehr zu einem Erlebnislokal. Filmproduktionen haben hier inzwischen schon gedreht, Modenschauen aus den 40er, 50er und 60er Jahren finden regelmäßig statt. Auch eine Kleinkunstbühne gibt es im hinteren Teil des Hauses. Jeden Sonntag erwacht die Bühne mit einem kleinen Programm zum Leben – manchmal kommen auch Berühmtheiten verrät uns der Inhaber mit einem Augenzwinkern.
Fertig wird Lars Jestert wohl nie. Es gibt noch viele Räume zu bestücken. Aktuell arbeitet er an einem edlen 20er Jahre Caféraum im weiteren Teil des ehemaligen Hotels.

Was man in Velbert Neviges noch erleben kann

Lars Jestert ist nicht nur Kaffeehausbesitzer, sondern er betreibt auch die benachbarte Touristeninformation. „Macht ja sonst keiner.“, bekommen wir zu hören. Beeindruckt nicke ich. Vor allem auch, weil man nach Einfahrt in den Ort schon fast auch schon das Ortsende erreicht hat. Was soll es hier also geben, was eine Touristeninformation erfordert, frage ich mich. Bei Ortseinfahrt haben wir einen riesigen Betonklotz gesehen (und ehrlich gesagt auch etwas darüber gefrotzelt). Jetzt erfahren wir, dass dieses Bauwerk aus den 60er Jahren die zweitgrößte Kirche der Erzdiözese nach dem Kölner Dom ist. Neviges ist seit 1676 Wallfahrtsort. Der Mariendom zieht nicht nur heute noch viele Pilgerer, sondern lockt auch Architekturstudenten der ganzen Welt an. Eine Führung sollte man allerdings unbedingt bei Besichtigung buchen, rät uns Lars. Zu schwer erschließt sich sonst einem das kirchliche „Kunstwerk“ vom Baumeister Gottfried Böhm.
Ich sag’s immer wieder: Reisen bildet und man lernt immer wieder ganz interessante Menschen und deren spannende Lebensgeschichte kennen…

4 Kommentare

  1. Schon verrückt, was Du immer alles an ausgefallenen Cafés entdeckst. Tolle Location, wenn ich einmal nach Velbert komme muss ich da hin.

    Liebe Grüße, Heike

  2. Das ist ja irre! OK, ein wenig erschlägt es mich schon beim Anblick der Bilder: Da stecken ganz schön viele Erinnerungsstücke drin : ) Ein wirklich ungewöhnliches Konzept! Bei all den alten Dingen im Café: Ist es drinnen ein wenig muffig`Wie in einem alten Trödelladen? Oder überwiegt der leckere Kaffee- und Kuchenduft? Das habe ich mich gerade so gefragt… Die weißen Suppenterrinen mit Goldrand auf dem Bild mit dem Koffer sehen übrigens aus wie die, die ich von meiner Oma bekommen habe! Hab einen schönen Tag, liebe Grüße, Jutta

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