Ostfriesische Teestuben: Wo Kluntjes knistern und der Tee mit einer Rose gekrönt wird

Ungemütlich ist es draußen. Die Wolken hängen tief, es stürmt und der Wind peitscht nasskalt. Bei so einem Wetter ruft alles in mir nach einer guten Tasse heißem Tee – am liebsten zum Verkrümmeln im Warmen. In Ostfriesland Anfang Februar hab ich genau das getan: Ostfriesische Teestuben besucht und es mir so richtig gut gehen lassen:

Über 300 Liter pro Kopf sollen die Ostfriesen pro Jahr konsumieren. Das ist mehr als die 12fache Menge, die der “Durchschnittsdeutsche” genießt. Ich kenne keine andere Region in Deutschland, wo es so viele schöne Teestuben gibt wie in Ostfriesland. Bin ich dort, genieße ich ausgiebig die ostfriesische Teezeremonie. Kommt in diesem Artikel mit auf eine Reise durch Ostfriesland, wo Ihr wunderbar eine Teestunde mit besonderem Ambiente genießen könnt:

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Eerstmaal een Koppke Tee – Ostfriesentee gibt es fast überall

Ich kann es ehrlich gesagt nicht abwarten. Kaum im Hotelzimmer eingecheckt, verlasse ich es sogleich wieder. Schon im Auto habe ich mich auf eine gute Tasse Tee gefreut. Ich hätte auch “die normale” Tasse genommen. Verzückt bin ich allerdings, dass mir im Köhler Ringhotel in Aurich auch beim gemütlichen Flackern des Kamins die blauweise Teekanne mit Stövchen, zugehörigen Kluntjes und Sahne kredenzt wird. In Ostfriesland muss man nicht unbedingt in einer Teestube sein, um guten Tee zu trinken. Während draußen weiter der Wind pfeift und der Regen gegen die Fenster platscht, genieße ich, wie der heiße Tee vor mir den Kandis zum Knistern bringt. Ein paar Sahnetropfen lass ich mit dem eigens ostfriesischem Schöpflöffel in meine Tasse laufen und bestaune gedankenverloren dabei die aufsteigenden Wölkchen. Ich kann also auch meine eigenen Wölkchen machen und Ihr dürft mich Göttin nennen ;-)

Bei dem Schiedwetter mache ich mir meine eigenen Wolken 😉

Ein von V I E L W E I B O N T O U R (@vielweib_kr) gepostetes Video am

Ostfriesentee im historischem Fehnhaus

Ich muss mich verfahren haben, analysiere ich den verlassenen Weg vor mir. Das Navigationsgerät strahlt weiterhin “Vertrau mir” aus und weist unberührt den Weg voran. Links Felder, rechts Felder so weit das Auge reicht und schon lange kein Auto mehr in Sicht – wäre bei der Straßenbreite auch problematisch gewesen. Kurz bevor ich aufgebe und umdrehen will, sehe ich eine kleine Häuseransammlung in der Dämmerung und stehe kurze Zeit später vor dem gesuchtem Grootschem Huus. Ich bin in Ihlowerfehn und stelle jetzt fest, dass auch zivilisiertere Wege zum Ziel geführt hätten. Man sollte sich vielleicht nicht immer bedingungslos auf sein Navi verlassen. Andererseits entdeckt man sonst so schöne Ecken? Wenn mich das Verfahren eines gelehrt hat: Es war immer ein Gewinn! Aber das ist ein anderes Thema.

Teedurstig suche ich zunächst den Eingang. Wie für ein über 200 Jahre altes Haus üblich, ist das Dach ganz tief, fast bis zum Boden gezogen. Die erste Tür ist geschlossen, auch die zweite. Enttäuscht wende ich mich ab und entdecke dann doch einen Lichtschein. Einen Moment später wird die Tür aufgerissen: “Moin! Da müssen Se schon een büschen fester die Klinke drücken.”, begrüßt mich der Hausherr mit einem Lächeln und wird sich sicher auch so einiges über seinen ungeschickten Besuch schmunzelnd gedacht haben. Nicht nur die Türe ist ein Relikt aus alter Zeit, das ganze Haus birgt Schätze der Vergangenheit.

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Ich betrete das restaurierte Fehnhaus und zücke schon am Eingang meine Kamera. Die gemütliche Teestube ist zugleich auch Fehnmuseum. Überall finden sich zahlreiche Ausstellungsstücke alter, ostfriesischer Handwerkskunst. Nach Fototour setze ich mich zum Kamin. Das Feuer knistert angenehm und taucht die alten ostfriesischen Kacheln in sanftes Licht. Der selbstgebackene Kuchen schmeckt zum Ostfriesentee wunderbar und dabei entdecken meine Augen noch viel mehr Ausstellungsstücke in dem mit Liebe hergerichtetem historischen Haus.

Zwillingsmühlen vor den Toren von Greetsiel

Zwillingsmühlen vor den Toren von Greetsiel

Teetied in der Schoofs Mühle

Greetsiel ist für mich die ostfriesische Perle des Nordens. Direkt am Eingang des alten Fischerdörfchens stehen zwei große Zwillingsmühlen. Stolz sieht man sie schon von Weitem über das Land thronen. In der ersten Mühle befindet sich Schoofs Mühlencafé. Für mich bei einem Besuch von Greetsiel schon Tradition: Erst einmal hier einkehren und einen guten Tee genießen. Das letzte Mal war ich im Sommer dort und ergatterte noch einen Platz auf der Terrasse direkt am Wasser. Heute fegt der Wind im Februar und ich nehme das erste Mal im kleinen Innenraum Platz. Das Café liegt im ehemaligen Kornspeicher der roten Mühle, die ab und an aktiv ist. Zum Ostfriesentee erhalte ich den Kuchen mit Gabel und Messer. Ein Markenzeichen des Hauses und bei der sahnigen Sünde durchaus angenehm.

Die Holländertorte hat es mir heute angetan - Der Kuchen heißt so und es hat nichts mit der Mühlenart zu tun.

Die Holländertorte hat es mir heute angetan – Der Kuchen heißt so und es hat nichts mit der Mühlenart zu tun.

In der Schoofs Mühle gibt es sogar ein eigenes Teeservice.

In der Schoofs Mühle gibt es sogar ein eigenes Teeservice.

Ein paar Schritte vom Café befindet sich der Mühlenladen. Neben ein wenig Kitsch und nettem Service gibt es vor allem selbst gebackenes Brot aus der Mühle. Da kommt kein Bäcker mit, sage ich Euch – das Brot schmeckt einmalig!

Mühlenbrot - sehr köstlich und schmackhaft!

Mühlenbrot – sehr köstlich und schmackhaft!

Poppingas alte Bäckerei

Ebenfalls in Greetsiel, nicht weit von den Zwillingsmühlen entfernt, liegt das alte Haus der Dame Poppinga. Das Auto müsst Ihr am Ortseingang von Greetsiel stehen lassen. Ab hier geht es nur zu Fuß weiter. Am Siel Nähe des Hafens mit den alten Kuttern liegt das historische Haus, wo einst Frau Poppinga Brot und Bonsche verkauft hat. Das Dorf hat Bilderbuchcharme und die Café den Flair einer Puppenstube.

Greetsiel am alten Hafen hat Bilderbuchflair

Greetsiel am alten Hafen hat Bilderbuchflair

Die Tür knarrt bei meinem Eintreten und ich stolpere in Omas Zeiten. Das Haus aus dem 17. Jahrhundert ist seit 1982 eine Teestube und Museum. Im Eingang entdecke ich jedoch keine Cafébestuhlung sondern finde mich in einem alten Tante Emma Laden wieder. Verkaufstresen und Ladeneinrichtung stammen noch original aus dem 19. Jahrhundert. Die letzte Bewohnerin der ehemaligen Bäckerei – Mareike Poppinga – hat hier bis 1973 noch Brot und Süßigkeiten verkauft.

Der alte Kaufmannsladen wirkt lebendig.

Der alte Kaufmannsladen wirkt lebendig.

Über Stufen gehe ich nach unten in den früheren Backraum und Küche. Zwischen alten Bäckerutensilien und Kamin stehen gemütlich Tische und laden zu einer perfekten Teestunde ein. Tee gibt es hier stilecht mit Porzellan der Osfriesenrose. Ich genieße meinen Tee und wundere mich, warum das neben mir befindliche Schrankbett so extrem klein ist. „Mit zwei bis drei Personen haben sie früher in den Butzenbetten übernachtet“, erfahre ich von der freundlichen Bedienung. „Früher hat man meistens im Sitzen in diesen Alkoven geschlafen – aus Angst, dass der Tod einem im Liegen holt.“

Bei der schaurigen Geschichte wärme ich mich weiter mit Tee. Ostfriesisch werden die Teeblätter im Poppinga in die Kanne für ein freies Entfalten gelegt. Wird der Tee zu stark, kann man heißes Wasser nachbestellen.

Erlebniswelt ostfriesische Teekultur

Das Teemuseum in Norden befindet sich im historischem Rathaus. Hier könnt Ihr nicht nur in die weltweite Teekultur eintauchen, sondern auch viel Heimatgeschichte zur ostfriesischen Teekultur genießen. Besonders einladend ist die Teeküche des Museums. Urig sieht der raum mit alten Schränken und heimeligem Ofen aus. Für Besucher steht immer ein Köppken heißer Ostfriesentee bereit. Wenn Ihr Glück habt, könnt Ihr an einer begleiteten Teezeromonie teilnehmen. Ostfriesische Teekultur ist nicht touristische Höflichkeit, sondern um gelebtes Kulturgut. Mehr zu meinem  genussvollem Museumsbesuch findet Ihr hier.

Weitere lohnenswerte Teestuben und -erlebnisse

Je nach Saison haben die Teestuben nur Nachmittags oder lediglich am Wochenende geöffnet. Bei der Planung hatte ich weitere Teestuben auf meiner Genussreiseliste, stand jedoch durchaus mal vor verschlossenen Türen, weil ich entweder zu früh oder zu spät dran war. Hier daher noch weitere Tipps für Euren Teegenuss:

  • Teestube Kluntjes in Aurich
    Direkt an der Mühle gelegen, wirkt das Café zum Abend hin sehr gemütlich. Leider war ich bei meinem ersten Besuch vor 14 Uhr da, bei meinem zweitem Eintreffen nach 18 Uhr. Bin ich wieder in der Region, werde ich in diesem Café einmal meinen Tee genießen und den Ausflug mit einer Mühlenführung kombinieren.
  • Teepott beim Hafenmeister in Neßmersiel
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    Bei meinem letzten Besuch in Neßmersiel herrschten tropische Temperaturen von weit über 30 Grad. Heute fegt der Wind mich auf dem Deich fast davon – und das soll bei einem Vielweib schon etwas heißen ;-) Durchgefroren steige ich die Stufen bei der Hafenmeisterei hoch. Hier oben befindet sich eine Pinte, bei der ich aus Erfahrung meines letzten Urlaubs weiß, dass der Tee schmeckt, man gemütlich auf das Meer schauen kann und der Service sehr freundlich ist. Leider war ich um 15 Uhr mit der Sehnsucht einer Teestunde mit Meerblick nicht allein. Zwischen Grünkohl-Pinkel-Essen und Kaffeeklatsch war bis auf den letzten Platz alles besetzt. Wenn Ihr in der Nähe seit, lohnt ein Besuch der “einfache Kneipe” – auch für echten Teegenuss mit Teekanne und Stövchen. Leider gibt es keine Website, auf die ich für Euch verlinken kann. Aber immer Richtung Hafen und kurz vor dem Meer oder Watt habt Ihr linker Hand Euer Ziel erreicht.
  • Leer lohnt – Noch ein Teemuseum
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    Dieses Mal war ich nicht in Leer. Solltet Ihr noch nicht hier gewesen sein: Unbedingt in die Reiseplanung aufnehmen. Ein Spaziergang durch die Altstadt ist schön. Der Hafen lädt kulinarisch zum Verweilen ein und auf jeden Fall ist das Bünting-Tee-Museum auch einen Besuch wert. Platz im Gepäck lassen, ich glaube ich habe noch nie so viele Tassen, Tee und Teezubehör aus einem Urlaub mit nach Hause geschleppt. ;-)
  • Teestunde im Ammerland
    Nicht ganz Ostfriesland, aber dicht dran: Bad Zwischenahn. Spontan kündigte sich Besuch aus der Nähe von Hamburg an. Als Treffpunkt erkoren wir die Seerose am Bad Zwischenahner Meer. Tee gab es auf dem Stövchen und schmeckte wunderbar. Wenn man wie ich aus Neugier eine Ostfriesentorte bestellt, aber so gar keine Sahnetorten und eingelegte Rosinen besonders mag, muss man sich nicht wundern, wenn der Kuchen einem nicht besonders schmeckt ;-)

Kurzüberblick Teestuben in Ostfriesland

(Für die Öffnungszeiten schaut der Teestuben Ihr am besten vor Eurem Besuch auf der jeweiligen Internetseite nach, da diese nach Saison variieren und oft spontan angepasst werden.)

Köhlers ForsthausDe Grootsche HuusTeemuseum NordenSchoofs MühlencaféPoppingas alte BäckereiTeestube KluntjesBünting Teemuseum in Leer
 Köhlers Forsthaus Ringhotel

Adresse: Hoheberger Weg 192, 26605 Aurich

 De Grootsche Huus

Adresse: Moorweg 35, 26632 Ihlowerfehn

 Teemuseum in Norden

Adresse: Am Markt 36, 26506 Norden

 Öffnungszeiten: Das Museum hat ganzjährig und auch am Montag geöffnet. Je nach Saison sind die Öffnungszeiten unterschiedlich und könnt Ihr hier nachlesen.

 Erwachsene zahlen 6 Euro, Kinder 2 Euro, es gibt Ermäßigungen und Gruppen- und Familientarife.

 Schoofs Mühlencafé

Adresse: Mühlenstraße 2, 26736 Krummhörn (Greetsiel)

 Poppingas alte Bäckerei

Adresse: Sielstraße 21, 26736 Krummhörn (Greetsiel)

 Teestube Kluntjes

Adresse: Oldersumer Straße 28, 26603 Aurich

 Bünting Teemuseum

Adresse: Brunnenstr. 23, 26789 Leer

Habt Ihr noch weitere Tipps für gemütliche und besondere Teestuben in Ostfriesland? Bitte her damit – ich freue mich schon auf meine nächste Reise in den Norden.

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2 Kommentare

  1. Mit dem Beitrag hast Du Dich selbst übertroffen. Er ist total schön geschrieben. Die Beschreibung der Teestuben und wie du sie gesehen hast, gefällt mir total gut.
    Vielen Dank für die kleine Auszeit. Ich gehe mir jetzt mal einen Tee kochen.
    Liebe Grüße
    Heike

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