Ausflug ins Lebkuchendorf im Teutoburger Wald: Von Moppen, Ammoniten und viel Tradition

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Nürnberger Lebkuchen und Aachener Printen kennt jeder. Borgholzhausen als Lebkuchendorf war mir jedoch bisher gänzlich unbekannt. Dabei findet sich genau hier eine ganz besondere Lebkuchenmanufaktur mit langer Tradition und viel spannende Heimatgeschichte. Ich fahre durch Wiesen und Wälder. Am nördlichen Ende Nordrhein-Westfalens kurz vor Niedersachsen liegt an einem Pass des Teutoburger Waldes das kleine Dörfchen Borgholzhausen. Ich brauche nicht lange suchen, als ich neben einem Fachwerkhaus das Landcafé entdecke. Der Duft von Koriander, Ingwer, Nelken und Muskat liegt leicht in der Luft.

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Landcafé von Ravensberg im Herzen von Borgholzhausen

Mit Blick auf meinem Zettel weiß ich allerdings noch nicht, ob ich hier richtig bin: Heinrich Schulze steht mit großen Lettern am alten Haus, von Ravensberg soll das Café heißen und Peter Knaust soll ich hier treffen. Aber all das hat seine Richtigkeit, wie ich bei einer gemütlichen Tasse Kaffee wenig später erfahre. Auf dem nostalgischem alten Sofa, eingerahmt von alten Holzmöbeln, sitzen mir Peter und sein Sohn Arne gegenüber. Nimmt man die Ahnengalerie auf der dahinter liegenden Wand dazu, blicke ich auf sechs Generationen „Lebkuchenbäcker“.

Peter und Arne Knaust in ihren traditionsreichem Café

Peter und Arne Knaust in ihren traditionsreichem Café

Wie kommt der Lebkuchen nach Borgholzhausen?

Während wir plaudern und Lebkuchengebäck naschen, erfahre ich eine Menge zum Weihnachtsgebäck. „Eigentlich ist Lebkuchen kein Weihnachtsgebäck.“, berichtet mir Peter Knaust. Lebkuchen gab es früher weit verbreitet das ganze Jahr über und wurde erst nach dem Krieg zum besonderen Genussartikel zur Weihnachtszeit vermarktet. Das kräftig gewürzte Gebäck ist sehr haltbar. Ein Grund, warum es diese süße Köstlichkeit ganzjährig gab. Ursprünglich gab es Lebkuchen vor allem auf dem Jahrmarkt. 1830 gründete Johann Heinrich Schulze seine Firma in Borgholzhausen und versorgte umliegende Jahrmärkte bis Münster als Wanderverkäufer mit der Kiepe.

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Ursprünglich wurde der Borgholzhausener Lebkuchen auf Jahrmärkten verkauft. Auch heute noch ist die Herstellung Handarbeit.

Ich nippe an meinem Kaffee und lausche gespannt den Ausführungen von Peter Knaust. Vor meinem inneren Auge sehe ich den Lebkuchenbäcker mit seiner Kiepe auf Wanderschaft. Aber warum wurde gerade hier Lebkuchen gebacken? Auch darauf weiß Peter die Antworten. Die Region war früher für Textilien bekannt, Flachs wurde angebaut. Wo Flachs angebaut wurde, gab es viele Bienen. Eine der Grundvoraussetzungen für Lebkuchen: Ausreichend Honig musste zur Verfügung stehen. Liegt heute Borgholzhausen auf dem Hermannsweg und im TerraVitaGeopark, so war auch damals schon die Lage zentral für naheliegende Handelsrouten. Benötigte Gewürze aus Holland erhielten mit Carl Knaust Einzug in die Lebkuchenfabrik.
Früher gab es sogar viele Lebkuchenbäcker im Dorf. Das nachbarschaftliche Dissen am Teutoburger Wald wurde damals vom Königreich Hannover regiert. Bei Steuererhöhungen bot es sich quasi an, ein paar Meter weiter nach Nordrhein-Westfalen ins Nachbardorf überzusiedeln. Fasziniert lausche ich den spannenden Geschichten aus der Vergangenheit.

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Moppen sind eine der ältesten Lebkuchensorten, die in Borgholzhausen hergestellt werden. Heute wie damals werden sie nach der überlieferten Rezeptur gebacken.

Rezepturen von damals auch heute noch ein Genuss

Heinrich Schulze hatte nur Töchter und so heiratete der Geselle Carl Knaust ins Unternehmen ein. Er reist nach Holland und in die USA, lernt von anderen Bäckerbetrieben, findet erlesene Gewürze und verfeinert immer mehr seine Lebkuchenrezepte.

„Man nimmt 2 Schep Siroop und 3 Schep Honig und etwas braunen Sandzucker und etwas Alaun, und das kocht man dann ¼ Stunde und dann macht man einen Teig von ordinärem Rockenmehl.“

Heute wie damals werden die Köstlichkeiten nach alten Rezepturen vorwiegend per Hand hergestellt.

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Im Landcafé kann man im Sommer auch Lebkuchen auf der Terrasse genießen.

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Hinter dem Landcafé Schulze liegt in der historischen ehemaligen Segeltuchfabrik heute die Lebkuchenmanufaktur.

Auf in die Backstube

An meinem Besuchstag hat die Backstube Winterpause, aber ich darf dennoch einen Blick hinter die Kulissen der Manufaktur werfen. Eine Betriebsbesichtigung ist auch für Euch mit Anmeldung möglich und dauert ca. 45 Minuten. Über den Hof auf der Terrasse vorbei laufen wir zur heutigen Produktionsstätte. Auch wenn heute in der alten Fabrik alles still steht, duftet es hier wunderbar. Peter und Arne halten für mich eine Überraschung bereit. In den oberen Räumen der Bäckerei wartet Meike Theis auf mich. Seit über 18 Jahren verziert sie im Hause Lebkuchenherzen und ist genauso mit Leidenschaft dabei wie ihr Chef. Sie verziert Lebkuchen in allen Variationen. Neben Produkten, die im Laden gekauft werden können, fertigt sie auch ausgefallene und individuelle Bestellungen an. Selbst die Schablonen zu den Mustern werden von Meike und ihrem Team eigens entworfen und fabriziert.

Meike Theis auch nach über 18 Jahren Zuckerbäckerin mit Leidenschaft

Meike Theis ist auch nach über 18 Jahren Zuckerbäckerin mit Leidenschaft

Gekonnt und mit Elan schreibt sie kunstvoll und mit gleichmäßig, geschwungener Schrift auf den köstlich duftenden Herzen. Was so einfach bei Meike aussieht, entpuppt sich als wahres Kunsthandwerk. Ein paar „Rohlinge“ liegen aus und ich darf mich selbst als Zuckerbäckerin versuchen. Etwas zittrig führe ich die Tülle. Wirklich nicht einfach sich auf den Herzen zu verewigen ;-)

Zum Abschluss meiner Runde in die Fabrik und eigener Lebkuchbeschriftung zeigt mir Arne noch das hauseigene Wichtelherzenbuch für Kinder von Rüdiger Paulsen. Ob jung oder alt – hier hat man sich für jeden Gast etwas besonderes ausgedacht. Während ich mit Arne durch das Lebkuchen-Bilderbuch stöbere probiere ich erstmalig eine alte Delikatesse: Honigkuchen mit Butter auf Schwarzbrot. Sehr Lecker und solltet Ihr unbedingt selbst einmal probieren“

Stolz trage ich mein erstes, eigens beschriftetes Lebkuchenherz nach Hause. An den schönen Kolonialwarenladen komme ich natürlich nicht vorbei. Wie in alten Zeiten ist auch hier alles belassen worden. Ich schnappe mir einen Korb und finde neben Moppen, Nussecken noch vielerlei Köstlichkeiten. Wenn man schon mal in der Lebkuchenstadt ist, muss man das doch ausnutzen, oder? Übrigens, wenn Ihr jetzt auch Lust auf Artikel der Lebkuchenmanufaktur habt, so könnt Ihr diese aus der Ferne bestellen. Einen Ausflug nach Borgholzhausen würde ich Euch allerdings raten. Es gibt im Umland auch noch viel mehr im Herzen des Teutoburger Waldes zu entdecken.

Zeitreise auch im Nachbarhaus

Der genussvolle Besuch sollte auf jeden Fall mit einem Besuch des benachbartem Heimatmuseums abgerundet werden. Gleich nebenan findet Ihr die weltweit größte Ansammlung von Riesen-Ammoniten sowie eine 240 Millionen Jahre alte Saurierfährte. In dem Geogarten hinter dem Heimathaus ist die 250 Millionen Jahre alte Erdgeschichte des Teutoburger Waldes anschaulich und zum Greifen nah. Im Haus selbst stöbere ich durch lokale Geschichte und spüre die alten Zeiten der Region. Das Museum ist ab dem April wieder geöffnet. Regelmäßige Öffnungszeiten sind mittwochs und sonntags von 15.00 bis 18.00 Uhr.

Das versteckte Schloss

Nach diesem genussvollen Ausflug und Zeitreise mache ich mich wieder auf dem Weg aus der ländlichen Region Richtung Bielefeld. Nicht ohne einen Zwischenstop, den Peter Knaust mir ans Herz gelegt hat: Wenige Kilometer vom Ort liegt in einer Seitenstraße versteckt das Wasserschloss Brincke. Hier ist Privatgelände und ich schaue lieber nur von der Ferne. Prachtvoll schmücken Herrenhaus und Kirche die Landschaft hinter den Tannen. Führungen gibt es nur nach vorheriger Absprache.

Wasserschloss Brincke und Kirche - Besuchsmöglichkeit nach vorheriger Absprache

Wasserschloss Brincke und Kirche – Besuchsmöglichkeit nach vorheriger Absprache

Links und weitere Informationen im Überblick:

Auf der Suche nach dem Genuss war Wolfgang ebenfalls schon einmal in Borgholzhausen und hat weitere Tipps für Euch.

Offenlegung: Meine Reise wurde unterstützt vom Tourismus NRW e.V. und dem Teutoburger Wald Tourismus. Ganz herzlichen Dank für die tollen Erlebnisse. Meine Meinung bleibt wie immer die eigene.
Wenn Ihr mehr zu Ausflugszielen und Reisetipps zu NRW wissen wollt, folgt im Socialweb dem Hashtag #DeinNRW.

7 Kommentare

  1. Was für ein schöner Bericht ! Bei uns gibt’s Lebkuchen auch das ganze Jahr. Sie schmecken einfach so gut, und wie auch in Deinem Artikel erklärt, man kann sie so lange aufbewahren !
    Liebe Grüsse und alles Gute für 2016 !

  2. Hallo Tanja,

    ein wirklich schöner Bericht! Das werden wir uns gerne bei nächster Gelegenheit vor Ort anschauen.
    Liebe Grüße
    Petra

  3. Das es Lebkuchen auch östlich von Aachen gibt, das wusste ich auch noch nicht. Und dann in einer so schönen und ganz offensichtlich sehr liebevoll geführten Manufaktur. Das klingt toll.

    Sehr schön geschrieben und viele schöne Bilder, liebe Tanja. Der Text spiegelt die Leidenschaft wider, mit der das Unternehmen geführt wird.

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